Aktualisiert 08.03.2012 12:32

Fall Kampusch

«Eine Zug-Leiche sieht anders aus»

An Wolfgang Priklopils Selbstmord zweifelte bisher niemand. Nun sind jedoch Dokumente aufgetaucht, die auf eine Ermordung des Kampusch-Entführers hindeuten.

von
K. Leuthold/F. Burch/M. Gilliand

Hat sich Wolfgang Priklopil, der Entführer von Natascha Kampusch, am 23. August 2006 vor den Zug geworfen? Ja, lautete stets die offizielle Version der Wiener Staatsanwaltschaft. Nicht alle aber sind von dieser einfachen Erklärung überzeugt. Zu viele Hinweise führen inzwischen in eine andere Richtung - womit wir keineswegs flachen Verschwörungstheorien das Wort reden wollen.

Einer, der schon länger Zweifel an der offiziellen Darstellung äussert, ist der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofes in Wien, Johann Rzeszut. Für das frühere Mitglied der Kampusch-Evaluierungskommission ist der Abschiedsbrief des Entführers ein äusserst mysteriöses Beweisstück, das die Selbstmordthese in Frage stellt.

Keine Blutentnahme, kein Beweismaterial

Aufgrund eines graphologischen Gutachtens, das vom österreichischen Bundeskriminalamt im November 2009 in Auftrag gegeben wurde, bestehen erhebliche Zweifel daran, dass Wolfgang Priklopil sein letztes Schriftstück, auf dem einzig das Wort «Mama» stand, selber verfasst hat (siehe Diashow). Dafür entdeckten die Experten markante Ähnlichkeiten mit der Schrift seines besten Freundes, Ernst H.*, der die letzten Stunden beim Entführer war. «Der Vergleich des fraglichen Wortes ‹Mama› mit den vorliegenden Schriftproben von Ernst H. erbrachte einzelne aufzeigenswerte graphische Übereinstimmungen», heisst es im Handschriftenvergleich. Unter anderem sind ausgeprägte Merkmale in «Form und Bau des Anfangsbereichs ‹Ma› festzustellen.»

Auch die Art und Weise, wie die Leiche auf den Schienen lag, machte den damaligen Leiter der SOKO-Kampusch, Chefermittler Franz Kröll, stutzig. Der Tatort habe «inszeniert» ausgesehen, meinte er im Jahr 2009 gegenüber seinem Team. Der nahezu unversehrte Körper lag auf der einen, der abgetrennte Kopf auf der anderen Seite der Schienen (siehe Diashow). Als ob jemand ein besonderes Interesse gehabt hätte, dass Priklopil sofort erkannt und kein Blut für eine toxikologische Analyse entnommen wird, lautete Sonderermittler Krölls These. Wer Selbstmord begehen wolle, springe vor den Zug – und dann werde die Leiche über einen Kilometer verstreut.» Chefermittler Kröll tötete sich im Juni 2010 selbst, nachdem die Untersuchung – trotz der vielen Ungereimtheiten – von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden war.

Störfaktor Priklopil?

Karl Kröll, der Bruder des Sonderermittlers, äussert sich gegenüber 20 Minuten Online: «Mein Bruder sagte, dass Leute, die sich umbringen wollen, sich nicht mit dem Kopf auf ein Gleis legen.» Karl Kröll spricht seinen Verdacht offen aus: «Der wurde dort hingelegt. Ich glaube, dass Ernst H. den zweiten Täter beseitigen musste, denn Priklopil hätte vielleicht etwas erzählt.»

Ex-Richter Johann Rzeszut sekundiert: «Zweifel an der Version des Suizids sind legitim. Ich persönlich habe auch solche.» Für ihn ist der angefangene Abschiedsbrief der Schlüsselfaktor: «H.s Version, dass Priklopil begonnen habe an seine Mutter zu schreiben und nach dem Wort ‹Mama› aufgehört habe, ist für mich aus der Alltagserfahrung heraus völlig unplausibel. Ein 40-jähriger Mann, der sich von seiner Mutter verabschieden will, schreibt mindestens einen oder zwei Sätze, in denen er sagt ‹Ich kann nicht mehr, es tut mit leid, danke für alles› oder so was in der Richtung.»

Ein ungewöhnlicher Obduktionsbericht

Rzeszuts Theorie wird durch das Bildmaterial der Leiche gestützt. Die Bilder vom Ort des Geschehens, die 20 Minuten Online vorliegen, zeigen einen fast intakten Kopf und einen wenig verletzten Körper (siehe Diashow). Laut Ergebnissen eines österreichischen Bahnspezialisten-Teams ist es schlicht unmöglich, dass ein Mensch, der von einem damals eingesetzten Zugtyp überfahren wurde, so aussieht wie die Priklopil-Leiche. Denn: Bei diesen Lokomotiven waren an der Front Rechen angebracht, die einen Maximalabstand von 13 Zentimetern zu den Geleisen aufwiesen. Deshalb wären der Kopf oder der Körper oder beides - je nachdem, wie die Person auf den Schienen lag - zerfetzt worden. Obduktionsbilder müssten darüber Aufschluss geben.

Auffällig findet der frühere oberste Richter Rzeszut, dass bei der Obduktion keine Körpertemperaturmessung durchgeführt wurde - was bei aussergewöhnlichen Todesfällen, also nicht natürlichen Todesfällen, zu den Standarduntersuchung des Leichnams gehört. Ebenfalls versäumt wurden Untersuchungen auf mögliche toxische Einwirkungen. Dass nach dem Unfall keine Blutentnahme an der Leiche vorgenommen wurde, ist aus seiner Sicht «ein atypischer Vorgang».

Nicht alle Zeugen befragt

Weiter wurden nicht alle Zeugen befragt. Der Zugführer sagte aus, er habe einen «hellen Schatten» wahrgenommen und dann eine Schnellbremsung eingeleitet. Die Geschwindigkeit dürfte etwa 40 km/h betragen haben. Ausgestiegen ist der Zugführer aber nicht selber. Ein Zugbegleiter ging nachschauen und stiess auf die Leiche Priklopils. Falls damals aber wirklich eine Person lebendig überfahren worden wäre, hätte wohl viel Blut fliessen müssen. War das so? Die Frage bleibt ungeklärt, denn der Augenzeuge, der Priklopils Leiche fand, wurde nie befragt. Die These, es sei zur Täuschung etwas auf die Schienen gelegt und die Leiche nach der Schnellbremsung auf die Geleise gelegt worden, steht deshalb weiter im Raum.

Hat sich der Kampusch-Entführer also doch nicht selber vor einen fahrenden Zug geworfen? Um diesen Verdacht zu erhärten, fehlen ganz offiziell zwei der wichtigsten Beweismittel: eine Blutentnahme an der Leiche kurz nach dem Tod und die Aussagen von Zeugen. Beides wurde von den Behörden verschlampt. Die Befragungen müssten dringend nachgeholt werden. Für die Blutentnahme ist es jedoch zu spät: Der Leichnam von Wolfgang Priklopil wurde kurz nach seinem Tod kremiert. Margit W.*, die Schwester von Ernst H., übernahm die Organisation rund um das Begräbnis von Wolfgang Priklopil und liess die Urne mit Priklopils Asche in einer von ihr erworbenen Grabparzelle bestatten.

Ernst H. - für den die Unschuldsvermutung gilt - nahm zum Fall keine Stellung. Sein Anwalt Manfred Ainedter sagte zu 20 Minuten Online: «Dazu können und wollen wir uns zurzeit nicht äussern.»

*Namen der Redaktion bekannt

(Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

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