Aktualisiert 28.02.2014 09:36

Therapeutin über Porno-Lehrer

«Einige mögen Lack, andere Beinamputierte»

Ein Zürcher KV-Lehrer schaut selbst während des Unterrichts Pornos mit beinamputierten Frauen. Sexualtherapeutin Dania Schiftan erklärt, wie es zu so einer Sucht kommen kann.

von
som

Frau Schiftan, ist ein Lehrer gestört, wenn er während des Unterrichtes Pornos mit beinamputierten Frauen schauen muss?

Dania Schiftan: Menschen haben unterschiedliche sexuelle Vorlieben, die oft schon in der Jugend entstehen. Die einen stehen auf rote Lackschuhe und die anderen eben auf fehlende Gliedmassen. Dass man nicht unbedingt auf das gängige Schönheitsideal abfährt, ist eigentlich völlig in Ordnung. Problematisch ist es erst dann, wenn man illegale Pornografie konsumiert oder seinen Trieb nicht mehr steuern kann. Einiges deutet darauf hin, dass der Zürcher KV-Lehrer unter einem Drang leidet.

Wie meinen Sie das?


Wenn er selbst während des Unterrichts Pornos konsumieren muss, hat er seinen Konsum offensichtlich nicht im Griff. Er braucht das zur Beruhigung und kann damit nicht bis zum Feierabend warten. Das ist wie bei einem Alkoholiker, der nur funktioniert, wenn er seinen Pegel den ganzen Tag halten kann.

Wie kommt es so weit?

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe. Einige Männer fangen an, aus Langeweile oder Neugierde gewöhnliche Pornos zu konsumieren, die heute im Internet ganz leicht zugänglich sind. Meist sitzen sie dabei passiv da und befriedigen sich selbst. Irgendwann ist das nicht mehr spannend, etwas anderes muss her. Der Betroffene gerät in einen Sog und braucht ständig eine Steigerung. Im Falle des KV-Lehrers könnte dies etwa Pornografie mit beinamputierten Frauen sein. Irgendwann entwickelt sich daraus ein zwanghaftes Verhalten, das man selbst während der Arbeit ausleben muss.

Pornos während der Arbeit zu schauen könnte ein Kick sein.


Einige tun es tatsächlich für den Nervenkitzel oder wollen entdeckt werden. Die meisten aber können ihren Zwang einfach nicht kontrollieren. Eigentlich wissen sie, dass sie ihren Job aufs Spiel setzen.

Immer wieder werden Lehrer beim Pornoschauen erwischt.


In Schulen wird es einfach häufiger publik, weil das den Eltern Angst macht. Solche Vergehen kommen aber in allen Branchen vor. Immer wieder verlieren Mitarbeiter deswegen ihren Job.

Ist es richtig, dass die Schule den KV-Lehrer freigestellt hat?


Er hat gegen die Regeln seines Arbeitgebers verstossen. Dass er deshalb entlassen wird, kann ich nachvollziehen. Zudem waren die Schüler wohl ziemlich überfordert, die unfreiwillig mitschauen mussten. Heutzutage werden Jugendliche überhaupt mit viel Pornografie konfrontiert, die sie gar nicht richtig einordnen können. So haben junge Leute etwa das Gefühl, ihr Penis sei zu kurz, nachdem sie einen Youporn-Clip gesehen haben. Hier bräuchte es viel mehr Aufklärung in den Schulen.

Gibt es Wege aus der Pornosucht?


In einer Therapie kann man lernen, seine Sucht zu steuern. Man kann zum Beispiel davon wegkommen, indem man bei der Selbstbefriedigung einen aktiveren Part übernimmt und nicht einfach nur passiv Pornos konsumiert. Ebenfalls kann es belastend sein, wenn man einen bestimmten Fetisch hat. Der Betroffene wird etwa nur noch durch rote Schuhe oder Bilder von beinamputierten Frauen erregt – das schränkt ein. Auch hier hilft eine Therapie, damit man wieder auf andere Sachen steht.

Dania Schiftan ist Dr. phil. in Clinical Sexology, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Psychotherapie und Sexualtherapie. Sie arbeitet am Zürcher Zentrum für interdisziplinäre Sexologie und Medizin.

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