Aktualisiert 27.09.2004 10:30

Eltern liessen Mädchen fast verhungern

Ein Ehepaar, dessen magersüchtige Tochter fast verhungert wäre, müssen sich seit Montag vor dem Landgericht Ellwangen verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 59-jährigen Vater und der 55 Jahre alten Mutter aus Bad Mergentheim schwere Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen vor.

Laut Anklage hatten sie die 15 Jahre alte Tochter 2003 nicht rechtzeitig ärztlich behandeln lassen, so dass sie bis auf 21,3 Kilogramm abmagerte und schliesslich ins Koma fiel. Sie ist laut Staatsanwaltschaft vom Hals abwärts gelähmt und kann nur noch verschwommen sehen.

Das Ehepaar verweigerte zum Prozessauftakt die Aussage. Der Vater sagte aber vor Journalisten: «Versuchen Sie mal, einer 15-Jährigen gegen ihren Willen etwas zu geben.» Am Nachmittag sollte das Mädchen als Zeugin vernommen werden.

Staatsanwalt Ulrich Karst sagte, die Angeklagten hätten ihre Tochter «böswillig vernachlässigt und körperlich misshandelt». Die Eltern hätten es aus «gefühlloser und egoistischer Gesinnung» unterlassen, das Kind rechtzeitig ärztlich behandeln zu lassen. Das Kind sei auf 21,3 Kilogramm abgemagert. Sie verhinderten auch die zwangsweise Vorführung der 15-Jährigen beim Amtsarzt, obwohl es eine Anordnung vom Jugendamt gegeben hatte, berichtete Karst. Zum Schluss habe das Mädchen nur noch Saft getrunken und habe nicht mehr aufstehen können. Der Hausarzt der Familie wies das Mädchen dann in eine Klinik ein und rettete ihm das Leben. Laut Anklage wäre die 15-Jährige am 18. November 2003 fast kollabiert. Einen Tag später sei sie ins Koma gefallen. Im Januar dieses Jahres erwachte sie im Krankenhaus aus dem Koma.

Bereits Ende des Jahres 2000 hatten die Eltern bundesweit Schlagzeilen gemacht, als sie an Heiligabend ihre magersüchtigen drei Töchter von 12, 15 und 17 Jahren aus Kliniken in Heidelberg und Bad Mergentheim ohne Einwilligung der Ärzte abgeholt hatten. Ihnen war das Sorgerecht entzogen worden. Die Familie war mehrere Wochen abgetaucht, bevor sie von der Polizei in einer Ferienwohnung in Bayern aufgespürt werden konnte. Staatsanwalt Karst sagte, trotz der damaligen einschneidenden Erlebnisse hätten die Eltern daraus keine Konsequenzen gezogen.

Der Vater sitzt seit November 2003 in Untersuchungshaft. Die Mutter, von Beruf Arzthelferin, war kurze Zeit ebenfalls inhaftiert.

Das Landgericht will neun Zeugen hören. Ein Urteil wird für kommenden Freitag erwartet. (dapd)

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