Aktualisiert 26.02.2015 13:09

Zivildienst in IndienEintauchen in eine andere Welt

Indien. Das Riesenland, der Subkontinent. Die einen lieben es, die anderen verabscheuen es. Ich mache hier sechs Monate Zivildienst.

von
David Torcasso
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Der Brihadishvara-Tempel in Thanjavur gehört zu den wichtigsten in Indien, weil er bereits im 8. Jahrhundert erbaut wurde. Er ist dem hinduistischen Gott Shiva gewidmet und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

Der Brihadishvara-Tempel in Thanjavur gehört zu den wichtigsten in Indien, weil er bereits im 8. Jahrhundert erbaut wurde. Er ist dem hinduistischen Gott Shiva gewidmet und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

D. Torcasso
In fast jedem indischen Essen befindet sich Dal (Hindi ), also Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen, Bohnen oder Erbsen. Durch die lange Kochzeit werden die Hülsen zu Brei. Dal esse ich täglich

In fast jedem indischen Essen befindet sich Dal (Hindi ), also Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen, Bohnen oder Erbsen. Durch die lange Kochzeit werden die Hülsen zu Brei. Dal esse ich täglich

D. Torcasso
Die Tempel sind mit Tausenden Figürchen verziert.

Die Tempel sind mit Tausenden Figürchen verziert.

D. Torcasso

Indien ist eine Wucht. Eine Wucht aus Menschen, Motorrädern, Müll, Reis, Kühen, Hunden, Affen, Bananen, Kindern, Hupen, Rikschas, Pilgern, Saris, Tatas und Tempeln. Ein unendliches Gewusel! Und dazu Linsen - also Dal - ohne Ende. Inmitten von 1,2 Milliarden Menschen werde ich hier für einige Monate leben und arbeiten. Indien ist ein Chaos, das mich freundlich empfängt.

Ich bin nicht in Indien als Tourist, der nach einigen Wochen «voller Eindrücke» und «Spiritualität» wieder in seine westliche Komfortzone zurückkehren kann. Einige Menschen suchen in Indien Yoga, andere suchen Tempel und wieder andere möchten aus der Überflussgesellschaft aussteigen und Verzicht lernen. Ich bin hier, um zu arbeiten. Ich leiste in diesem Land meinen Zivildienst. 180 Tage lang. Bei der indischen Entwicklungsorganisation Ekta Parishad, die mit Gandhis Konzept der Gewaltlosigkeit den Ärmsten hilft, ihr Land und damit ihre Existenz zurückzugewinnen.

Die einen lieben, die anderen hassen es

Als ich meiner Familie und meinen Freunden verkünde, dass mein Arbeitsplatz demnächst 7000 Kilometer entfernt liegt, jubelt meine Mutter. Nicht weil sie mich los ist. Sie ergreift die Chance, mit mir vor dem Einsatzbeginn zwei Wochen das Land zu bereisen. Meine Freunde sagen über meinen Zivildiensteinsatz in der Ferne: «Toll!» Die, die schon in Indien waren, geben Tipps. Die einen lieben, die anderen hassen es. Meine Tanten und Cousins reagieren ungläubig beim Familienfest: «Man kann im Ausland Zivildienst leisten?» Mein Onkel witzelt: «Urlaub auf Staatskosten.»

Am Flughafen ist mein Gepäck nicht da. Ich gehe zum Informationsschalter, versuche auf Englisch nachzufragen. Die Beamten verstehen kein Wort. Ich zeige auf den Koffer eines Inders mit einem roten Turban, der wie ein Tintenfisch auf seinem Kopf liegt, dann auf mich, zucke mit den Achseln. Die Beamten reichen mir ein Formular mit 100 Feldern. Ich beginne mit dem Ausfüllen, bis schliesslich ein barfüssiger Typ angelaufen kommt und andeutet, ich solle mitkommen. In einer Ecke stehen mein Rucksack und mein Koffer. Freudig hebe ich das Gepäck hoch. Der Inder hält freudig seine Hand hoch und fordert Geld. Natürlich habe ich kein Geld, zumindest keine Rupien. Ich laufe zügig zum Ausgang. Er läuft mir nach, wedelt mit den Händen. Ich entdecke andere wedelnde Hände und den rettenden Pappkarton mit meinem Namen darauf.

Luft anhalten bei der ersten Autofahrt

Wir fahren aus der Millionenstadt hinaus, es wird dunkel. Die grellen Flutlichter der entgegenkommenden Autos lassen keine Sicht zu, nebenan überholen uns Motorräder, am Strassenrand gehen schwarze Schatten, die kaum zu sehen sind. Ganz zu schweigen von den unzähligen Kühen und Hunden, die die Strasse säumen. Strassenlaternen gibt es keine. Den Willen, die normale Scheinwerferstärke zu benutzen, anscheinend auch nicht. Der Fahrer macht munter mit, überholt auf der Gegenfahrbahn im Linksverkehr, weicht um Haaresbreite den Autos aus. Ich atme einige Male hörbar auf. In Indien sprechen die Autos miteinander – in Form von Hupen. Es wird andauernd gehupt. Beim Überholen, beim Fahren, einfach immer. Dabei gibt es verschiedene Hup-Intervalle: Zweimal beim Überholen, einmal beim Vorbeifahren und permanent vom Bus, der wie ein Traktor alles niedermähen möchte, was sich in den Weg stellt.

Ich frage den Fahrer, wie er die Strasse erkennen kann, wenn das Flutlicht eine Lichterwand bildet, die erblindet. «Ich stelle mir vor, wie die weisse Mittellinie ungefähr weitergehen könnte.» Ich nicke und denke, Gott sei Dank habe ich keinen Führerschein und es wird mich niemand nötigen können, auf diesen Strassen zu fahren. Der Fahrer lacht bloss und erzählt mir sein Motto: «In India, you need a good brake, a good horn and good luck!» Gute Bremse, gute Hupe und Glück. Alles klar.

Schliesslich bin ich in meiner ersten indischen Unterkunft im Bundesstaat Tamil Nadu. Beim Einschlafen denke ich daran, dass ich nun mehrere Monate hier bleibe. Es wird eine Geschichte, die nicht nur durch Abenteuer, sondern durch Alltag geprägt sein wird. Und nicht nur eine Reise in ein Land, sondern zu mir selbst. Ein kleiner laubgrüner Frosch hüpft durch mein Zimmer und wünscht mir quakend gute Nacht.

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Er besitzt keinen Führerschein, dafür aber ein Flugmeilen-Konto. Nach seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitete er für Tages-Anzeiger und 20 Minuten, danach als freiberuflicher Journalist für Das Magazin, NZZ, Die Zeit oder Monocle. David pendelt zwischen Zürich und Berlin. Zurzeit verweilt David in Bhopal, Indien, wo er seinen Zivildienst bei der Entwicklungsorganisation Ekta Parishad absolviert.

Auf seinem Blog Dal-by-Dal und auf 20 Minuten berichtet er von seinen Erlebnissen.

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