Aktualisiert 18.06.2019 14:31

Aus Verzweiflung

Eltern bringen Problem-Schüler in Psychiatrie

In der Schule sind sie untragbar, zu Hause terrorisieren sie die Eltern: Problemschüler landen deshalb in der Psychiatrie. Doch die ist nicht zuständig.

von
P. Michel/ B. Zanni
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Vier Wochen vor den Schulferien eskaliert nun die Situation mit den Schülern, die in der Regelschule nicht mehr tragbar sind.

Vier Wochen vor den Schulferien eskaliert nun die Situation mit den Schülern, die in der Regelschule nicht mehr tragbar sind.

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«Immer mehr Eltern wissen nicht mehr weiter und bringen ihre verhaltensauffälligen Kinder zu uns», sagt Fana Asefaw, Leiterin des Ambulatoriums an der der Kinder- und Jugendpsychiatrie Clienia in Winterthur.

«Immer mehr Eltern wissen nicht mehr weiter und bringen ihre verhaltensauffälligen Kinder zu uns», sagt Fana Asefaw, Leiterin des Ambulatoriums an der der Kinder- und Jugendpsychiatrie Clienia in Winterthur.

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Dabei handle es sich um Schüler, die bei all den integrativen Bemühungen der Schule den Rahmen gesprengt hätten. «Sie finden nicht zeitnah die passende Anschlusslösung wie Einzellektion oder Sonderschulstatus.»

Dabei handle es sich um Schüler, die bei all den integrativen Bemühungen der Schule den Rahmen gesprengt hätten. «Sie finden nicht zeitnah die passende Anschlusslösung wie Einzellektion oder Sonderschulstatus.»

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Sie beleidigen und provozieren Mitschüler, beschädigen nach Wutausbrüchen das Mobiliar oder ignorieren die Weisungen der Lehrer so lange, bis diese es nicht mehr aushalten: Laut einer Lehrerbefragung der Pädagogischen Hochschule Zürich sind in Winterthur und Zürich 20 Prozent der Schüler verhaltensauffällig. Das Phänomen betrifft die ganze Schweiz: «Wir haben sehr viele verhaltensauffällige Schüler», erklärte jüngst Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbandes, die grosse Zahl der geleisteten Überstunden durch Pädagogen.

Vier Wochen vor den Schulferien ist in Winterthur die Situation mit jenen Schülern, die in der Regelschule nicht mehr tragbar sind, eskaliert. «Immer mehr Eltern wissen nicht mehr weiter und bringen ihre verhaltensauffälligen Kinder zu uns», sagt Fana Asefaw, Leiterin des Ambulatoriums an der Kinder- und Jugendpsychiatrie Clienia in Winterthur.

Es fehlen Sonderschulplätze

Dabei handle es sich um Schüler, die bei all den integrativen Bemühungen der Schule den Rahmen gesprengt hätten. «Sie finden nicht zeitnah die passende Anschlusslösung wie Einzellektion oder Sonderschulstatus.» (siehe Box)

«Viele sind zu Hause ohne Tagesstruktur oder sind krankgeschrieben. Die Eltern fühlen sich alleingelassen, und nachdem die Situation zuerst in der Schule eskaliert ist, kommen auch zu Hause Eltern an ihre Grenzen bis hin zum Burn-out», sagt Asefaw. Sie nennt einen Fall, in dem die Eltern das Kind aus der Schule holen mussten, weil es vor dem Schulunterricht dauernd erbrach und schrie.

Situation eskaliert vor den Sommerferien

Dass sich das Problem vor den Ferien zuspitze, liege daran, dass viele Problemschüler für das nächste Schuljahr einen Sonderschulplatz finden müssten. «Das sorgt für noch mehr Stress und lässt die Situation in den Familien explodieren.»

Ebenfalls hinein spielt die Umsetzung der sogenannten Inklusion: Auch verhaltensauffällige Schüler sollen ihren Platz in der Regelschule erhalten. Kleinklassen wurden deshalb vor acht Jahren abgeschafft, was wiederum die Zahl der verhaltensauffälligen Schüler in den Regelklassen erhöhte.

Ist die Integration von Verhaltensauffälligen möglich?

Nadja Pieren, SVP-Bildungspolitikerin im Nationalrat und Leiterin einer Kita, kritisiert das inklusive Schulsystem. «Es ist schwierig, wenn man jedes Kind auf Biegen und Brechen in eine Regelklasse integrieren will», sagt Pieren. Die abgeschafften Kleinklassen hingegen hätten solche Eskalationen zum Teil vermeiden können. «In diesen Klassen erhielten Kinder mit Lernschwierigkeiten und disziplinarischen Problemen eine individuelle Betreuung und schafften es am Ende oft sogar in die Regelklasse.»

Leider könne sie den verzweifelten Eltern nicht immer helfen, erklärt Klinikleiterin Asefaw. «Das ist sehr frustrierend.» Zuständig seien nämlich die schulpsychologischen Dienste. Es handle sich um ein gesellschaftliches Problem, das alle zusammen angehen müssten, findet Asefaw. «Wir müssen uns fragen, warum so viele Kinder mit dem Schulsystem nicht mehr klarkommen.» Denkbar sei etwa eine «Schulambulanz», die Probleme frühzeitig erkennt. «Heute bekommen auffällige Kinder erst viel zu spät Hilfe.»

Schulen fordern mehr Personal

Bei den schulpsychologischen Diensten ist das Problem bekannt. «Auf die Sommerferien hin sind Plätze für verhaltensauffällige Schüler meist schwierig zu finden», sagt Bigna Bernet, Co-Präsidentin der Vereinigten Schulpsychologinnen und Schulpsychologen des Kantons Zürich. Grund dafür sei, dass Aufnahmen in Sonderschulen in aller Regel auf Beginn eines Schuljahres erfolgen und die Klassen dementsprechend voll seien vor den Sommerferien.

«Die Lehrpersonen der öffentlichen Schulen haben häufig knappe Ressourcen zur Verfügung.» Um verhaltensauffällige Schüler integrieren zu können, seien genügend personelle Ressourcen und eine hohe Flexibilität nötig. «Diese Kapazitäten fehlen den Schulen zum Teil, vor allem, bis sonderschulische Massnahmen überhaupt aufgegleist werden können.» Dieser Prozess benötige Zeit, denn Verhaltensauffälligkeiten führten nicht grundsätzlich zu sonderschulischen Massnahmen und müssten begründet sein.

«Inklusion ist nicht gescheitert»

Laut Bernet braucht es genügend Plätze für Sonderschüler, was nicht immer und überall zum benötigten Zeitpunkt der Fall sei. Dies bedeute aber nicht, dass die Inklusion gescheitert sei. «Es gibt wunderschöne Beispiele, bei denen verhaltensauffällige Schüler bestens integriert werden können. Gleichzeitig gestaltet sich die Inklusion in manchen Schulen aber auch schwierig.»

Time-out oder Sonderschule

Im Umgang mit Problemschülern haben die Schulen verschiedene Optionen. In der Klasse können Lehrer Fachpersonen beiziehen. Zudem führen viele Schulen die Möglichkeit des disziplinarischen Time-outs, in dem die Problemschüler gänzlich vom Unterricht suspendiert und nach Hause geschickt werden, daneben existieren betreute Time-outs. Ebenfalls möglich ist die Anordnung einer Sonderschulung. Hier kann es aber zu Wartezeiten kommen. Eine weitere Möglichkeit sei in Einzelfällen ein Sondersetting mit Einzellektionen, sagt Reto Luder, Professor für Sonderpädagogik an der PH Zürich.

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