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Auf den Spuren von VercingetorixEinmal selber Archäologe sein

Mit echten Archäologen nach Knochen, Amphorenscherben und Münzen suchen: Der Verein Arge Archäologie nimmt Laien mit auf die Spuren Cäsars.

von
loo

Kindheitsträume ausleben: Laien graben zusammen mit echten Archäologen nach Spuren von Galliern und Römern.

52 vor Christus in Gergovia, Gallien: Die Gallier haben sich gegen Cäsar erhoben. Dieser reagiert mit Gewalt und fällt mit einer Armee in Gallien ein. Vercingetorix, der Anführer der Aufständischen, zieht sich sich mit seinen Männern in die stark befestigte Stadt Gergovia zurück. Weil diese auf einem Hochplateau gelegen ist, funktionieren die normalen Eroberungsstrategien der Römer hier nicht: Eine Rampe zu bauen, die die meterhohen Basaltklippen überwinden könnte, ist unmöglich. Also beschliesst Cäsar die Belagerung. Unter dem Abhang vor den Toren der Stadt baut er ein befestigtes Lager.

Auftrag: 2000 Jahre alten Boden abtragen

2018, Plateau de Gergovie, Auvergne: Auf einem von Steinen und Löchern übersäten Feld kauern Beat, ein Schweizer Psychotherapeut, Simone, eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn, und Eveline, eine Hausfrau aus Österreich, zusammen mit mehreren Archäologiestudenten auf dem Boden und kratzen mit kleinen Kellen in der Erde.

Es ist 36 Grad heiss, Schatten gibt es keinen. Trotzdem knien die Grabungsteilnehmer gut gelaunt auf dünnen Schaumstoff-Polstern und tragen vorsichtig – Handvoll für Handvoll – eine Erdschicht ab. Der Auftrag, den ihnen der Schweizer Grabungsleiter Peter Jud erteilt hat: Sie sollen den Belag jener Strasse abtragen, die vor 2000 Jahren durch das Tor des gallischen Gergovia führte. Alle Spuren des damaligen Lebens, die dabei zum Vorschein kommen, sollen sie vorsichtig aus dem Boden lösen und bergen.

52 vor Christus: Cäsars Legionäre liefern sich täglich kleinere Scharmützel mit den Aufständischen. Doch weil Vercingetorix' Leute sich nicht in der Stadt selber verschanzen, sondern hinter einem zweiten Verteidigungswall am Abhang ausharren, zögert Cäsar, einen grossen Angriff zu lancieren. Vercingetorix' Männer nutzen die verstreichenden Tage, um den Berg weiter zu befestigen.

Der erste grössere Fund: Ein Röhrenknochen!

2018: Die Laien-Graber kratzen weiter in der Erde. Längst schmerzen allen die Knie und die Handgelenke. Doch von Missmut keine Spur. Stattdessen scherzen sie fröhlich über die Hitze und kommentieren jedes Keramiksplitterchen, das sie aus der Erde ziehen. Plötzlich ruft der Schweizer Psychotherapeut aufgeregt einen der älteren Archäologiestudenten herbei. Im Boden ist er auf einen längeren Röhrenknochen gestossen. Es ist das erste grössere Fundstück, das die Gruppe findet. «Ziemlich sicher von einem Tier», sagt der Student. Mit grösster Vorsicht legt der begeisterte Finder den mürben Knochen frei und legt ihn anschliessend in die Kiste mit den Fundstücken. In seinen Augen blitzt das Feuer des erfolgreichen Schatzsuchers.

52 vor Christus: Cäsar setzt auf eine Kriegslist. Er lässt Maultiertreiber als Legionäre verkleiden. Sie sollen das Plateau auffällig-unauffällig umgehen und mit einem simulierten Angriff von der Flanke Vercingetorix' Armee von den Toren der Stadt weglocken. Ein verbündeter gallischer Stamm soll die Römer dann beim richtigen Angriff auf Gergovia unterstützen. Vercingetorix fällt zunächst darauf herein: Er bemerkt die vermeintlichen Legionäre und schickt seine Männer, den erwarteten Angriff von der Flanke abzuwehren.

Wo die Funde zusammenlaufen

2018: Carlo, ein ehemaliger Schweizer Bahnpöstler, sitzt im Schatten an einem Tisch vor dem ehemaligen Stadttor von Gergovia. Mit einer Zahnbürste schrubbt er an etwas herum, was aussieht wie das Stück eines Schweine-Unterkiefers. Seine Aufgabe: alle Fundstücke waschen, ohne dabei wichtige Spuren zu zerstören. Carlo ist ein alter Hase: Er ist schon das dritte Jahr dabei und brennt förmlich für die Archäologie. Seine Gesundheit lässt das Graben nicht mehr zu. Als Wäscher hat er dafür das Privileg, jedes einzelne Fundstück der gesamten Grabung begutachten zu dürfen. Über seinen Tisch geht auch Aufregenderes, wie zum Beispiel die Scherbe eines Parfümfläschchens: Peter Jud vermutet, dass es vor 2000 Jahren in Syrien oder Ägypten hergestellt worden ist und seinen Weg bis in die gallische Provinz gefunden hat.

52 vor Christus: Cäsar lanciert die grosse Attacke auf Gergovia. Die Legionäre kämpfen sich den Berg hinauf. Eilig ruft Vercingetorix seine Männer von der Flanke zurück. Die ersten Römer erreichen schon das Stadttor von Gergovia. Doch dann wendet sich das Blatt. Der mit Cäsar verbündete Gallierstamm wechselt – tatsächlich oder vermeintlich – die Seiten, worauf Cäsars Armee den Rückzug antritt. Wenig später löst Cäsar die Belagerung auf und zieht sich von Gergovia zurück.

Hilfe für die Wissenschaft

2018: Die Grabungswoche ist zu Ende. Bei Wurst und Wein lassen die Studenten, die Grabungstouristen und weitere freiwillige Helfer die anstrengenden Tage Revue passieren. Die Grabung wird noch zwei weitere Wochen dauern, doch Beat, Eveline, Simone und Carlo reisen erschöpft, aber glücklich in ihr normales Leben zurück. Die rund 1600 Franken, die sie für das Abenteuer Archäologie bezahlt haben, scheinen sie nicht zu reuen. Immerhin fliesst ein Teil des Erlöses direkt in die Finanzierung dieser notorisch unterfinanzierten Forschung. Und mindestens für Carlo ist jetzt schon klar: «Ich komme nächstes Jahr wieder.»

52 vor Christus: Mit dem Sieg über Cäsar wird Vercingetorix zum unsterblichen Helden der französischen Geschichte. Daran ändert auch die blutige Niederlage von Alesia nichts, bei der Cäsar Vercingetorix schliesslich festnehmen lässt. Über Alesia spricht man aber auch heute noch deutlich weniger gerne als über Gergovia. Wie heisst es so schön in «Asterix und der Arvernerschild»: «Alesia? Ich kenne kein Alesia!»

Grabungstourismus für die Wissenschaft

Die Arge Archäologie ist ein Verein mit Sitz in Wien, der sich auf Grabungstourismus spezialisiert hat. Er ermöglicht es interessierten Laien, direkt auf archäologischen Grabungen mitzuarbeiten und damit einen direkten Einblick in die Arbeit der Archäologie zu erhalten und an den Erkenntnissen unmittelbar teilzuhaben. Ein Teil des Erlöses geht direkt an die Grabungskosten und hilft dort, Kost und Logie für die Studierenden zu finanzieren. Eine Grabungswoche kostet rund 1600 Franken inklusive Unterbringung in einem Hotel sowie Frühstück und Mittagessen. Reise und Nachtessen sind individuell zu bezahlen.

Gergovia und Vercingetorix

Vercingetorix ist sowas wie der Willhelm Tell der Franzosen. Als Anführer des Aufstands der Gallier gegen die Römer machte er sich mit seinem Sieg in der Schlacht von Gergovia unsterblich. Der Sieg dürfte zu einem guten Teil der einmaligen Lage Gergovias auf einem vulkanischen Hochplateau in der Auvergne geschuldet sein. Die Lage der Stadt, die unter anderem in «Asterix und der Avernerschild» thematisiert wird, war lange unbekannt. Die Ruinen auf dem Hochplateau werden erst nach und nach untersucht – grosse Teile des mutmasslichen Siedlungsgebietes sind nach wie vor unerforscht. (Bild: Egmont Comic Collection)

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