18.01.2017 16:16

Junge IV-Bezüger

«Eltern handeln erst, wenn die Jobsuche nicht klappt»

Die Zahl junger Erwachsener, die einen IV-Antrag stellen, nimmt kontinuierlich zu. Schuld sind mangelhafte Integration und zu spätes Handeln.

von
vro
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Die Anzahl junger IV-Bezüger nimmt zu. Oft werden psychische Krankheiten als Ursache angegeben.

Die Anzahl junger IV-Bezüger nimmt zu. Oft werden psychische Krankheiten als Ursache angegeben.

Keystone/Gaetan Bally
Laut Oskar Jenni, Entwicklungspädiater und Leitender Arzt am Kinderspital Zürich, wird heute schneller diagnostiziert. Die Integration in den Arbeitsmarkt hingegen hinke hinterher.

Laut Oskar Jenni, Entwicklungspädiater und Leitender Arzt am Kinderspital Zürich, wird heute schneller diagnostiziert. Die Integration in den Arbeitsmarkt hingegen hinke hinterher.

Gabrielaacklin

Die Anzahl IV-Gesuche aufgrund psychischer Erkrankungen hat in den letzten Jahren schweizweit zugenommen. Besonders auffällig: Gerade Jugendliche stellen immer öfter IV-Anträge. Im Jahr 2015 waren es laut dem Luzerner Regierungsrat im Kanton beispielsweise 1770, 248 mehr als noch 2013. Die Antragsteller würden als Begründung vermehrt neue Krankheitsbilder wie Autismus und psychische Erkrankungen angeben, zitiert die «Luzerner Zeitung» eine Antwort der Regierung.

Doch nicht nur die Gesuche, auch die Anzahl jugendlicher IV-Renten-Bezüger hat im Kanton Luzern zugenommen. In anderen Kantonen sieht es ähnlich aus: Im Kanton Basel-Stadt gab es bei den unter 18-Jährigen im Jahr 2015 insgesamt 531 IV-Neuanmeldungen. Im Jahr 2016 waren es 553 Anmeldungen.

In vier Jahren 18 Prozent mehr

Im Kanton Bern nahm die Anzahl Erstbezüger unter 24 Jahren von 2011 bis 2015 um 49 Prozent zu, wie «Schweiz aktuell» im Herbst berichtete.

Im Kanton Zürich hat die Zahl der ausserordentlichen Renten zwischen 2010 und 2015 um 22 Prozent zugenommen. Sie werden gemäss der Sozialversicherungsanstalt (SVA) des Kantons Zürich hauptsächlich jungen Erwachsenen zugesprochen.

Oft wird zu spät gehandelt

Laut SVA-Sprecherin Daniela Aloisi ist die Hürde, nach einer Lehre in einer IV-Institution in einen Betrieb der freien Wirtschaft zu wechseln, für Jugendliche viel höher als bei jenen, die die Lehre bereits in einem normalen Betrieb absolviert haben. «Für die IV sind deshalb Partner mit einem guten Netzwerk wichtig.»

Ein anderer Punkt: «Gerade bei Jugendlichen mit psychischen Problemen, die die öffentliche Schule besuchen, handeln die Eltern erst, wenn es bei der Lehrstellensuche nicht klappt», so Aloisi. Frühzeitiges Handeln sei jedoch wichtig. «Man macht den Jugendlichen mit psychischen Problemen keinen Gefallen, wenn man zu lange wartet.» Auch die Ärzte seien in dieser Hinsicht gefordert.

Eingliederung unterstützen

Gemäss Oskar Jenni, Entwicklungspädiater am Kinderspital Zürich, hat die Anzahl Jugendlicher mit Entwicklungsstörungen jedoch nicht zugenommen. Vielmehr hätten sich die Umstände geändert: «Heute wird viel besser diagnostiziert und genauer erfasst.» Zudem seien die Anforderungen im Arbeitsmarkt gestiegen.

Bei der Integration in die Arbeitswelt habe sich hingegen noch zu wenig getan. «Wer einmal mit staatlicher Unterstützung gelernt hat, schafft es kaum in die freie Wirtschaft», sagt Jenni. Es sei deshalb wichtig, die Eingliederung in den Arbeitsmarkt stärker zu unterstützen.

Sind Sie unter 18 Jahre alt und IV-Bezüger? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte!

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