Interlaken: Einheimische schimpfen «Touristenpack» aus
Publiziert

InterlakenEinheimische schimpfen «Touristenpack» aus

Wächst in Interlaken der Touristenhass? Laut Einheimischen ist ein gewisser Unmut spürbar. Einzelne wurden auch schon angerempelt oder von Touristenfeinden beschimpft.

von
ct
1 / 3
Werden die Einheimischen in Interlaken zunehmend touristenfeindlich? Eine Einheimische glaubt das. Sie hörte schon mehrmals auf offener Strasse Beschimpfungen wie «Touristenpack» oder «Dreckstourist».

Werden die Einheimischen in Interlaken zunehmend touristenfeindlich? Eine Einheimische glaubt das. Sie hörte schon mehrmals auf offener Strasse Beschimpfungen wie «Touristenpack» oder «Dreckstourist».

Google Streetview
Zu Problemen soll es etwa beim Einsteigen in den Zug oder an der Supermarktkasse kommen.

Zu Problemen soll es etwa beim Einsteigen in den Zug oder an der Supermarktkasse kommen.

Google Streetview
Tourismusfachleute aus Interlaken sowie Hoteliers dementieren, dass Touristen Tätlichkeiten oder Beschimpfungen in grösserem Ausmass erleben würden. Aber: Hinter vorgehaltener Hand sagen Einheimische schon, dass es zuviele Touristen im Ort habe.

Tourismusfachleute aus Interlaken sowie Hoteliers dementieren, dass Touristen Tätlichkeiten oder Beschimpfungen in grösserem Ausmass erleben würden. Aber: Hinter vorgehaltener Hand sagen Einheimische schon, dass es zuviele Touristen im Ort habe.

Google Streetview

Caroline J.* (41) aus Interlaken ist sauer: Schon mehrmals sei sie im Ortszentrum angemotzt oder sogar geschubst worden. «Ich wurde schon öfter für eine Touristin gehalten und deswegen beschimpft», erzählt sie. Besonders von älteren Semestern habe sie schon einiges zu hören bekommen. «Einmal schubste mich eine ältere Frau beim Einsteigen in den Zug zur Seite und sagte: ‹Einheimische zuerst, Touristenpack›.»

Ein anderes Mal sei sie vor einem Eingang zu einem Laden kurz stehen geblieben. Da sei sie angerempelt worden: «Auch dieser Herr sagte sowas wie ‹Dreckstourist, mach Platz›.»

Franzose hört, wie auf Schweizerdeutsch gelästert wird

Ähnliches erzählt auch ein Franzose, der seit vier Jahren in Interlaken wohnt und in der Tourismusbranche arbeitet. «Es ist eine Art Rassismus gegen Touristen spürbar. Eigentlich sind es immer nur kleine Dinge, etwa, dass auf Schweizerdeutsch geschimpft wird, wenn man in einer anderen Sprache antwortet, weil sie denken, man verstehe es nicht.»

Auch in einer langen Warteschlange habe er schon Sprüche gehört wie «geh doch nach Hause», wenn ein Asiate oder Araber an der Kasse nicht gleich das passende Münz fand. «Oder man wird einfach sehr leidenschaftslos bis gehässig bedient», erzählt der Franzose. «Vor allem meine Frau, die Asiatin ist und ebenfalls im Tourismus arbeitet, wird manchmal sehr unfreundlich abgefertigt.»

Auch der 22-jährige Interlakner Julian H. berichtet, er habe schon gehört, wie Einheimische über Touristen gelästert und sie beschimpft hatten. «Da bin ich eingeschritten.» Eine ältere Dame, die von 20 Minuten angesprochen wurde, sagte offen heraus: «Ich habe einfach die Araber nicht gern.» Und Bruno S. (63) meint: «Ich kenne Einheimische, die sich hier nicht mehr wohl fühlen. Die Touristen haben sich verändert, früher waren es Österreicher, Deutsche oder Franzosen, aber heute kommen halt viele aus total anderen Kulturen zu uns.» Einige seien halt «nicht sehr gut angepasst».

Symptom eines grösseren Problems?

Für Caroline J. ist klar: «Wir haben da ein Problem, das in Interlaken wächst». Als Einheimischer habe man «hier im Touristenkaff» nichts mehr zu melden. Man sei Bürger zweiter Klasse, da die Konsum-Angebote nur auf Touristen ausrichtet seien. Wegen dieses Unmuts hat sie nun vergangene Woche mit dem Gemeindepräsidenten gesprochen.

Urs Graf, Gemeindepräsident von Interlaken, sagt zu 20 Minuten: «Ich war schon sehr überrascht von den Schilderungen. So etwas ist mir bisher nie zu Ohren gekommen.» Er könne sich das weder erklären noch konkret etwas dagegen unternehmen.

«Man kann den Touristen ausweichen»

Auch Alice Leu von Interlaken Tourismus hat von den Erlebnissen von Caroline J. gehört. «Wir haben im Tourismusbüro noch keine Vorkomnisse in dieser Grössenordnung und Schwere geschildert bekommen», sagt sie. Was manchmal gemeldet werde, seien kleinere Unfreundlichkeiten verbaler Art, zum Beispiel ein «machät mau vorwärts» an der Supermarkt-Kasse.

Dass die Angebote in der Innenstadt auf die Touristen ausgerichtet seien, sei eine Tatsache. «Klar, es hat viele Uhren- und Souvenirläden. Aber als Einheimischer kann man der Touristenmeile sehr einfach ausweichen, in kurzer Distanz finden sich auch viele Angebote für die Einwohner.»

Einwohner sagen, es gebe zuviele Touristen

Auch Tourismus-Spezialist Christoph P. Reber, Direktor des City Hotels in Interlaken, hält sich oft dort auf, wo sich besonders viele Touristen aufhalten. «Rempeleien habe ich allerdings noch nie gesehen oder selber erlebt», sagt er. «Am Stammtisch wird höchstens über die vielen Mietwagen diskutiert, die überall sichtbar sind.»

Erich Reuteler, Präsident der Tourismus Organisation Interlaken (TOI) glaubt ebenfalls nicht, dass in den letzten Jahren der Touristenhass unterschwellig angewachsen sei: «Aber es gibt sie schon, die Leute, die hinter vorgehaltener Hand sagen, es gebe langsam zuviele Touristen bei uns. Doch diese Menschen verhalten sich normal. Ich habe noch nie davon gehört, dass sie deswegen auf Touristen losgehen.» Der «besonnene Einheimische» wisse schon, dass es der Region so gut gehe wegen den Gästen aus dem Ausland.

* Name der Redaktion bekannt

Deine Meinung