Rettungspaket abgeschmettert: Einen Plan B gibt es nicht
Aktualisiert

Rettungspaket abgeschmettertEinen Plan B gibt es nicht

Das Nein des US-Repräsentantenhauses zum Banken-Rettungspaket hat der Börse arg zugesetzt und US-Finanzminister Henry Paulson einsilbig werden lassen. Vor der Presse betonte der Mann, der die Krise lösen soll, dass er rasch einen Ausweg suche. Ohne Rettungsring drohe der Wirtschaft ein Absturz.

von
Lukas Hässig

Darauf war Amerika nicht vorbereitet. Der Rest der Welt sowieso nicht. Das knappe Nein des US-Repräsentantenhauses zum 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die Finanzindustrie stürzt die Regierung von George Bush, die führenden Vertreter von Demokraten und Republikaner, die Banken und die weltweiten Investoren in Verzweiflung.

Jetzt schlägt die Dramatik, mit der die Verantwortlichen ihr Programm zur Stabilisierung der Finanzmärkte durchs Parlament pauken wollten, zurück. Einen Plan B hatten sie bis gestern Abend nicht vorbereitet. «Wenn es uns nicht gelingt, das Richtige zu tun, dann helfe uns Gott», sagte der republikanische Abgeordnete Paul Ryan vor der historischen Abstimmung.

Freier Fall an Wall Street

Vergeblich. Nun weiss tatsächlich niemand, wie die Krise, die gestern vier weitere Banken ins Straucheln brachte, gelöst werden soll. Der Dow Jones in New York stürzte um 780 Punkte ab, Rekord in absoluten Werten, in Relation zum Index gab es aber schon weit stärkere Tagesverluste.

Es ist nicht verwunderlich, dass vor allem die Finanzwerte einbrachen. Citigroup verloren 12 Prozent, JP Morgan lagen mit 15 Prozent im Minus, Bank of America gingen 18 Prozent runter. In Europa standen die Banken schon vor der Abstimmung über das Hilfspaket unter Druck, die UBS-Aktien verloren 14 Prozent, Credit Suisse und Deutsche Bank je 8 Prozent.

Finanzminister Paulson kämpft für neues Paket

US-Treasurer Henry Paulson, der den Banken mit den grössten Beständen an illiquiden Kreditpapieren beistehen wollte, gab nach dem Abstimmungsdebakel (228:205) eine kurze Pressekonferenz. Ihm und seinem Team stünden Instrumente zur Verfügung, um die Krise in den kommenden Tagen zu lösen. Für einen langfristigen Ausweg würden diese Mittel jedoch nicht reichen. Auf die Frage, was er nun unternehme, antwortete Paulson, dass die Krise ohne ein grosses Hilfspaket nicht zu bewältigen sei. Es brauche ein neues, grosses Paket, sagte Paulson.

Nach dem scharfen Kurseinbruch an der Wall Street befürchteten Beobachter einen ebenso tiefen Fall im asiatischen Morgenhandel. Doch der hielt sich bisher in Grenzen, das Minus fiel überraschend moderat aus. Der Nikkei hatte in Tokio bis am Nachmittag 3 Prozent verloren, der Hang Seng in Hongkong ging um 2,5 Prozent zurück. Allerdings hatten sich die Börsen in Fernost schon gestern besser geschlagen als die europäischen.

Gespannt warten die Investoren auf die Eröffnung der Märkte mit grossen Banken wie die Schweiz, Deutschland, England und Frankreich. Ist die neue Unsicherheit über das Rettungspaket bereits in den Rückschlägen von gestern enthalten? Die Einbrüche bis Börsenschluss waren jedoch nicht die Folge von Zweifeln über das Zustandekommen des Paulson-Plans. Vielmehr hatten sich neue Ängste über den wahren Gesundheitszustand der Finanzinstitute ausgebreitet.

Drei europäische Banken mussten gerettet werden, weitere könnten folgen

Gleich drei wichtige europäische Banken waren in Schieflage geraten. Die Regierungen von Holland und Belgien retteten die Fortis-Gruppe, deren Aktien zuvor im freien Fall waren, eine Gruppe von Finanzinstituten griffen der Münchner Hypo Real Estate unter die Arme, und die englische Bradford & Bingley wurde verstaatlicht.

Die alles entscheidende Frage lautet für die kommenden Tage: Welche Bank gerät als Nächstes als Pleitekandidat ins Visier der Investoren? Die Abwärtsspirale verläuft nach dem immer gleichen Muster. Zuerst verbreiten sich Gerüchte über faule Kredite eines Instituts, dann ziehen Sparer Teile ihrer Vermögen ab, auch die Profis wie Banken und Pensionskasse stehen auf die Bremse und geben kein Geld mehr. Im Markt verbreiten sich Gerüchte über Zahlungsschwierigkeiten, die Leitung der Bank dementiert und verweist auf die gefüllte Kasse, worauf die Investoren deren Aktien erst recht auf den Markt werfen. In Nacht-und-Nebel-Aktionen muss dann im schlimmsten Fall der Staat zu Hilfe eilen.

Regierungen geben sich kämpferisch

Englands Premierminister Gordon Brown machte noch gestern Abend klar, dass sich seine Regierung und die Bank of England vehement den Marktkräften entgegenstemmen werden. Einen Kollaps des Finanzmarktes dürfe es nicht geben. In einer koordinierten Aktion erhöhte die Schweizerische Nationalbank den Bestand an US-Dollar gestern von 30 Milliarden auf 60 Milliarden. Das Geld steht den Schweizer Banken kurzfristig zur Verfügung und soll die sich gegenseitig misstrauenden Finanzinstitute liquide halten.

In den nächsten Tagen will die US-Regierung zusammen mit den Führern der beiden grossen Parteien einen neuen Rettungsplan ausarbeiten. Solange dieser nicht verabschiedet ist, bleibt die Lage an den Börsen und in der Finanzwelt stark angespannt. Aus Angst, als nächste in die Negativspirale zu geraten, horten die Banken möglichst viel Bargeld, statt sich gegenseitig mit Geldern auszuhelfen. Die Finanzmaschine ist ins Stocken geraten und droht, die reale Wirtschaft in den Strudel zu reissen. Unternehmer und Konsumenten erhalten keine günstigen Kredite mehr, Produktion und Konsum sinken, die Konjunktur kühlt sich rasch ab. Es droht eine Rezession.

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