Down-Syndrom: Eltern kämpfen darum, dass Jerome (10) in die normale Schule darf
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Down-SyndromEltern kämpfen darum, dass Jerome (10) in die normale Schule darf

Jerome (10) darf wegen seines Down-Syndroms nicht an die Regelschule. Seine Eltern fechten den Entscheid juristisch an und sammeln nun via Crowdfunding Geld für die Anwaltskosten. Der junge Aargauer ist kein Einzelfall.

von
Céline Krapf
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Jerome (10) besuchte die reguläre Primarschule, bis er im Sommer 2019 in eine Sonderschule verwiesen wurde.

Jerome (10) besuchte die reguläre Primarschule, bis er im Sommer 2019 in eine Sonderschule verwiesen wurde.

«Wo Jeromes Weg hinführt, wissen wir nicht – aber wir wollen ihm die bestmögliche Perspektive bieten», sagt seine Mutter.

«Wo Jeromes Weg hinführt, wissen wir nicht – aber wir wollen ihm die bestmögliche Perspektive bieten», sagt seine Mutter.

«Kinder mit Trisomie 21 decken ein riesiges Spektrum ab – und so auch ihr ideales Schul-Setting», sagt Peter Lienhard, Dozent an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich.

«Kinder mit Trisomie 21 decken ein riesiges Spektrum ab – und so auch ihr ideales Schul-Setting», sagt Peter Lienhard, Dozent an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich.

Darum gehts

  • Jerome (10) wurde mit Trisomie 21 geboren. Von der Regelschule wurde er ausgeschlossen, in der Sonderschule fühlt er sich unwohl.

  • Seine Eltern versuchen, ihm mit juristischen Mitteln einen Platz in einer normalen Schule zu sichern.

  • Er ist kein Einzelfall: Auch Eric Scherer, Präsident des Vereins Inklusion Aargau hat Ähnliches erlebt und betreut Familien in solchen Situationen.

  • Laut Experten ist Integration im Zweifelsfall immer besser als der Besuch einer Sonderschule.

Er geht in die Jungschar, nimmt am Sommerlager teil und trifft sich mit Freunden zum Spielen: Jerome führt das typische Leben eines 10-Jährigen – und dies mit Trisomie 21. Der Bub besuchte die reguläre Primarschule, bis er im Sommer 2019 in eine Sonderschule verwiesen wurde.

Dort habe er sich nicht wohl gefühlt und psychosomatische Beschwerden entwickelt, sagt seine Mutter Rahel B*. Seit über einem Jahr versuchen die Eltern, Jerome wieder einen Platz an einer Regelschule zu verschaffen – bislang erfolglos. Denn für die Primarschule in Frick AG ist klar: Jerome gehört nicht an die Regelschule. «Er benötigt eine 1:1-Betreuung - das ist bei uns nicht leistbar», sagt die Präsidentin der Schulpflege Frick Cecile Liechti zu 20 Minuten.

Sie wolle für ihr Kind keine Sonderbehandlung, sondern poche auf die Einhaltung der Schulverordnung des Kantons Aargau, dass eine Regelbeschulung einer Sonderschule klar vorziehe und des Gleichheitsgebots in der Verfassung: «Jerome hat ein Anrecht auf eine Ausbildung, bei der er lernen und sich entwickeln kann, um ein möglichst autonomes, selbstbestimmtes Leben führen zu können», sagt Rahel B. «Wo Jeromes Weg hinführt, wissen wir nicht – aber wir wollen ihm die bestmögliche Perspektive bieten», sagt sie. Laut Experten ist dies im Zweifelsfall die Regelschule.

Wann macht eine normale Schule Sinn?

«Kinder mit Trisomie 21 decken ein riesiges Spektrum ab - und so auch ihr ideales Schul-Setting», sagt Peter Lienhard, Dozent an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Dies hänge nicht nur vom Kind ab, sondern auch von der entsprechenden Lernumgebung und deren Qualität. Für den Experten ist klar: «Integration ist im Zweifelsfall immer besser.» Mit dem Alter der Kinder werde aber der Besuch der Regelschule schwieriger: Der Lernstoff werde komplexer, die Interessen der Kinder gehen in der Pubertät deutlich auseinander. «Wichtig ist, dass man die richtige Form für die jeweilige Entwicklungsphase findet», sagt Lienhard. Auch Mischlösungen seien möglich. Von einer Integration würden aber auch die Schulkollegen profitieren: «Für die Kinder ist das eine wichtige Lebensschule.» Dass sie durch einen Kameraden mit Beeinträchtigung ausgebremst würden, sei falsch, sagt Lienhard.

Er sei aber ganz klar gegen ein Schwarz-Weiss-Denken: Nicht für jedes Kind sei der Besuch der Regelschule das Richtige. Auch die Ausbildung an einer Sonderschule könne zu einem selbstständigen, in der Gesellschaft integrierten Leben führen, inklusive Job.

Dieses Recht versucht die Familie seit Herbst 2019 auf dem juristischen Weg zu erkämpfen: «Das braucht Zuversicht, Durchhaltevermögen und sei kostspielig”, sagt Jeromes Mutter. Ende Januar startete sie ein Crowdfunding im Netz, um die Anwaltskosten zu decken - und um die Gesellschaft «wachzurütteln». Denn offenbar ist Jerome kein Einzelfall: «Wir haben den Kampf schon im Kindergarten verloren», schreibt eine Frau in den Kommentaren. Sie hoffe, dass der Weg für ihr Kind so «geebnet» werde, schreibt eine andere Familie. Seit Ende Januar kamen über 10’000 Franken zusammen.

Unterstützt wird Jeromes Familie zudem vom Verein Inklusion Aargau. Laut dessen Präsidenten liegt eine absurde Situation vor: «Wir geben in der Schweiz viel Geld aus, damit Kinder so geschult werden, dass sie nachher dem Staat auch weiterhin Geld kosten», sagt Eric Scherer. Als Vater einer Tochter mit Down-Syndrom ist er selbst betroffen. Er erkämpfte für sein Kind den Zugang zur regulären Kinderkrippe, Kindergarten und Primarschule. Doch der juristische Weg sei beschwerlich und finanziell aufwendig: «Selbst wenn man gewinnt, bleibt man auf den Kosten sitzen.»

«Optionen nach Sonderschule sind derzeit eingeschränkt»

Im Moment betreut er sieben weitere ähnliche Fälle im Kanton. «Inklusion ist hier ein Roulettespiel», sagt Scherer. «Es liegt nicht nur an der Gemeinde, sondern an ganz individuellen Konditionen». Behördenvertreter in den Gemeinden interessierten sich zu wenig für die Inklusion der Kinder, dazu käme die Führungsschwäche bei den Amtsträgern: In Zeiten des Lehrermangels habe man Angst, Lehrpersonen auf ihre Pflichten hinzuweisen. Zudem würden viele Eltern dem Druck nachgeben und den bequemen Weg via Sonderschule gehen.

«Ab einem gewissen Punkt müssen sich die Eltern meist dafür einsetzen, dass ihr Kind die Regelschule besuchen darf», sagt Jan Habegger, Projektleiter bei Insieme Schweiz, der Dachorganisation der Elternvereine für Menschen mit geistiger Behinderung. Aber Standard sei dies definitiv nicht und die regionalen Unterschiede gravierend. Wichtig sei für Insieme, dass Kinder mit Trisomie 21 auch bei der Schule Wahlmöglichkeiten hätten und «keinen vorgeschriebenen Lebenslauf» beschreiten müssten. «Das Hauptziel ist mehr Durchlässigkeit.» Ein Wechsel zwischen verschiedenen Systemen, je nach Entwicklung des Kindes, sei wichtig. Denn: «Die Optionen bezüglich einer Berufsbildung nach dem Besuch einer Sonderschule sind derzeit stark eingeschränkt.»

*Name der Redaktion bekannt

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Hier findest du Hilfe:

Verzeichnis der Behindertenorganisationen des Bundes

Inclusion Handicap, Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, Informationen und Rechtsberatung

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