Aktualisiert 21.11.2016 15:06

Lehrstellensuche

Eltern lassen Kinder bei Berufswahl im Stich

Jugendliche sind in der Bewerbungsphase oft auf sich allein gestellt – was ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz mindert.

von
B. Zanni
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Berufsberater treffen immer wieder auf Schüler, die bei der Lehrstellensuche mangels elterlicher Unterstützung auf dem Trockenen sitzen.

Berufsberater treffen immer wieder auf Schüler, die bei der Lehrstellensuche mangels elterlicher Unterstützung auf dem Trockenen sitzen.

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«Helfen die Eltern bei der Lehrstellensuche nicht, sind die Jugendlichen oft hilflos», stellt Liliane Müller fest, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin der Stadt Zürich.

«Helfen die Eltern bei der Lehrstellensuche nicht, sind die Jugendlichen oft hilflos», stellt Liliane Müller fest, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin der Stadt Zürich.

«Früher begleiteten Mütter ihre Töchter noch zum Vorstellungsgespräch», sagt Stefanie Sester, Lehrmeisterin im Berner Coiffeursalon Studio 8. Dass die Unterstützung fehle, zeige sich auch in den Dossiers. «Diese sind teilweise voller Rechtschreibefehler.»

«Früher begleiteten Mütter ihre Töchter noch zum Vorstellungsgespräch», sagt Stefanie Sester, Lehrmeisterin im Berner Coiffeursalon Studio 8. Dass die Unterstützung fehle, zeige sich auch in den Dossiers. «Diese sind teilweise voller Rechtschreibefehler.»

Rahelschwaerzel

In wenigen Wochen beendet Anna die dritte Sekundarschule – bisher hat sie keine einzige Bewerbung geschrieben. Auch weiss die Schülerin nicht, wie sie das anpacken soll. Auf solche Fälle treffen Berufsberater immer wieder. «Helfen die Eltern bei der Lehrstellensuche nicht, sind die Jugendlichen oft hilflos», stellt Liliane Müller fest, Berufsberaterin der Stadt Zürich. Schliesslich sei der Berufswahlprozess eine grosse Herausforderung. Die Eltern kümmerten sich immer öfter nicht darum, weil sie beruflich eingespannt seien, das Bildungssystem der Schweiz nicht verstünden oder bildungsfern seien.

Auch Lehrmeistern fällt die Entwicklung auf. «Früher begleiteten Mütter ihre Töchter noch zum Vorstellungsgespräch», sagt Stefanie Sester, Lehrmeisterin im Berner Coiffeursalon Studio 8. Dass die Unterstützung fehle, zeige sich auch in den Dossiers. «Sie sind teilweise voller Rechtschreibefehler.» Bessere Chancen auf eine Lehrstelle hätten Bewerber mit engagierten Eltern auch aus folgendem Grund: «Lehrlinge haben viel mehr Kraft, wenn die Eltern ihnen den Rücken stärken.»

Gymi statt Lehre»

Laut den Fachpersonen scheren sich Mutter und Vater aber oft auch nicht um die Lehrstellensuche, weil sie einen anderen Weg vorgesehen haben. «Sie schicken ihr Kind in die Gymivorbereitung, obwohl die Noten nicht reichen oder das Kind eigentlich schulmüde ist», sagt Liliane Müller. Auch komme es vor, dass sich Jugendliche für Berufe bewerben, die für sie schulisch nicht infrage kämen.

Auch Vertreter von Berufsverbänden spüren die hohen Erwartungshaltungen. «Früher zeigten die Kandidaten in den Bewerbungen noch Leidenschaft für den Bau – auch weil die Eltern sie zu einer Lehre anspornten», sagt Matthias Engel, Sprecher des Schweizerischen Baumeisterverbands SBV. Heute dagegen wüssten viele Jugendliche noch gar nicht, was sie werden wollten. Vor allem Eltern aus städtischen Gebieten hielten eine Karriere «nur mit Krawatte» und niemals auf dem Bau für möglich.

Doch Engel betont: «Ein Maurer oder Strassenbauer hat einen Mindestlohn von 5500 Franken, fünf Wochen Ferien und kann mit 60 in Rente gehen. Bauarbeiter können sich zudem zum Vorarbeiter, Polier und Bauführer weiterbilden.» Diese Kaderfunktionen seien sehr gefragt und würden noch besser entlohnt.

«Berufswahl ist ein Familienthema»

Andere Erfahrungen macht dagegen Urs Casty, Inhaber und Geschäftsführer der Lehrstellenplattform Yousty.ch: «Bei den Eltern – insbesondere den Müttern – nehmen wir generell ein hohes Engagement wahr.» Sie stellten Fragen wie: Wo kann mein Kind schnuppern? Was läuft bei etlichen Absagen falsch? Welche Alternativen gibt es, wenn es mit der Wunschlehre nicht klappt?

Auch Liliane Müller sagt, dass die Berufswahl ein Familienthema sei. Schliesslich hätten die Jugendliche heute die Wahl zwischen 250 Berufen. Gemeint sei jedoch nicht nur, dass sich die Eltern mit den Kindern zum Bewerbungsschreiben ans Pult setzen. «Die Eltern können ihre Kinder mit einfachen Mitteln unterstützen, indem sie fragen, wie ihnen der Schnuppertag gefallen hat oder von ihren eigenen Erfahrungen bei der Berufswahl erzählen.» Auch dürften sie als Türöffner agieren. «Indem sie etwa Beziehungen nutzen, um für das Kind eine Schnupperlehre zu organisieren.»

Haben Sie bei der Lehrstellensuche die Unterstützung Ihrer Eltern vermisst? Dann melden Sie sich hier und erzählen sie von Ihren Erfahrungen:

Informationen für Eltern

Das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich bietet für Eltern regelmässig Informationsveranstaltungen rund um das Thema Lehrstellensuche an.

Berufsmesse

Die Berufsmesse Zürich vom 22. bis 26. November steht dieses Jahr unter dem Motto «Mach eine Lehre, werde Profi!». Rund 240 Lehrberufe werden vorgestellt: von A wie Agrarpraktiker über B wie Baumeister bis zu W wie Weintechnologe oder Z wie Zimmerin. Laut der Medienmitteilung zeigt die Berufsmesse Zürich, dass man mit einer Berufslehre weit kommen kann.

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