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Job und FamilieEltern in der Schweiz sind oft überfordert

Einer aktuellen Studie zufolge leidet jeder Siebte unter grossen Schwierigkeiten, Arbeits- und Familienleben zu kombinieren. Work-Family-Konflikte nehmen dramatisch zu. Nun will sich der Bundesrat mit der Work-Life-Balance beschäftigen.

von
Kathrin Fischer

Erst seit kurzem legt man in der deutschsprachigen Welt besondere Aufmerksamkeit auf den Konflikt, der zwischen dem Arbeitsleben und dem Familienleben brodelt. Mit mehr als ernüchterndem Ergebnis: Um die Work-Family-Balance in der Schweiz steht es schlecht. Eine kürzlich im International Journal of Public Health veröffentlichte Studie der Universität Zürich belegt: Durchschnittlich jeder siebte Schweizer Erwerbstätige – ob Frau oder Mann – hat erhebliche Schwierigkeiten, neben dem Arbeitsleben noch ein Familienleben zu führen.

Gesellschaftliche Zeitbombe

Bei einigen der untersuchten Bevölkerungsgruppen ist bereits sogar jeder Dritte betroffen. Besonders brisant: Die aus dem Work-Family-Konflikt resultierenden gesundheitlichen Folgen. Ungesunde Menschen leisten weniger und fehlen häufiger bei der Arbeit als gesunde. Die jeweils rund 1600 weiblichen und männlichen Teilnehmenden der erwähnten Studie der Universität Zürich mussten ihre Gesundheit einschätzen. Nicht überraschend zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen erlebtem Work-Family-Konflikt und Gesundheit. Depressionen, Mutlosigkeit, Erschöpfung und Schlafprobleme nehmen zu bis hin zum Burnout. Das Fazit: Work-Family-Konflikte sind kein Privatproblem mehr, sondern Zeitbomben für unsere Gesellschaft.

Adieu Alleinverdienermodell

Trotz dieser Alarmsignale tut sich wenig. Zwar verändert sich das Rollenverständnis nicht erst seit gestern. Die Scheidungsraten sind hoch, Alleinerziehende und Patchworkfamilien nehmen zu, die traditionelle Familienform nimmt ab. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen hat in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen, mittlerweile liegt sie gesamthaft bei 75 Prozent und damit nicht mehr weit hinter der der Männer mit 88 Prozent.

Die Erwerbsbeteiligung von Müttern mit Kindern im Vorschulalter lag bereits im Jahr 2000 bei 62 Prozent, die von Müttern mit schulpflichtigen Kindern bis 14jährig bei 76 Prozent, die von Müttern mit jugendlichen Kindern (15-20jährig) bei 83 Prozent. Es ist eigentlich schon lange eine Tatsache: Immer mehr Mütter und Väter müssen in der Schweiz immer mehr Verpflichtungen bewältigen.

Gleichzeitig nimmt die sogenannte Normalarbeit ab. Gerade mal noch fünf Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben noch Normalarbeitszeiten - laut Untersuchungen von Prof. Friedhelm Nachreiner von der Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung GAWO.

Arbeitnehmer tragen immer Risiko

Der Trend geht weg von normalen Arbeitsstrukturen und hin zu gleitender Arbeitszeit, zu Nacht-, Schicht- und Wochenendarbeit und Arbeit auf Abruf und vor allem zu Überstunden. Der Feierabend und der eigentlich arbeitsfreie Samstag geraten dadurch unter Druck, die eigentlich im Arbeitsgesetz verankerte 42.5-Stunden-Woche und der Sonntag als Ruhetag verlieren an allgemeiner Verbindlichkeit.

Problem dabei: Arbeitnehmer werden durch die wirtschaftliche Situation und durch Arbeitgeber dazu veranlasst, immer mehr wirtschaftlichen Druck und unternehmerisches Risiko mitzutragen. Die Folge ist, dass die Erwerbstätigen ein Interesse an der gesundheitlichen Selbstgefährdung entwickeln und die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit immer weiter gesteckt werden.

Politik greift ein

Das hat Folgen. Wenn Überstunden, lange Arbeitstage, unregelmässige Arbeitszeiten und Wochenendarbeit immer mehr die Regel werden, führt dies «zu einer immer schlechter planbaren Familien- und Freizeitgestaltung», schreibt Dr. Oliver Hämmig vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Zürich im Magazin «io new management». Der Work-Family-Konflikt ist ein zentrales Schweizer Lebensthema geworden.

Die Problematik wurde deshalb unter dem Stichwort Work-Life-Balance kürzlich vom Bundesrat in die politische Agenda aufgenommen. Der Leiter des Bereichs Arbeitsbedingungen beim Bundesamt für Wirtschaft SECO, Pascal Richoz, formuliert die Herausforderungen wie folgt: Die Risiken für die Gesundheit der Arbeitenden müssen neu begriffen werden und die heute bestehenden Gesetze brauchen eine Anpassung.

Mobilität zusätzlich schädlich

Wie familienschädigend sind unsere Arbeits- und Lebensweisen wirklich? Eine Untersuchung der Europäischen Union von 2005 zeigt, dass ein Viertel der Bevölkerung unter einer psychischen Erkrankung leidet - auch in der Schweiz. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts von 2009 belegt einen bedenklichen Grad von Belastungen der Eltern. «Viele Eltern sind erschöpft, sie befinden sich am Rande der Überforderung», resümiert Familienforscherin Dr. Karin Jurczyk.

Zuviel berufliche Mobilität erschwert das gemeinsame Familienleben, Zeitlücken für die Familie müssen mühsam gesucht werden, erschöpften Eltern fehlt die Energie, sich wirklich aufeinander und auf ihre Kinder einzulassen. Erschöpfung macht abwesend. Wo aber keine aufmerksame Anwesenheit mehr stattfindet, findet auch keine Erziehung mehr statt. Die Betreuung der Kinder leidet. Die Folgen spürt die Gesellschaft heute schon.

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Warum sind vor allem Eltern in der Schweiz vor grosse Probleme gestellt? Was machen andere Länder besser? Oder ist das Problem hierzulande nur ein gefühltes? Schreiben Sie Ihren Kommentar im Talkback.

Work-Family-Balance-Killer

- Überstunden: Wer keine Überstunden macht, hat viel weniger Probleme, Arbeit und Familie zu vereinbaren.

- Karriere: Geschäftsleitung und Kader haben mehr Probleme mit der Work-Family-Balance. Allerdings haben sie mehr Autonomie am Arbeitsplatz, und das wiederum kann Balance fördern.

- Gleitende Arbeitszeit. Bedeutet real oft mehr Überstunden für den Arbeitnehmer und ist oft nicht mit mehr Autonomie verbunden.

- Dauererreichbarkeit und Mobilität: Sie führen zu enormen Stress und wirken sich negativ auf die Freizeit aus.

- Hobbys: Untersuchungen belegen, dass bei Überstunden und einer Arbeitszeit von über 40 Stunden pro Woche zuerst die Familienaktivitäten massiv heruntergefahren werden. Erst in zweiter Line verzichten Eltern auf ihre Freizeitgewohnheiten.

- Work-Family-Konflikte: Sie erhöhen nachweisbar Stress und Burnout. Wer aus der eigenen Balance gefallen ist, schafft auch keine Work-Family-Balance.

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