Aktualisiert 30.11.2018 09:15

Harndrang im Zug«Einziges Klo ist zu, ich pisse denen vor die Tür!»

Eine Zugpassagierin mit voller Blase rastete aus, weil sie in einer S-Bahn vor einer verschlossener Klotür stand. ÖV-WCs verärgern Pendler ständig.

von
B. Zanni

Im ÖV treffen Pendler oft auf schmutzige und geschlossene WCs. (Video: bz)

«Verfügbar, sauber, angenehm» – so wirbt die SBB für ihre WCs. Eine Passagierin machte kürzlich in der S23 von Baden nach Langenthal aber andere Erfahrungen. «Das einzige Klo, das es hier hat, ist zu», klagte sie jemandem am Telefon, nachdem sie wiederholt vergeblich die Toilettentür zu öffnen versucht hatte. Sie müsse dringend aufs WC. «Ich pisse denen vor die Tür!», fluchte sie.

Rund 20 Minuten später schaffte sie es doch noch aufs Klo – die Toilettentür wurde plötzlich entriegelt. Doch beim Verlassen riet sie einer anstehenden Passagierin, das WC nicht zu benutzen: «Es ist verstopft. Ich habe ins Lavabo gemacht und es mit Taschentüchern weggeputzt.» Es könne doch nicht sein, dass es im ganzen Zug nur ein WC habe und dieses auch noch geschlossen, geschweige denn verstopft sei, empörte sie sich.

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Das Piktogramm mit dem durchgestrichen Symbol signalisiert, dass das WC wegen Regenerierung aktuell nicht zugänglich ist. Dieses Symbol kann auch leuchten, wenn das WC mit Abfall verstopft ist.

Das Piktogramm mit dem durchgestrichen Symbol signalisiert, dass das WC wegen Regenerierung aktuell nicht zugänglich ist. Dieses Symbol kann auch leuchten, wenn das WC mit Abfall verstopft ist.

20min
Das Piktogramm WC rot wird angezeigt, wenn die Toilette besetzt ist.

Das Piktogramm WC rot wird angezeigt, wenn die Toilette besetzt ist.

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Die SBB investiert pro Jahr rund 10 Millionen Franken für die Instandhaltung der Toilettensysteme. Sämtliche Toiletten werden mehrmals kontrolliert und mindestens einmal täglich umfassend gereinigt.

Die SBB investiert pro Jahr rund 10 Millionen Franken für die Instandhaltung der Toilettensysteme. Sämtliche Toiletten werden mehrmals kontrolliert und mindestens einmal täglich umfassend gereinigt.

Keystone/Ennio Leanza

«Meist ist das WC schmutzig und geschlossen»

Der Vorfall ereignete sich am frühen Nachmittag des 24. November. Die SBB bestätigt, dass der betreffende Zug mit nur einer Toilette ausgerüstet war. «Bei den Toiletten dieses Zugtyps handelt es sich um sogenannte Bio-Toiletten», erklärt Sprecher Christian Ginsig. Nach einer gewissen Anzahl von Nutzungen müsse sich die Toilette zuerst selbst «regenerieren». Die Tür schliesse dann automatisch und entriegle sich nach einigen wenigen Minuten wieder automatisch. Zu Verstopfungen könne es kommen, wenn Kunden Abfälle in der Toilette entsorgten.

WC-Probleme verärgern Pendler immer wieder (siehe Video oben). «Meist ist das WC schmutzig und auch oft geschlossen», sagt Ramon Buchschacher. Im Zug auf die Toilette zu gehen, sei meist keine gute Erfahrung. Auch Larissa Molnar sagt: «Meist ist das WC besetzt, es liegt überall WC-Papier herum, und das Wasser funktioniert nicht.» Eine Mutter berichtet, dass sie ihrer dreijährigen Tochter in einer S24 kürzlich eine Windel der Baby-Schwester habe anziehen müssen. «Sonst hätte sie auf den Boden gepinkelt – sämtliche WCs im Zug waren geschlossen.» Eine Pendlerin, die täglich nach Zürich fährt, findet sogar: «Ich habe kaum eine Zugfahrt erlebt, in der das WC nicht ständig geschlossen, defekt oder dann schmutzig war.»

Auch auf Twitter beklagen sich unter #sbb wc mehrere Pendler über defekte Zugtoiletten. Ein 66-jähriger Mann erlitt laut dem «Beobachter» nach einer Zugfahrt von Genf nach Freiburg sogar einen Harnverhalt, sodass er trotz starken Harndrangs kein Wasser mehr lösen konnte. So weit kam es, weil das einzige WC im total überfüllten Zug defekt und abgeschlossen gewesen war.

«Es braucht mehr Toiletten in Zügen»

«Das WC ist ein leidiger Dauerbrenner», bestätigt Karin Blättler, Präsidentin von Pro Bahn Schweiz. Man erhalte zahlreiche Meldungen von Passagieren, die sich darüber beklagen würden, dass es in Zügen an WCs mangle, diese nicht verfügbar oder unsauber seien. «Es braucht mehr Toiletten in den Zügen», fordert Blättler. «Ein WC benutzen zu können, ist ein Grundbedürfnis des Menschen, das der ÖV jedoch stark vernachlässigt.» Pendler mit Druck auf der Blase müssten ihre Zugreise schlimmstenfalls unterbrechen, um an Bahnhöfen ein WC aufzusuchen. «Dafür müssen sie eine verspätete Ankunft am Zielort in Kauf nehmen.»

Die WCs im Zug sind laut Blättler oft aber auch überbelegt. «Weil die Toiletten an den Bahnhöfen kosten, weichen Leute lieber auf die Zugtoiletten aus.» Pro Bahn sei klar, dass WCs für den ÖV kein rentables Geschäft seien. «Aber den Passagieren ist mit einer grösseren Anzahl WCs mehr gedient als mit Klowänden, die mit Waldfolien dekoriert sind.»

10 Millionen Franken für Toiletten

Laut Christian Ginsig erhält die SBB zum Thema Toiletten hin und wieder Kundenrückmeldungen. Im Fernverkehr, wo längere Distanzen zurückgelegt werden, seien mehr Toiletten vorhanden als in Regionalzügen, wo sich Kunden in der Regel nur wenige Minuten aufhalten. Laut einem Kundenvideo der SBB sind laufend 96 Prozent aller Toiletten im Regional- und Fernverkehr verfügbar.

Die SBB investiert pro Jahr rund 10 Millionen Franken für die Instandhaltung der Toilettensysteme (siehe Box). Zudem hält Ginsig fest: «Die Rückmeldungen unserer Kunden zu den beklebten WCs sind sehr positiv.»

So unterhält die SBB ihre WCs. (Video: SBB)

Ziele für das WC-Angebot

In den SBB-Zügen sind zurzeit rund 2700 WCs vorhanden. Darunter sind 280 Plumpsklos und 2400 geschlossene Systeme. Bei letzeren sind einige mit einem Bioreaktor oder einem einem Fäkalientank ausgerüstet.Bis Ende Jahr sollen alle Zugtoiletten der SBB mit Desinfektions- und Duftsprays ausgestattet werden, wie die SBB im September ankündigte. Bis dann will sie zusätzlich 4,5 Millionen Franken in die Sauberkeit der Züge investieren.

Von 2009 bis 2014 investierte die SBB 14 Millionen in die Modernisierung und Verbesserung der Entsorgungsanlagen und WC-Systeme. Sämtliche Toiletten werden mehrmals täglich kontrolliert und mindestens einmal täglich umfassend gereinigt. Ziel ist, an den rund 30 meistfrequentierten Bahnhöfen ständig betreute oder zumindest mehrmals täglich kontrollierte WC anzubieten. Zudem prüft die SBB weitere Anlagen an kleinen und mittleren Bahnhöfen in enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden.

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