Aktualisiert 15.08.2013 06:43

Menschenhandel-ProzessElf Jahre für Chef-Zuhälter gefordert

Vor dem Bezirksgericht Zürich muss sich ein ungarischer Zuhälter wegen Menschenhandels verantworten. Die Anklage fordert elf Jahre Haft.

von
Attila Szenogrady
Der Beschuldigte gilt als grosser Fisch am Zürcher Sihlquai.

Der Beschuldigte gilt als grosser Fisch am Zürcher Sihlquai.

Es war am 8. Juni 2010, als die Zürcher Kantonspolizei im Rahmen der Aktion «Pluto» zuschlug und in einer Liegenschaft an der Zürcher Langstrasse mit einem ungarischen Staatsangehörigen einen hochkarätigen Zuhälter der Zürcher Strassenprostitution festnahm.

Der heute 35-jährige Bauarbeiter sitzt seither im Gefängnis und muss sich seit Mittwoch wegen Menschenhandels, Förderung der Prostitution, aber auch wegen Erpressung, Gefährdung des Lebens sowie mehrfacher Körperverletzung vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten.

Laut Anklage ein grosser Fisch

Die zuständige Staatsanwältin Prisca Landolt verlangte für den Beschuldigten eine hohe Freiheitsstrafe von elf Jahren. Verbunden mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 30 Franken sowie einer Busse von 2000 Franken. Zudem soll der dreifache Vater dem Kanton Zürich eine Ersatzforderung von über 74'000 Franken abliefern.

Laut Landolt handelt es sich beim weitgehend nicht geständigen Ungar um einen grossen Fisch des Zürcher Rotlicht-Milieus. So war er bereits seit Mitte 2006 im Kreis 4 als Zuhälter tätig und nahm schon bald eine führende Rolle ein. So betrachtete er grössere Abschnitte an der Langstrasse oder am Sihlquai als seine persönlichen Reviere und organisierte sogar in einem Zürcher Hotel zwecks Absprachen eine Zusammenkunft von wichtigen ungarischen Zuhältern.

Laut Anklage Frauen bedroht und geschlagen

Die Anklageschrift führte sechs aus Ungarn stammende Geschädigte auf. Der Beschuldigte soll mehrere von ihnen in die Schweiz gelockt und hier zur Prostitution gezwungen haben. Die meisten der Opfer waren in ihren «Beschützer» verliebt und verdienten für ihn täglich bis zu 1000 Franken. Die Fahnder konnten dem Chef-Zuhälter nachweisen, dass er zwischen Januar 2009 und Juni 2010 über 74'000 Franken an Geschäftspartner oder an seine Mutter nach Ungarn überwiesen hatte.

Bei zwei Frauen schreckte der Boss auch nicht vor roher Gewalt zurück und verprügelte sie. Wobei er auch eine Metallstange, eine Holzlatte oder ein Telefon einsetzte. In einem Fall würgte er eine Geschädigte in einem Badezimmer so stark, dass er sie laut Anklage in akute Lebensgefahr brachte.

Schutzgelder von Konkurrenten erpresst

Gemäss Staatsanwältin weitete der Beschuldigte sein Revier aus und setzte mit der Zeit auch Berufskollegen und Konkurrenten massiv unter Druck. So einen Zuhälter mit dem Spitznamen «Tarzan», der sich anfänglich weigerte, Schutzgelder zu bezahlen. Bis der Chef eines Tages mit zwei Männern persönlich auftauchte, wonach «Tarzan» plötzlich hinkte, an Bauch- sowie Brustschmerzen litt und von nun an Gelder bis zu 5000 Franken an seinen Landsmann überwies.

Vor Gericht bezeichnete der Beschuldigte einen Grossteil der happigen Vorwürfe als nicht wahr. «Die Mädchen wollten sich prostituieren und schlicht Geld verdienen», erklärte er vor den Schranken. Die zum Teil happigen Belastungen von diversen Prostituierten stufte er als böswillige Racheakte ein. So gab er zu, dass er mit mehreren Frauen gleichzeitig verkehrt habe, was zu Eifersüchteleien und bösem Blut geführt habe. Eine Frau habe ihn gar als Miststück bezeichnet, als sie erfahren habe, dass er mit einer anderen Dame eine Beziehung aufgenommen habe. Sie werde ihn dafür für 20 Jahre ins Gefängnis bringen, habe sie gedroht.

Verteidiger für milde Strafe

Der Verteidiger setzte sich mit zwei Jahren Freiheitsentzug nicht nur für eine erheblich mildere Bestrafung, sondern auch für die sofortige Freilassung seines Klienten ein. Der Anwalt verneinte einen Menschenhandel, da die Frauen in den meisten Fällen bereits in ihrer Heimat der Prostitution nachgegangen und aus freien Stücken nach Zürich gekommen seien. Bei zwei Frauen räumte der Verteidiger eine Förderung der Prostitution ein, kritisierte aber die Beweislage. So auch die Telefonkontrollen, die fehlerhaft und unvollständig ausgefallen seien. So hätten die von der Polizei angesetzten Dolmetscher die häufig in Roma-Dialekten geführten Gespräche gar nicht verstanden.

Das Gericht zog sich nach den Parteivorträgen zur geheimen Urteilsberatung zurück. Es wird den Entscheid voraussichtlich am kommenden 28. August eröffnen. Pikanterweise nur wenige Tage nach der Einführung der so genannten Verrichtungs-Boxen in Zürich-Altstetten. Eine direkte Folge der Auswüchse des Strassenstrichs am Sihlquai.

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