Publiziert

Angst vor Covid-AnsteckungEltern schicken Kinder nicht mehr in die Schule

Aus Sorge, ihr Kind könnte das Coronavirus einschleppen, fordern einige Mütter und Väter einen Schul-Lockdown. Manche behalten ihre Kinder schon jetzt zu Hause.

von
Bettina Zanni
1 / 8
Dem Verein «Bildung Aber sicher CH» sind mehrere Eltern bekannt, die ihre Kinder zu Hause behalten.

Dem Verein «Bildung Aber sicher CH» sind mehrere Eltern bekannt, die ihre Kinder zu Hause behalten.

Getty Images
«Um die Bewilligung für Homeschooling zu erhalten, wechselten manche extra den Wohnsitz in einen anderen Kanton oder schickten ihre Kinder in eine Privatschule», sagt G. B.*, Vorstandsmitglied des Vereins .

«Um die Bewilligung für Homeschooling zu erhalten, wechselten manche extra den Wohnsitz in einen anderen Kanton oder schickten ihre Kinder in eine Privatschule», sagt G. B.*, Vorstandsmitglied des Vereins .

Getty Images
Sie habe in letzter Zeit zahlreiche Klienten aus der gesamten Deutschschweiz beraten, sagt die auf Schulrecht spezialisierte Anwältin Margrit Weber-Scherrer.

Sie habe in letzter Zeit zahlreiche Klienten aus der gesamten Deutschschweiz beraten, sagt die auf Schulrecht spezialisierte Anwältin Margrit Weber-Scherrer.

gigerpartnerlaw.ch

Darum gehts

  • Der Verein «Bildung Aber Sicher CH» forderte kürzlich in einem offenen Brief an Bundesrat und Kantone, dass die Schulen nur mit zusätzlichen Schutzkonzepten öffnen dürften.

  • Mittlerweile spricht sich der Verein auch für Schulschliessungen aus.

  • Mehrere Eltern schicken ihre Kinder bereits nicht mehr in die Schule und wurden teilweise auch gebüsst.

  • Ein Schul-Lockdown steht aber nicht zur Diskussion. Die Kinder seien nicht die Treiber der Pandemie, so Infektiologe Christoph Berger.

Tausende von Schülern kehrten am Montag nach den Weihnachtsferien wieder in die Klassenzimmer zurück. Noch bis am 8. Januar zuhause bleiben jene der Sekundarstufe II etwa in den Kantonen Zürich und Aargau. Da die Corona-Fallzahlen auf hohem Niveau stagnieren, beunruhigen die geöffneten Primar- und Sekundarschulen viele Eltern. Bereits in den Weihnachtsferien begannen einige, gegen die offenen Schulen mobil zu machen.

Der Verein «Bildung Aber Sicher CH» forderte kürzlich in einem offenen Brief an Bundesrat und Kantone, dass die Schulen am 4. Januar nur mit zusätzlichen Schutzkonzepten öffnen dürften. «Die jetzt vorhandenen Massnahmen reichen in keiner Weise», schreibt der Verein mit Verweis auf verschiedene Studien. Diese zeigten, dass der Einfluss am Infektionsgeschehen von Kindern in Schulen weiterhin unterschätzt werde (siehe Box).

«Manche wechselten extra den Wohnsitz»

«Ich schicke meinen Sohn vorübergehend nicht in die Schule und habe Homeschooling beantragt», sagt G. B.*, Vorstandsmitglied des Vereins «Bildung Aber Sicher CH». Entschieden, ihren Sohn im Primarschulalter vom Unterricht vor Ort fernzuhalten, habe sie sich aus Angst vor Ansteckungen. «Die Infektionsgefahr in den Schulen ist zu gross. Es gab ständig Corona-Fälle», so die Baselbieterin.

Dem Verein sind laut der Mutter mehrere Eltern bekannt, die ihre Kinder auch zu Hause behalten. «Um die Bewilligung für Homeschooling zu erhalten, wechselten manche extra den Wohnsitz in einen anderen Kanton oder schickten ihre Kinder in eine Privatschule.» Damit alle Eltern ihre Kinder und ihr Umfeld schützen könnten, halte der Verein eine Schulschliessung oder zumindest die Aussetzung der Präsenzpflicht für die beste Lösung, und fordere sichere Schulen. «Eine Schulschliessung wäre mit den hohen Fallzahlen und dem mutierten Virus wohl der sicherste Weg, um die Gesundheit zu schützen.»

Schülerin habe ganze Familie angesteckt

Viele Eltern schliessen sich der Forderung des Vereins an an. «Ich bin berufstätige Mutter und ich fordere, dass die Schulen und Kitas erst geöffnet werden, wenn die Inzidenz deutlich unter 35, besser unter 10, liegt», twitterte eine Mutter.

Für die Mutter aus dem Kanton Zürich und ihren Mann bestehen keine Zweifel mehr, dass Schulen ein Corona-Virenherd sind. Ihr 13-jähriges Kind sei an Weihnachten positiv getestet worden, berichten die Eltern. Der Rest der Familie sei glücklicherweise verschont geblieben. Ihnen sei jedoch ein Mädchen bekannt, das gleich die ganze Familie angesteckt habe.

Bussen für Eltern

Anwälte bestätigen Konflikte zwischen Eltern und Schulen aufgrund der Pandemie. Sie habe in letzter Zeit zahlreiche Klienten aus der gesamten Deutschschweiz beraten, sagt die auf Schulrecht spezialisierte Anwältin Margrit Weber-Scherrer. «Die Eltern wollten aus Angst vor dem Virus ihre Kinder zuhause unterrichten und trafen bei den Schulbehörden damit immer wieder auf Widerstand.» Manche ihrer Klienten hätten deswegen auch Bussen erhalten oder solche hätten ihnen gedroht.

Auch in ihrem Amt als Bezirksschulrätin im Kanton Aargau habe sie mit hängigen Beschwerden der Schulbehörden gegen Eltern Erfahrungen gemacht. Zurzeit sei sie in den Ferien. «Ich rechne damit, dass sich die Anfragen gerade mit dem Schulstart nach den Weihnachtsferien häufen werden.»

Kinder seien nicht Treiber

In den Nachbarländern wurden Schulschliessungen dagegen bereits umgesetzt. In Deutschland bleiben die Schulen bis mindestens 10. Januar geschlossen, in Österreich bis zum 17. Januar und im Vereinigten Königreich bis Mitte Februar.

Am Dienstag stand ein Schul-Lockdown bei den Schweizer Behörden nach wie vor nicht zur Diskussion. «Die Kinder sind nicht die Treiber dieser Pandemie», sagte Christoph Berger, Infektiologe am Kinderspital Zürich und Präsident der Eidgenössischen Impfkommission, an einer Medienkonferenz. Auch das mutierte Virus ändere dies nicht. «Kinder, die Kinder anstecken – das gibt nie ein Problem.» Für den Alltag der Kinder sei es essenziell, die obligatorischen Schulen offen zu halten.

Schulschliessung als letzte Möglichkeit

Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), bezeichnet es als Fakt, dass Schülerinnen und Schülerinnen immer wieder dem Unterricht fernbleiben müssen, weil sie in Quarantäne sind oder selber Symptome haben. «Auch die Situation in der Lehrerschaft ist nicht immer einfach, da ja der Unterricht aufrechterhalten werden muss und Lehrpersonen die ausfallen, irgendwie ersetzt werden müssen.» Sollte sich die epidemiologische Situation weiter verschlechtern, beziehungsweise nicht verbessern, müssten wohl aus Sicht des LCH Schulschliessungen als letzte Möglichkeit diskutiert werden.

Am Mittwoch verkündete der Bundesrat, dass er abkläre, welche weiteren Verschärfungen die Kantone unterstützen würden. So sollten sich die Kantone auch überlegen, welche Massnahmen in den
obligatorischen Schulen getroffen werden könnten, falls zusätzliche Massnahmen unumgänglich werden sollten.

Bisher habe man versucht, die Schule und das Arbeitsleben zu schonen, dieser Spielraum sei aber jetzt ausgeschöpft, sagte Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), zur SRF-Tagesschau. Wenn die Schule mit Fernunterricht funktioniere und die Schülerinnen und Schüler sich nicht bewegten, würden Kontakte reduziert. «Schulschliessungen sind aber die Ultima Ratio.»

*Name der Redaktion bekannt.

Wie ansteckend sind Kinder?

Einige Experten sind sich einig, dass sich Kinder gleich oft wie Erwachsene mit dem Coronavirus infizieren und es auch gleich stark übertragen. «Der Anteil von Kindern über sechs Jahren (23 Prozent), die Antikörper bildeten, ist im Vergleich zum Rest der Bevölkerung fast gleich hoch», bemerkte Silvia Stringhini, Epidemiologin am Universitätsspital Genf (HUG) im Dezember. «Auch wenn die Krankheit bei Kindern selten schlimme Verläufe hat, infizieren sie sich wahrscheinlich gleich oft wie Erwachsene und übertragen das Virus in gleichem Masse.»

Eine repräsentative Studie der Universitäten Wien und Linz, die in Österreich an 243 Schulen durchgeführt wurde, kommt zu einem ähnlichen Schluss. Knapp 0,4 Prozent aller Untersuchten der Schule waren infiziert. Die jüngeren Kinder zwischen fünf und zehn Jahren waren nicht seltener infiziert als die 11- bis 14-Jährigen. Auch im Vergleich zu den infizierten Lehrpersonen wurden keine statistisch signifikanten Unterschiede festgestellt. «Ganz klar ist, dass Kinder infektiös sind», sagt Studienleiter Michael Wagner. Ob sie gleich oder etwas weniger infektiös als Erwachsene seien, spiele bei der grossen Zahl an Schülern keine grosse Rolle. Schulen offen zu halten, bezeichnet er gegenüber der ARD als «hohes Risiko».

Auch der deutsche Virologe Christian Drosten wies bei NDR darauf hin, dass laut dem Office for National Statistics bei Untersuchungen kurz vor Weihnachten in den erwachsenen Altersgruppen rund ein Prozent das Virus im Rachen hatte, während es bei den bis 18-Jährigen drei Prozent und bei den bis 12-Jährigen zwei Prozent waren. «Die Frage, was die Schüler zur Epidemie beitragen, ist beantwortet.»

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.