3 mit Sex - «Ella, du Opfer, wehr dich endlich!»
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3 mit Sex«Ella, du Opfer, wehr dich endlich!»

Ella kriegt vorwurfsvolle Fanpost, weil sie sich zu wenig vorbildlich gegen übergriffige Männer zur Wehr setzt. Was jetzt? Tränen, lesbisch werden oder in Therapie gehen?

von
Ella
Zora Schaad
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Ella bekommt viele Reaktionen auf ihren Texte – nicht alle davon sind nett.

Ella bekommt viele Reaktionen auf ihren Texte – nicht alle davon sind nett.

Illustration: Anna Deér
Sie ist Single mit wechselnden Liebschaften. Verliebt sich wahllos. Sucht Mr. Right und vertreibt sich die Zeit mit amourösen Fettnäpfchen und seltsamen Begegnungen zwischen feuchten Laken.
Ella

Sie ist Single mit wechselnden Liebschaften. Verliebt sich wahllos. Sucht Mr. Right und vertreibt sich die Zeit mit amourösen Fettnäpfchen und seltsamen Begegnungen zwischen feuchten Laken.

Illu: Anna Deér
Er ist ein bekannter Musiker, gilt als heterosexuell. Bruce wird auf der Strasse erkannt und empfängt Journalistinnen für Homestorys. Er datet öfter Männer als Frauen und muss aufpassen, dass ihn seine Groupies nicht ertappen.
Bruce

Er ist ein bekannter Musiker, gilt als heterosexuell. Bruce wird auf der Strasse erkannt und empfängt Journalistinnen für Homestorys. Er datet öfter Männer als Frauen und muss aufpassen, dass ihn seine Groupies nicht ertappen.

Illu: Anna Deér

Darum gehts

  • Ella liest Mails, die sie als Reaktion auf ihren Text über sexuelle Belästigung bekommen hat.

  • Nicht alle sind nett, manche werfen ihr gar vor, sexuelle Belästigung zu normalisieren, weil Ella die Männer nicht genügend in die Schranken gewiesen habe.

  • Auf gar keinen Fall will Ella sexuelle Belästigung normalisieren. Also braucht sie Lösungen, um sich besser wehren zu können.

«Was meinst Ella, ich könnte mir mein Covid-Zertifikat tätowieren lassen, hier, oberhalb der Hüfte.» Yasmin schiebt ihr Top hoch, feine Haut spannt sich über ihren Hüftknochen. «Jedes Mal, wenn ich ins El Paso gehe, zeige ich der sexy Türsteherin dann mein Zertifikat. Die ist bestimmt lesbisch, gell Ella, eh steht die auf Frauen. Ella? Sag was!!» Ich bin verkatert und in Gedanken weder im El Paso noch bei Yasmin, die jetzt in ihrem Tee mit marokkanischer Minze rührt. Draussen strömt der Regen. «Was ist los, Liebes?» Yasmin rückt näher, etwas unbeholfen legt sie mir die Hand auf die Schulter. Und ich erzähle. Von euren Mails.

Diese Mails! Einer meiner letzten Beiträge, in dem ich beschrieb, wie Coiffeur Dominik mir seine Hand an die Brüste und seine Erektion fast an die Augen hielt, hat euch echt auf die Palme gebracht. Beziehungsweise der Fakt, dass ich mich nicht gewehrt habe. Also habt ihr mir geschrieben.

«Jedes Ausrufezeichen war eine kleine Ohrfeige»

Zum Beispiel das: «Als Frau weiss man im ersten Moment nicht, was man in so einer Situation tun soll und macht mal gar nichts, einverstanden. Aber spätestens zuhause denkt man nach, geht alles nochmals im Kopf durch, erzählt es der besten Freundin und dann wird überlegt, was der nächste Schritt ist. Ich spreche aus Erfahrung. Ich rief an und sprach darüber und danach versicherte man mir, dass sofort etwas dagegen unternommen wird. So sieht sexuelle Integrität aus! Man geht aus der Opferrolle, indem man sich wehrt. Du bist Opfer, solange du die Kontrolle abgibst!»

Es gab viele Ausrufezeichen im Mail, ich hab sie für euch rausgelöscht. Jedes einzelne war eine kleine Ohrfeige. Ich Opfer!

Eine Hypnosetherapeutin zeigte Verständnis und bot mir Hilfe an:

«Vielen Frauen fällt es schwer, Nein zu sagen, weil sie gefallen wollen, im Sinne von nett sein wollen; nicht störrisch, nicht kompliziert, sondern anständig und freundlich. Ihr Selbstwert ist im Keller, sie stellen vieles über sich und nehmen sich zurück. Ich arbeite mit verschiedenen Methoden und kann dir Tools mitgeben, die dich im Alltag unterstützen. Auch kann ich dir zeigen, wie man sich den idealen Partner kreiert.»

«Alles nur ein Fake? I wish.»

Gefallen wollen, nicht anecken: Damit hatte die Hypnosetherapeutin bei mir tatsächlich einen wunden Punkt erkannt. Wieder eine Leserin fand, meine Erlebnisse seien erfunden. Alles nur ein Fake. Tja, I wish, in solchen Situationen kommt mir mein Leben nämlich selbst vor wie schlechtes Fernsehen. Binge-Watching einer Trash-Serie. Die Belästigung beim Coiffeur hat leider tatsächlich stattgefunden und ich habe es – einmal mehr, by the way – nicht geschafft, dem Typ eine zu knallen oder seinen Chef über sein Verhalten zu informieren.

Wieder eine andere Leserin schlug vor, ich solle den Coiffeursalon bei Google schlecht bewerten. Schliesslich warf mir eine vor, ich würde sexuelle Belästigung normalisieren. Und dieser Vorwurf hat mich echt getroffen.«Yasmin, ich will nicht, dass andere Frauen meinen Text lesen und dann denken, Ella hat sich nicht gegen den Grabscher gewehrt, also muss ich auch nicht. Besser auf den Mund sitzen als aufmupfen!» Ich muss fast heulen. Sexuelle Belästigung salonfähig zu machen, ist das Gegenteil von dem, was ich möchte.

«Auch Jungs werden sexuell belästigt»

Ich will, dass wir Betroffenen uns wehren, notfalls gemeinsam. Ich will, dass wir unsere Grenzen durchsetzen können, und zwar ganz unabhängig davon, wie gross der Ausschnitt, wie eng die Leggins oder wie kurz das Röcklein ist. Ich will, dass ein Fall wie neulich in Basel, als das Gericht eine Frau mitverantwortlich gemacht hat für eine Vergewaltigung, bloss weil das spätere Opfer vorher im Club ausgelassen gefeiert hat, nie mehr vorkommt. Nirgendwo. Gleiches gilt übrigens für Jungs, denn auch sie werden sexuell belästigt (und sprechen noch viel seltener darüber als wir Frauen).

«Ella, bevor du hyperventilierst: Ich kenn dich besser als all die Leserinnen zusammen. Und ich weiss, dass du es schon oft geschafft hast, touchy Dudes zurechtzuweisen oder dich sonst gegenüber Männern zu behaupten. Weisch no, der Alte in der Bergbeiz, der dich unter den Augen seiner Frau betatscht hat? Wie du Stefano in den Senkel gestellt hast, als er mansplainte? Wie du dich trotz grosser Liebe von Fritz gelöst hast, der dich nur als Schönwetter-Girlfriend haben wollte? Und wie strategisch du damals das flirty Verhalten deines Bosses bestrafen wolltest und mit ihm ins Bett gehüpft bist, um so eine Beförderung zu erpressen? Du bist oft stark, Ella-Bella, aber manchmal auch ein Schisshaas. Da haben deine Leserinnen recht. Natürlich hättest du dem Dominik eine Faust geben sollen. Aber wenigstens stehst du öffentlich dazu, dass du es nicht geschafft hast. Einsicht ist der erste Schritt zur Veränderung. Geh in eine Therapie. Machen wir ja alle ...» Sie schlägt mit der Hand in die Luft, Zentimeter an ihrem Teeglas vorbei. Dann noch ein Schlag, dieses Mal ins Kissen. Ach, Yasi.

«Therapie ist vielleicht gar nicht so schlecht…»

«Okay», sage ich. «Eine Therapie ist vielleicht nicht so schlecht. Rausfinden, warum ich Männern gegenüber manchmal nicht gut Grenzen setzen kann und viel zu viel gebe für ein bisschen Anerkennung. Und warum ich mich ohne Mann an meiner Seite immer irgendwie unvollständig fühle.»

«Ich hab noch eine andere Idee», meint Yasi plötzlich. «Es gibt ja nicht nur Männer. Vielleicht bist du eher der Frauen-Typ?» Sie legt den Arm um mich, guckt mich schief an. «Wir könnten ja mal bisschen …?» «Yaaaaaasiii!!», kreische ich. «C’mon. Wir kennen uns seit der Primar.» Sie schmollt, dann lacht sie. «Ist ja gut. Ich meinte ja bloss. Frauen korben, kannst ja schon bestens.»

P. S. Die Hypnose-Expertin sprach davon, dass sie weiss, wie man den idealen Partner kreiert. Vielleicht sollte ich da hin und mir einen formen, der mich immer respektiert, gerne gut isst und grüne Augen hat?

Ohlala! Hast du Lust auf mehr Abenteuer von Ella, Bruce und Lars?

3 mit Sex

Ella, Lars und Bruce heissen in Wirklichkeit gar nicht so, und auch einige Angaben sind geändert. Wahr ist aber, dass sie leidenschaftlich gern durch die Keller und Clubs der besten Stadt dieses Landes tanzen. Die drei Singles lieben Techno, Rührei und die stabilen Betten ihrer WG. Und sie wissen: Falls sie sich je zu dritt darin vergnügen, ist das das Ende von allem – oder der Beginn von etwas noch Grösserem. 20 Minuten erzählen sie exklusiv von ihren Abenteuern.

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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