Waffenbesitz in den USA: «Einige fordern nach Schul-Massakern, dass Lehrer Waffen tragen sollen»
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Waffenbesitz in den USA«Einige fordern nach Schul-Massakern, dass Lehrer Waffen tragen sollen»

Ein 18-jähriger Schütze tötet in einer texanischen Grundschule 21 Personen. Solche Attentate sind kein Einzelfall. Wieso die Amerikaner trotzdem auf ihre Waffen beharren und teils sogar noch mehr fordern, erklären zwei Experten.

von
Thomas Obrecht
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Ein 18-jähriger Schütze tötete im texanischen Uvalde in einer Grundschule mindestens 21 Personen. 

Ein 18-jähriger Schütze tötete im texanischen Uvalde in einer Grundschule mindestens 21 Personen. 

REUTERS
Angriffe wie dieser sind in amerikanischen Schulen kein Einzelfall. 

Angriffe wie dieser sind in amerikanischen Schulen kein Einzelfall. 

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Laut Manfred Elsig, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Bern, wäre eine grosse Mehrheit der US-Bevölkerung für schärfere Regeln im Waffenbesitz. Doch eine starke amerikanische Waffenlobby würde dies verhindern.

Laut Manfred Elsig, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Bern, wäre eine grosse Mehrheit der US-Bevölkerung für schärfere Regeln im Waffenbesitz. Doch eine starke amerikanische Waffenlobby würde dies verhindern.

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Darum gehts

In einem Schusswaffenmassaker an einer Grundschule im texanischen Uvalde hat ein 18-jähriger Schütze mindestens 21 Personen getötet. Laut Polizeiberichten habe er zuerst auf seine Grossmutter geschossen, ehe er mit einem Auto zur Schule fuhr und dort das Feuer eröffnete.

Angriffe wie dieser sind in amerikanischen Schulen keine Einzelfälle (siehe Chronologie unten).
Manfred Elsig, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Bern und Marco Steenbergen, Politologieprofessor der Universität Zürich, erklären, warum es auch weiter zu solchen Massakern kommen wird, ohne dass sich die amerikanische Politik ändert.

Was ist genau die Schwierigkeit rund um den Waffenbesitz in den USA?

Steenbergen: Die Waffenlobby in den USA ist zu stark. Dies nicht zuletzt, weil viele Amerikaner auf ihr «second amendment» (siehe unten) beharren. Zudem hat das defekte Wahlkampf-Finanzierungssystem einen enormen Einfluss. Die Waffenindustrie unterstützt mit viel Geld den Wahlkampf jener Kandidaten, die mit der Waffenlobby sympathisieren. Davon sind vor allem republikanische Kandidaten betroffen. 

Warum ist den Amerikanern das Tragen von Waffen so wichtig?

Steenbergen: Gerade Amerikanern, welche sich auf das «second amendment» berufen, sehen jegliche Waffen-Regulierungen als direkten Eingriff in die eigene Freiheit.

Das «second amendment»

Gerade in Anbetracht solcher Massaker: Gibt es keinen Aufruhr in der Gesellschaft, den Waffenbesitz anzupassen?

Elsig: Umfragen in den USA zeigen immer wieder, dass eine grosse Mehrheit der Bevölkerung für schärfere Regeln im Waffenbesitz ist. Etwa ausführlichere Abklärungen über den mentalen Zustand der Käufer, eine national geteilte Datenbank sowie Limitierungen bei der Waffenart und Munition.
Aber jedes Mal, wenn es um konkrete Änderungsvorschläge geht, werden diese von der republikanischen Partei abgeblockt.

Steenbergen: Obwohl die öffentliche Meinung schärfere Waffenkontrollen befürwortet, liegt das Kräfteverhältnis im amerikanischen Kongress klar auf Seiten der Waffenindustrie.

Aber nimmt nach solchen Tragödien der Druck auf die Politik nicht zu?

Elsig: Doch, kurzfristig, aber auf beiden Seiten. Die eine Seite macht sich für schärfere Gesetze stark. Die waffen-treue Seite dagegen fordert bessere Schutzmassnahmen zur Abwehr solcher Angriffe, indem man an Schulen Sicherheitspersonal aufbietet und Lehrer mit Waffen ausstattet.

Steenbergen: Hinzu kommt, dass bestimmte Medien, wie Fox, darauf bestehen, Schiessereien als blosse Zwischenfälle abzutun, welche verdeutlichen, dass zu wenige Amerikaner eine Waffen tragen würden.

Die amerikanische Waffenproduktion hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Wieso?

Steenbergen: Das hat verschiedene Gründe. Erstens fühlten sich viele Amerikaner nach dem 11. September unsicher. Zweitens hat sich das politische Klima seither stark verändert. Seit der Wahl von Barack Obama haben Teile der amerikanischen Gesellschaft begonnen, Demokraten und Liberale als Feinde anzusehen. Gegen diese wollen sie sich wappnen. Für sie ist der Waffenbesitz die ultimative Verteidigung.

Elsig: Gerade der rechtsnationale Rutsch der republikanischen Partei und die Rhetorik von Ex-Präsident Donald Trump haben bewirkt, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich aus Angst um ihre Sicherheit eine Waffe zugetan haben. Hinzu kommen Verschwörungstheorien und Sicherheitsbedenken.

Neuseeland hat nach dem Terroranschlag in Christchurch vom 15. März 2019 umgehend die Waffengesetze verschärft. Warum macht die USA so etwas nicht?

Elsig: Die republikanischen Mitglieder des Senats wollen schlichtweg den Zugang zu Waffen nicht erschweren. Es gibt daher nie eine politische Mehrheit, auch wenn demokratische Präsidenten immer wieder Reformvorschläge aufwerfen.

Chronologie der grössten Schulanschläge in den USA

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