Rassismus vor der Disco: Einsamer Kämpfer gegen die «Apartheid-Clubs»
Aktualisiert

Rassismus vor der DiscoEinsamer Kämpfer gegen die «Apartheid-Clubs»

«Balkanstaaten nein»: Seit fünf Jahren prozessiert der Kosovo-Albaner Bafti Zeqiri gegen einen Türsteher, der ihn aufgrund seiner Herkunft nicht in eine Egerkinger Disco hineinliess. Der Kampf für Gerechtigkeit hat sich für Zeqiri zum Bumerang entwickelt.

von
Adrian Müller

Bafti Zeqiri sitzt im Bahnhofbuffet Olten, nippt an einem Orangensaft. Seinen Krauskopf, mit welchem er vor vier Jahren in den Medien präsent war, hat er zu einer schnittigen Kurzhaarfrisur zurückgestutzt. Die Uhr tickt: Bis zum 7. April muss der 30-Jährige beim Solothurner Obergericht Rekurs gegen ein Urteil einlegen, welches seiner Ansicht nach «einen Freipass für Diskriminierung im Ausgang bedeutet».

«Momentan, bis auf Weiteres, Balkanstaaten nein»: Mit dieser Begründung verwehrte der damalige Türsteher des «Happy and Mad Dance Club» in Egerkingen Zeqiri den Eintritt. Trotzdem hat das Gericht im September 2008 den Security-Mitarbeiter vom Vorwurf der Rassendiskriminierung freigesprochen. Das will Zeqiri nicht akzeptieren.

Kein Geld für Anwalt

Besonders frustrierend für den Oltner: Sein Kampf gegen die «Apartheid-Clubs» entwickelte sich für ihn zum Bumerang. Um den Gerichtsprozess weiterzuführen, fehlen ihm die finanziellen Mittel: «Ich brauche sofort Geld, damit mein Rechtsvertreter weiter arbeiten kann», sagt Zeqiri. Er hat bereits verschiedene Stiftungen und Parteien um Unterstützung angefragt – ohne Erfolg. Nicht nur seine Geld-, sondern auch die Kraftreserven neigen sich dem Ende zu. In den letzten zwei Jahren schlug sich der gelernte Bodenleger mit Temporärjobs in der Industrie durch. Trotz Hochkonjunktur fand er keine richtige Stelle.

Der Prozess und die Publizität hätten ihm die Jobsuche sogar erschwert, so Zeqiri. «Trotz ausreichender Qualifikation wollten mir auch Temporärbüros keinen Job geben, weil sie mich wiedererkannten.» Seinen Verwandten sei es teilweise gleich ergangen. Erst als sie erklärt hätten, dass sie nicht «dieser» Zeqiri seien, hätten sie Arbeit bekommen. Die Stellenvermittlungen hatten offenbar bedenken, durch eine Anstellung Zeqiris in den «Aparheid-Fall» verwickelt zu werden. So verabschiedete sich der Kosovo-Albaner zwischenzeitlich in Richtung Westschweiz, wo er Französisch-Kurse besuchte. Sein Traum, der Abschluss der Erwachsenen-Matur, liegt vorerst auf Eis – aus Geldmangel. Derzeit arbeitet Zeqiri auf Provisionsbasis im Aussendienst. Dabei bringe er es auf gerade mal 2100 Franken monatlich – bei «130 Prozent Arbeitszeit».

«Wenn nötig, gehe ich vor Bundesgericht»

Schlechter Job, wenig Geld, keine Aussichten auf eine Prozess-Wende: Trotzdem will Zeqiri nicht aufgeben. «Wenn nötig, will ich den Fall bis ans Bundesgericht weiterziehen», erklärt er im Gespräch mit 20 Minuten Online. Doch er kämpft allein auf weiter Flur. Selbst seine Freunde haben ihm geraten, den scheinbar aussichtslosen Gerichtsprozess zu beerdigen. Warum tut sich Zeqiri die Gerichtsposse an? Der Kosovo-Albaner verneint heftig, dass sein Feldzug gegen rassistische Türkontrollen mit seiner Vergangenheit zusammenhängt. Er kam im dritten Anlauf als 12-jähriger Bub in die Schweiz. «Im Kosovo stürmten immer wieder serbische Polizisten in die Schule und schlugen uns zusammen», erzählt er. Sie hätten sogar ein Gas versprüht, welches bei den Kindern Anfälle und schwere Lähmungen ausgelöst habe. Dies sei mit ein Grund gewesen, warum seine Eltern in die Schweiz flüchteten. «Ich kämpfe nicht für mich selbst, sondern für Gerechtigkeit und gegen die Diskriminierung aller Ausländer.»

Von Polizisten ausgelacht

Trotzdem: Der Frust über die scheinbar auswegslose Situation ist Zeqiri anzumerken. Seine Stimme hat nicht mehr den Enthusiasmus, den man in früheren TV-Beiträgen spürte. «Ich bin resigniert», sagt er. Vom Gericht fühlt er sich nicht ernst genommen, von seinem früheren Anwalt schlecht vertreten. Er kann das Urteil nicht verstehen: «Das ist eine gekochte Suppe von Polizei, Gericht und Staatsanwalt», glaubt Zeqiri. Die Polizisten hätten ihn sogar ausgelacht, als er die Anzeige erstatten wollte. Der Prozess entwickelte sich sogar gegen ihn: Der Metro-Club in Olten zeigte ihn wegen Rufschädigung an, da Zeqiri die Disco als Apartheid-Club bezeichnet hatte. Der Clubbetreiber bekam Recht – Zeqiri musste 300 Franken Busse bezahlen.

Die Lust auf Partys ist Bafti Zeqiri gründlich vergangen. Von Kollegen habe er immer wieder gehört, dass «Jugos» noch immer nur wegen ihrer Herkunft nicht in Clubs gelassen werden. Dies, obschon die Medien regelmässig über das Problem berichtet hätten. Zeqiri hat seine persönliche Konsequenz gezogen: «Ich gehe nicht mehr in den Ausgang.» Ein bitteres Ende für den einsamen Kämpfer gegen die «Apartheid-Clubs».

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Die Prozessposse

Im Juli 2004 erstattete Zeqiri Strafanzeige wegen Rassendiskriminierung gegen den «Mad Dance Club» in Egerkingen. Einen Monat später entschied die Untersuchungsrichterin, der Anzeige keine Folge zu leisten. Gegen diesen Entscheid reichte er Beschwerde ein, welche das Obergericht guthiess. Darauf konnte im April 2005 das Ermittlungsverfahren eröffnet werden. Im März 2006 stellte der Staatsanwalt das Verfahren ein. Begründung: Balkanvölker können keiner eindeutigen Ethnie oder Rasse zugeordnet werden. Deshalb komme das Antirassismus-Gesetz nicht zum Zug, so der Staatsanwalt. Zeqiri erhob gegen den Einstellungsentscheid Beschwerde, welche vom Obergericht gutgeheissen wurde. Im September 2008 schliesslich sprach das Amtsgericht Gäu den Türsteher vom Vorwurf der Rassendiskriminierung frei. Bis anhin hat der Prozess Zeqiri gut 5000 Franken gekostet. Dagegen will Zeqiri nun Rekurs einlegen.

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