25.03.2016 07:47

Zum Tod von Johan CruyffElegant, brillant, arrogant

Faszinierender Spieler, revolutionärer Coach, scharfzüngiger Analytiker. Mit Johan Cruyff verliert die Fussball-Welt einen Grossen.

von
Sandro Compagno

Als Spieler war Cruyff elegant, technisch brillant und leichtfüssig. Seine geometrisch exakten Zuspiele trugen ihm den Beinamen «Pythagoras des Fussballs» ein. Er war gleichzeitig Spielmacher, Vorbereiter und Vollstrecker. Noch heute gilt er als bester Fussballer, der je das Trikot mit den berühmten zwei Streifen trug. Zwei Streifen? Richtig: Als die Niederlande 1974 den WM-Final gegen Deutschland erreichten, stand Cruyff schon längst bei Konkurrent Puma unter Vertrag und weigerte sich, die drei Streifen von Ausrüster Adidas anzuziehen. Also trug die Nummer 14 Trikot und Hosen mit nur zwei Streifen.

1974 waren die Niederländer mit Abstand die beste Mannschaft des Turniers in Deutschland. Basierend auf einem 4-3-3, mit aggressivem Pressing und ständigen Positionswechseln, wirbelten sie durch die Weltmeisterschaft. Cruyff dirigierte das Ensemble aus dem Land, das innert nur eines Jahrzehnts aus dem Nichts an die Spitze des Weltfussballs geschossen war.

An der Seitenlinie stand Rinus Michels. Der frühere Sportlehrer für Hörbehinderte war 1965 als Trainer zu Ajax Amsterdam gestossen. Michels kam mit einer verrückten Idee: Er wollte aus dem kleinen, semiprofessionellen Verein einen internationalen Top-Club machen. Mit Johan Cruyff fand er einen Teenager im Team, dessen Ehrgeiz und fussballerische Qualität wie geschaffen waren für dieses Ziel.

Cruyff und Olsen mit Dopelpass-Penalty

Sechs Jahre später hatte das kongeniale Duo sein Ziel erreicht. Nach vier Meistertiteln (1966, 1967, 1968 und 1970) gewann Ajax Amsterdam 1971 erstmals den Europapokal der Landesmeister, das Pendant zur heutigen Champions League. Zwei weitere Triumphe sollten 1972 und 1973 folgen.

Voetball totaal!

Michels und Cruyff hatten den «totalen Fussball» erdacht. Doch das WM-Endspiel 1974 verloren die favorisierten Holländer in München gegen Gastgeber Deutschland mit 1:2. Das Resultat veranlasste den deutschen Captain Franz Beckenbauer zu einem Bonmot: «Johan war der bessere Spieler. Aber ich bin Weltmeister.»

Der totale Fussball war am deutschen Realismus gescheitert, aber er war nicht tot. Im Gegenteil. Zum Zeitpunkt der WM war Cruyff bereits beim FC Barcelona unter Vertrag. Ajax hatte er 1973 verlassen – beleidigt, weil die Teamkollegen in einer Wahl nicht ihn, den arroganten Superstar, zum Captain gewählt hatten, sondern Piet Kaizer. Rinus Michels holte ihn nach Katalonien. Ajax implodierte, Barcelona gewann seine erste Meisterschaft seit 14 Jahren.

Absage an Real und den «Caudillo»

Offenbar hatte sich auch Real Madrid um den Superstar bemüht, als in Spanien 1973 die Schranken für ausländische Spieler fielen. Cruyff erklärte ungerührt, er wolle nicht für einen Verein spielen, der dem Diktator Franco so nahe stehe. Dass er seinen im Februar 1974 geborenen Sohn auf den Namen Jordi taufte, nach dem katalanischen Schutzheiligen Sant Jordi, trug ebenfalls zu seinem Ruf als Nationalheld Kataloniens bei. Francisco Franco, «El Caudillo», hatte sämtliche Symbole des katalanischen Nationalismus verbieten lassen.

Erfolge auch als Trainer

Nach Beendigung seiner Spielerkarriere beerbte Cruyff seinen Mentor Rinus Michels und übernahm als «Technischer Direktor» den Trainerposten bei Ajax Amsterdam. Sofort installierte er wieder seinen totalen Fussball mit einem 4-3-3, das heute noch als Ajax-System bekannt ist. In der Nachwuchsarbeit setzte er durch, dass auf sämtlichen Altersstufen im gleichen System gespielt wurde. Und er legte den Fokus auf Entwicklung, nicht auf Resultate.

Brillant und arrogant

Mit Ajax holte er den holländischen Cup 1986 und 1987 sowie 1987 den Europapokal der Cupsieger. Mit Barcelona gewann er 1991 bis 1994 viermal in Folge die Meisterschaft sowie den Cupsieger-Cup 1989 und den Meistercup 1992. Zudem belebte er die Jugendakadamie La Masia wieder, wo ebenfalls sämtliche Juniorenteams im gleichen, cruyffschen System zu trainieren haben.

Johan Cruyffs Trainerkarriere dauerte nur neun Jahre, mehr liess sein Charakter nicht zu – diese für seine Umwelt manchmal unausstehliche Mischung aus Brillanz und Arroganz, aus Rechthaberei und tatsächlich Immer-Recht-Behalten. Später wurde er in seiner Heimat Holland zu einem gefragten Experten. Ein Land hing an seinen Lippen, schätzte seine Einblicke und liebte seine teilweise paradoxen Ansichten wie «Jeder Nachteil hat seinen Vorteil» oder «Gib den Italienern eine Chance und sie schiessen zwei Tore». Zugleich pflegte er seine alten Feindschaften. Niemand in Holland kann sich daran erinnern, dass Cruyff jemals etwas Nettes über Louis van Gaal gesagt hat.

Johan Cruyff ist am Donnerstag im Alter von 68 Jahren an den Folgen einer Lungenkrebs-Erkrankung gestorben. Seine Philosophie lebt weiter. Der so geniale wie streitbare Holländer baute in Barcelona eine Kathedrale des Fussballs, seine Nachfolger wie Pep Guardiola oder zurzeit Luis Enrique verpassen ihr ab und zu einen neuen Anstrich. 50 Jahre, nachdem Johan Cruyff begann, Fussball zu denken, ist das kein schlechtes Vermächtnis.

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