20.01.2016 20:14

Positives Denken

«Einige sind nach der Entlassung erleichtert»

Manche Menschen treibt ein Jobverlust in die Depression. Jüngere hingegen betrachten eine Entlassung laut einer neuen Studie oft als positiv.

von
B. Zanni
Mit dem Anmelden bei der Arbeitslosenkasse bricht für jüngere Leute noch keine Welt zusammen. Viele sehen die Kündigung auch als Chance, um sich beruflich neu zu orientieren oder eine Weiterbildung zu machen.

Mit dem Anmelden bei der Arbeitslosenkasse bricht für jüngere Leute noch keine Welt zusammen. Viele sehen die Kündigung auch als Chance, um sich beruflich neu zu orientieren oder eine Weiterbildung zu machen.

Keystone/Peter Klaunzer

Louisa Lorenz, haben Sie schon einmal eine Kündigung erhalten?

Nein. Das ist mir zum Glück noch nie widerfahren.

Anders geht es Ihren Studienteilnehmern. Alle haben 2015 ihren Job aus betriebsbedingten Gründen verloren. Wie geht es diesen Menschen?

Grübelgedanken beschäftigen viele Personen. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um die Entlassung. Sie fragen sich: «Wie konnte es so weit kommen? Warum passierte das ausgerechnet mir?» Automatisch denken sie immer wieder an bestimmte Situationen wie zum Beispiel das Kündigungsgespräch mit dem Chef, das Öffnen des Kündigungsbriefs oder den letzten Arbeitstag zurück. Andere beschäftigt die Zeit der Ungewissheit noch lange. Es belastetet sie zum Beispiel, dass sie lange nicht wussten, ob ihre Stelle einer Massenentlassung zum Opfer fällt.

Das heisst, eine Kündigung plagt einen richtig lange.

Zum Teil ist das so. Bei unseren Befragten liegt die Entlassung maximal sechs Monate zurück. Eine Kündigung bedeutet für fast jeden Betroffenen im ersten Moment Stress. Im schlimmsten Fall bringt dieser Zustand die Menschen aber derart aus dem Gleichgewicht, dass sich das Wohlbefinden deutlich verschlechtert. Sie kämpfen dann mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Stimmungsschwankungen. Das wirkt sich langfristig auf den Körper aus. Diese Personen laufen Gefahr, zum Beispiel in eine Depression zu rutschen.

Wie gravierend sind die finanziellen Probleme?

Wenn man arbeitslos wird, erhält man meist nur einen Teil des ursprünglichen Lohns. Die Betroffenen müssen den Lebensstandard herunterschrauben. Leute, die weitere Verpflichtungen haben wie die Ernährung der ganzen Familie, kommen häufig schlecht damit klar. Sie müssen etwa mit dem Gedanken spielen, an einen günstigeren Ort zu ziehen. Problematisch ist auch, wenn mit dem Jobverlust der kostenlose Kinderbetreuungsplatz der Firma wegfällt.

Wie kann man mit einer Kündigung gut umgehen?

Am besten ist, wenn man mit seinem Umfeld darüber redet. Vermeidung dagegen ist der falsche Weg. Einige Menschen versuchten dadurch die Entlassung ungeschehen zu machen. Das heisst, sie sprachen nicht gerne darüber und gingen bei Freunden dem Thema aus dem Weg. Dadurch fiel ihnen der Alltag immer schwerer. Sie erledigten die gängigen administrativen Tätigkeiten zwar noch, aber sehr ungern. Das Aufstehen fiel ihnen morgens schwer und sie kamen kaum in die Gänge. Über die Situation zu sprechen kann dabei helfen, dass es gar nicht so weit kommt.

Welche Ergebnisse überraschen Sie?

Ich finde es bemerkenswert, dass die Mehrheit eine positive Sichtweise hat, obwohl die Betroffenen teilweise von vielen Problemen berichteten. 90 Prozent haben optimistisch in die Zukunft geblickt. Das erstaunt und freut mich immer wieder.

Wie ist das möglich?

Gerade die jüngeren Menschen sahen eine Kündigung auch als Chance, um sich beruflich neu zu orientieren oder eine Weiterbildung zu machen. Für einige bedeutete der Jobverlust auch eine Erleichterung. Entweder befanden sie sich bei einem drohenden Stellenabbau in grosser Unsicherheit oder sie waren nicht ganz zufrieden mit ihrem Job, trauten sich aber nicht zu kündigen.

Wie haben Sie Ihre Kündigung erlebt? Schreiben Sie uns und erzählen Sie Ihre Geschichte unter feedback@20minuten.ch

Teilnehmer gesucht

Die vom schweizerischen Nationalfonds finanzierte Studie untersucht die Auswirkungen einer Entlassung auf das Wohlbefinden. Ziel ist, Unterstützungsangebote entwickeln zu können. Die Universität Zürich sucht weitere Studienteilnehmer, die in den vergangenen sechs Monaten aus betrieblichen Gründen entlassen wurden. Wer mitmachen will, kann sich bei Studienleiterin Louisa Lorenz anmelden unter der Telefonnummer 044 635 74 57 oder per E-Mail unter l.lorenz@psychologie.uzh.ch

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