Generation Y: «Eltern schenken Kindern zu viel Aufmerksamkeit»

Aktualisiert

Generation Y«Eltern schenken Kindern zu viel Aufmerksamkeit»

Sie wachsen behütet auf und glauben, alles erreichen zu können – bis die Realität sie einholt. Professorin Ulrike Ehlert erklärt, was es heisst, zur Generation Y zu gehören.

von
S. Marty
Die Generation Y besteht aus den heute circa 20- bis 30-Jährigen.

Die Generation Y besteht aus den heute circa 20- bis 30-Jährigen.

Frau Ehlert, Forscher attestieren den Jungen nicht nur eine Verkindlichung. Eine US-Studie zeigt auch: Noch nie hatte eine Generation so viel Stress wie die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen. Was belastet die Generation Y?

Ulrike Ehlert: Dass sich diese Generation besonders gestresst fühlt, ist logisch: In dieser Lebensspanne werden irreversible Entscheidungen getroffen. Es geht um Fragen wie: Was soll ich studieren? Welcher Job macht mich glücklich? Will ich eine Familie gründen? Damit verbunden ist auch eine neue Verantwortung: Plötzlich ist man nicht mehr nur für sich alleine verantwortlich.

Würden Sie auch von einer «Generation Stress» spreche, wie es die US-Studienautoren vorschlagen?

Nein, nicht unbedingt. Auch früher hatten die Menschen schon Stress, heute ist es einfach eine andere Art der Belastung. Damals hatten die Menschen eher finanzielle Sorgen, heutige Stressfaktoren sind etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Ausserdem ist Stress in der heutigen Gesellschaft sozial akzeptierter. Es wird mehr darüber gesprochen, was das subjektive Empfinden einer Stressgeneration erhöht.

Sie sprechen von Selbstverwirklichung – ein zentrales Element der Generation Y. Ist es nicht paradox, wenn sich 20-Jährige stressen, obwohl ihnen alle Möglichkeiten offenstehen?

Je mehr Wahlmöglichkeiten es gibt, desto grösser ist die Chance, dass Menschen falsche Entscheidungen treffen oder scheitern. In der Erziehung wurde diesen jungen Erwachsenen das Gefühl vermittelt – «alles ist möglich, man muss es nur wollen.» In der Realität merken sie aber schnell, dass es nicht immer so einfach ist. Die Zeiten sind nicht mehr so goldig wie in den 60er-Jahren. Die Erkenntnis, dass die Welt nicht auf sie gewartet hat, kann sehr ernüchternd sein. Werden diese zu hohen Erwartungen enttäuscht, können sich schnell Versagensängste einstellen.

Auf der einen Seite überschätzt sich die Generation Y selbst, auf der anderen Seite hat sie Angst zu versagen.

Diese gemischten Gefühle gehen auf eine gesellschaftliche Entwicklung zurück. Familien haben heute im Schnitt viel weniger Kinder als früher, weshalb sie ihren wenigen Kindern viel mehr Aufmerksamkeit schenken können. Sie geben ihnen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Wenn die Kinder mit diesem Gefühl der Einzigartigkeit aufwachsen und dann plötzlich im Erwachsenenalter merken, dass sie gar nicht so speziell sind, dann können sich solche Verhaltensauffälligkeiten ergeben.

Wie äussern sich diese konkret?

Beispielsweise in narzisstischem Verhalten. Viele junge Erwachsene loben sich dann selbst in den Himmel und werten Erfolge von Freunden oder Kollegen ab, das ist eine Art Verdrängungsstrategie. Scheitern kratzt auf der anderen Seite aber auch am Selbstbewusstsein. Selbstzweifel können nicht selten auch in Depressionen enden.

Wäre es denn besser, wenn Eltern ihre Kinder weniger verhätschelten?

Ich denke, Eltern sollten ihre Kinder realitätsnäher erziehen. Also weg von der Vorstellung «alles ist möglich», hin zur Fokussierung auf die wirklichen Stärken eines Kindes.

Wie sehen Sie die Zukunft dieser Generation? Wird unsere Gesellschaft in 20 Jahren nur noch aus gestressten, depressiven und selbstverliebten Menschen bestehen?

Nein, so düster sehe ich die Zukunft nicht – im Gegenteil. Wenn man sich gegenwärtige Trends und Studien anschaut, zeigt sich, dass sich beispielsweise Statussymbole ändern. Statt teuren Autos und einem grossen Haus rückt ein gesunder Lebensstil ins Zentrum. Ich denke, das Bestreben der Generation Y nach einem gesunden Leben – etwa beim Essen oder bei flexiblen Arbeitszeiten – wird immer wichtiger. Natürlich aber nur, sofern die wirtschaftliche Entwicklung dies zulässt.

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Zur Person

Prof. Dr. Ulrike Ehlert ist Abteilungsleiterin am Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der

Verhaltensmedizin, der Psychobiologie und bei stressabhängigen Erkrankungen.

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