Armut in der Schweiz: «Einen Christbaum können wir uns nicht leisten»
Publiziert

Armut in der Schweiz«Einen Christbaum können wir uns nicht leisten»

Die Pandemie treibt Armutbetroffene noch tiefer in die Krise. Drei Betroffene erzählen, was sie sich zu Weihnachten wünschen – aber nicht leisten können.

von
Anna Meier
1 / 7
Samantha B.* (33) würde ihrem Sohn Cooper B.* (1) gerne ein Bett zu Weihnachten kaufen. Leider liegt das nicht im Budget der Mutter.

Samantha B.* (33) würde ihrem Sohn Cooper B.* (1) gerne ein Bett zu Weihnachten kaufen. Leider liegt das nicht im Budget der Mutter.

privat
Cooper B.* (1) bei einem Ausflug in den Zoo mit seiner Mutter Samantha B.*

Cooper B.* (1) bei einem Ausflug in den Zoo mit seiner Mutter Samantha B.*

privat
«Ich konnte für Cooper nicht einmal einen Kita-Platz bekommen», so Samantha B.*

«Ich konnte für Cooper nicht einmal einen Kita-Platz bekommen», so Samantha B.*

privat

Darum gehts

  • Die finanzielle Situation von armutsbetroffenen Menschen in der Schweiz wird durch die Pandemie verschlimmert.

  • Samantha B.* würde ihrem Sohn gerne ein Bett schenken, doch dazu fehlt ihr das Geld.

  • Der Familienvater Burim D.* hat dieses Jahr kein Geld mehr für Geschenke für seine vier Töchter übrig.

Die Corona-Krise verschärft die Geldnot in der Schweiz: In den letzten Monaten hat Caritas doppelt so viele Beratungen mit Armutsbetroffenen durchgeführt wie vor dem Ausbruch der Pandemie. Alleinerziehende und Familien mit minderjährigen Kindern seien besonders häufig betroffen, schreibt die Hilfsorganisation. Denn: Immer mehr Familien seien auf Nebenjobs angewiesen, um über die Runden zu kommen – und diese werden laut Caritas in der Corona-Krise als Erstes gestrichen. Drei betroffene Eltern erzählen von ihren Sorgen.

Samantha B.* (33) aus Evilard BE

«Ich bin alleinerziehend und weiss, dass ich meinem Sohn Cooper (1) dieses Jahr kein Geschenk machen werden kann. Ich würde ihm so gern endlich ein eigenes Bett schenken – er schläft nämlich immer noch bei mir. Aber finanziell geht das nicht, denn ich bin arbeitslos. Nach der Geburt von Cooper musste ich den Mutterschaftsurlaub unbezahlt verlängern, weil ich keinen Kita-Platz für ihn finden konnte. Mein damaliger Arbeitgeber hat mir während dieser Zeit gekündigt. Jetzt bin ich seit einem Jahr arbeitslos und lebe vom Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) und von einer Invalidenversicherung, die ich wegen starker Rückenbeschwerden in Anspruch nehme. Diese IV-Rente wird aber voraussichtlich gestrichen. Durch Corona ist es unmöglich, einen Job in der Buchhaltung zu finden. Ich verliere langsam die Hoffnung.»

Burim D.* (40) aus Baselland

«Unsere Situation ist dieses Jahr katastrophal. Ich bin vor 15 Jahren verunfallt und arbeite seither 60 Prozent an einem geschützten Arbeitsplatz in der Kunststoffverarbeitung. Meine Frau betreut zu Hause die jüngste meiner vier Töchter, die noch nicht im Kindergarten ist. Wir mussten schon immer aufs Geld schauen. Nun können wir wegen Corona nicht mehr nach Deutschland zum Einkaufen, deshalb reicht es dieses Jahr nicht für Geschenke. Auch bei der Wohnungsmiete wird es knapp. Besonders meine jüngeren beiden Töchter verstehen die Situation nicht. Selina (3) kam schluchzend zu mir und sagte, sie hätte so gerne ein Barbie-Puppenhaus wie ihre Freundin. Es bricht mir das Herz, zu sehen, wie enttäuscht sie ist, dass es keine Geschenke gibt. Jasmin (7) wünscht sich sehnlichst ein Velo, damit sie mit ihren Freundinnen in der Freizeit durchs Quartier kurven kann – aber es liegt einfach nicht drin.»

N. W.* (39)

N. W.* schläft mit ihrer Tochter auf einer Matratze, weil sie sich kein Bett leisten kann.

«Meine einjährige Tochter muss ich allein grossziehen. Ihr Papa hat uns vor der Geburt verlassen, er hat sie noch nie besucht. Auch Alimente zahlt er nicht. Zudem bin ich krankgeschrieben, seit ich nach einem Unfall starke Schulterschmerzen habe. Das Geld zum Leben erhalte ich momentan noch aus meiner Unfallversicherung. Aber das allein reicht nicht weit: Wir können uns nicht einmal einen Christbaum leisten. Weil wir auf einer alten Matratze am Boden schlafen, hätte ich meiner Tochter zu Weihnachten am liebsten ein Bett gekauft.»

Danke!

20 Minuten bedankt sich ganz herzlich bei allen Personen, die ihre Hilfe angeboten haben. Die Redaktion ist überwältigt von den zahlreichen Meldungen und Zusendungen – herzlichen Dank!! Die Anzahl übersteigt jedoch den Bedarf massiv, weshalb wir Sie bitten, Ihre Hilfeleistung alternativ an anderer Stelle anzubieten – beispielsweise bei untenstehenden Organisationen.

* Name der Redaktion bekannt.

Lebst du oder jemand, den du kennst, in Armut?

Hier findest du Hilfe:

Tischlein Deck Dich, Lebensmittelhilfe

Deine Meinung