Rollentausch: Einen Morgen lang als «Surprise»-Verkäuferin
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RollentauschEinen Morgen lang als «Surprise»-Verkäuferin

Schmerzende Beine, böse Blicke, kalte Hände: Wie fühlt es sich an, einen Morgen lang das «Surprise» zu verkaufen? Ein Selbstversuch.

von
Jeanne Dutoit
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Tatjana Georgievska, die langjährige Verkäuferin im «Surprise» Hauptquartier.

Tatjana Georgievska, die langjährige Verkäuferin im «Surprise» Hauptquartier.

Seit zehn Jahren verkauft sie sechs Tage die Woche das Strassenmagazin.

Seit zehn Jahren verkauft sie sechs Tage die Woche das Strassenmagazin.

Ohne Nebenjob käme sie nicht über die Runde aber sie liebt ihren Verkäufer Job.

Ohne Nebenjob käme sie nicht über die Runde aber sie liebt ihren Verkäufer Job.

«Ich liebe meine Kunden sehr», sagt Tatjana Georgievska (44). Die gebürtige Mazedonierin, die seit ihrer Ankunft in der Schweiz das «Surprise» verkauft, kann sich ein Leben ohne Strassenmagazin nicht mehr vorstellen. Zehn Jahre lebt sie bereits in Basel und steht täglich sechs Tage die Woche an ihrem Stammplatz im Bachletten Coop.

Reich wird sie mit dem Verkauf nicht. «Ich gehe nebenbei putzen, sonst könnte ich nicht überleben», sagt die 44-Jährige. Fr. 3.30 zahlt sie aus ihrer eigenen Tasche für ein Heft, um es für sechs Franken an den Mann oder die Frau zu bringen. Je nach Monat verkauft die quirlige Verkäuferin zwischen 150 bis 200 Magazine. «Im Dezember sind die Leute am grosszügigsten», sagt sie. Rund 540 Franken kommen so in einem guten Monat zusammen.

Nicht zu offensiv verkaufen

Nun wage ich mich an den Selbstversuch und versuche mich als «Surprise»-Verkäuferin. Tatjana nimmt mich unter ihre Fittiche. Sie übergibt mir ihren Stammplatz und verrät mir wichtige Tipps: «Rauchen, essen oder am Handy rumzudrücken wird von den Kunden nicht gerne gesehen, Schatzi», instruiert sie. Zudem solle man nicht zu offensiv auf die Kundschaft zugehen. «Ein Guten Tag gefolgt von einem freundlichen Nicken reichen völlig aus», sagt sie und geht einen Kaffee trinken.

Ausgerüstet mit knallroter «Surprise»-Mütze und eigenem Verkaufsausweis stehe ich nun zwischen Schokopulverregal und Swisslos-Stand. Die erste halbe Stunde ist hart. Warm eingepackte Menschen strömen durch den Eingangsbereich und würdigen die frisch gebackene, rotbemützte Strassenverkäuferin keines Blickes. Tatjanas Anweisungen im Hinterkopf, buhle ich mit einem diskreten Lachen um die Aufmerksamkeit der Kundschaft – und gebe die Hoffnung nicht auf.

Ziel: Fünf Magazine verkaufen

Nach 30 Minuten verhilft mir ein freundlicher Herr mit zwei quengelnden Kindern zum ersten Erfolgserlebnis. Es wäre ja furchtbar unangenehm gewesen, kein Exemplar zu verkaufen und am Ende des Morgens mit einem Stapel unverkaufter Zeitschriften dazustehen. Nun wird das Ziel höher gesteckt: fünf Stück müssen bis zur Mittagspause weg. Der Magen beginnt kurz darauf zu knurren und die Beine schmerzen vom Stehen. Zudem nervt der Durchzug, der die Hände und schmerzenden Füsse kalt werden lässt.

Dennoch gelingen mir weitere Verkäufe. Und mit jedem Magazin, das ich loswerde, fällt mir ein kleiner Stein vom Herzen. Von acht verkauften «Surprise» inklusive neun Franken Trinkgeld kann ich Tatjana nach ihrer Kaffeepause berichten. «Gute Arbeit», lobt sie. Nochmals schwärmt sie vom Kontakt mit ihren Kunden und betont wie dankbar sie für diesen Job sei. «Wenn ich zuhause bin trinke ich Kaffee und schaue TV. Aber kann man das einen Tag lang machen? Nein!», sagt sie bestimmt. Das Verkaufen sei gut für ihr Kopf und ihr Herz.

Am Ende des Rollentausches bin ich um eine Erfahrung und Tatjana um eine Stammkundin reicher.

Interessierte können am kommenden Freitag ebenfalls einen Tag lang in die Rolle des Verkäufers schlüpfen.

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