Aktualisiert 14.03.2013 12:34

«Time-out»Einzelrichter fordert Strafen gegen Trainer

Die Eishockey-Straffälle haben sich in dieser Saison fast verdoppelt. Was tun? Einzelrichter Reto Steinmann hat eine interessante Idee.

von
Klaus Zaugg

Das Schweizer Eishockey ist so rau, wild und unanständig wie noch nie. Die Statistik erhärtet die Verrohung im Hockey. Einzelrichter Reto Steinmann steht in seiner zehnten Saison. Er sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Bisher hatten wir pro Saison rund 30 Disziplinarfälle. Manchmal ein paar weniger, manchmal ein paar mehr. Aber diese Saison sind es jetzt schon 51 und die Saison ist noch nicht zu Ende. Wir können praktisch von einer Verdoppelung der Disziplinarfälle ausgehen.»

Es sei eine Steigerung auf allen Ebenen. Also bei Fouls, aber auch bei Respektlosigkeiten von Funktionären und Trainern gegenüber den Schiedsrichtern. Zudem sei eine Zunahme der Verletzungen zu registrieren. Eine beunruhigende Tendenz.

Aufwand ist enorm

Auf dem Schreibtisch des Zuger Anwaltes landen alle Rapporte nach einem Restausschluss (5 Minuten plus Spieldauerdisziplinarstrafe oder Matchstrafe) plus die Rapporte für besondere Vorkommnisse (wenn etwa Schiris von Funktionären beleidigt werden), Vorkommnisse, die den Spielbetrieb stören (wenn etwa Gegenstände aufs Eis geschmissen werden) plus die Fälle, die der Einzelrichter von sich aus aufgrund von Video- und TV-Bildern eröffnet und die Fälle, die von den Klubs mit Videos an ihn herangetragen werden.

Der Aufwand des Einzelrichters ist inzwischen enorm. Denn er muss die Missetäter schnell einer Bestrafung zuführen. Nicht die richterliche Bürokratie wie im richtigen Leben diktiert das Tempo, sondern der Spielplan. Steinmann ist bestrebt, jeden Fall vor dem nächsten Spiel erstinstanzlich zu bearbeiten.

«Seit Jahresbeginn arbeite ich praktisch sieben Tage in der Woche und ich investiere wohl rund 80 Prozent meiner Arbeitszeit ins Eishockey», sagt Steinmann. Der Anwalt und ehemalige Strafrichter führt in Zug mit einem Partner eine Anwaltskanzlei und wird von der Nationalliga für seine sportliche Richtertätigkeit pauschal entschädigt.

Steinmann überzeugt mit Sachkompetenz

Steinmann bekommt für seine Arbeit auch von höchster Seite Lob. Dr. René Fasel, der Präsident des Internationalen Hockeyverbandes und damit höchster Hockeyfunktionär der Welt, hat kürzlich gegenüber 20 Minuten Online unsere Hockeygerichtsbarkeit in höchsten Tönen gelobt und als international beispielhaft gewürdigt. Tatsächlich überzeugt Steinmann mit Sachkompetenz, juristisch wasserdichter Argumentation und zügiger Abwicklung. Kein anderer Sportverband im Land hat eine so gut funktionierende Justiz.

Aber eben: Eine gut funktionierende Justiz alleine kann die Verhältnisse noch nicht verbessern. Reto Steinmann sagt, er mache sich viele Gedanken über die beunruhigende Entwicklung. «Es bringt wenig, philosophische Überlegungen über den allgemeinen Sittenzerfall in unserer Gesellschaft anzustellen. Uns helfen im Eishockey nur konkrete Massnahmen.»

Fehlender Respekt als Hauptproblem

Der Einzelrichter sagt, er sehe eine konkrete Massnahme zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung auf dem Eis. Die Bestrafung der Trainer. «Das Hauptproblem ist der fehlende Respekt vor dem Gegenspieler. Niemand hat im Eishockey so viel Einfluss auf das Verhalten der Spieler wie der Trainer. Niemand kann also das Verhalten der Spieler so gut ändern wie die Trainer.»

In die Praxis umgesetzt könnte dies bedeuten: Wenn beispielsweise der Trainer zusammen mit dem Spieler nach einem Check gegen den Kopf gesperrt wird, dann dürfte ein Trainer seine Spieler zur Mässigung anhalten und eher früher oder später müsste eigentlich ein Spieler solche Fouls vermeiden und die Gegner mehr respektieren.

In der Praxis schwer umsetzbar

Ansatzweise gibt es dieses System in der NHL. Dort ist die Unsitte des «bench clearing» – also Massenschlägereien mit allen Spielern – erst praktisch verschwunden, seit in einem solchen Fall auch die Coaches gesperrt und gebüsst werden. Wer über die Bande springt, um sich an einer Prügelei zu beteiligen, fehlt zusammen mit seinem Trainer beim nächsten Spiel. Im nordamerikanischen Hockey wird der Respekt vor dem Gegenspieler auch durch «Selbstjustiz» gefördert. Doch diese Kultur der Prügelstrafe lässt sich in unserem Hockey nicht umsetzen.

Reto Steinmann sagt, zur Umsetzung geeigneter Massnahmen sei die Liga gefordert. Die Einführung von automatischen Sperren für die Coaches ist rasch erklärt. Aber die juristische Umsetzung in Reglemente und Praxis ist nicht so einfach.

Ganz schwarz sieht der Einzelrichter nicht. Er behandelt ja auch alle Diszplinarfälle der Elitejunioren. Also der höchsten Juniorenklasse. «Hier sind die Fälle diese Saison sogar rückläufig.» Immerhin ein Lichtblick. Schliesslich muss bei den Junioren beginnen, was später leuchten soll im Vaterland.

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