Winterthurer IS-Ausreisser: «Eltern sollen selbst die Moschee aufsuchen»
Aktualisiert

Winterthurer IS-Ausreisser«Eltern sollen selbst die Moschee aufsuchen»

Heimlichtuerei und ein sehr reaktionäres Weltbild: Wenn die eigenen Kinder plötzlich stark religiös werden, sollten Eltern rasch extern Hilfe suchen, sagt Infosekta.

von
Gaudenz Looser
Regina Spiess ist Beraterin bei der Beratungsstelle Infosekta.

Regina Spiess ist Beraterin bei der Beratungsstelle Infosekta.

Zwei religiös übermotivierte Teenager verlassen ihre Familie, um sich einer extremistischen Gruppe anzuschliessen: Wie kann es dazu kommen?

Regina Spiess*: Das kommt auf den konkreten Fall an. Die Pubertät ist immer auch ein Ablösungsprozess, die Lebenssituation der Jugendlichen ist im Umbruch und sie sind auf der Suche nach Vorbildern. Dazu kommt das Spannungsfeld der gesellschaftlichen Ansprüche, die es zu erfüllen gilt, dann die Frage nach dem sozialen Umfeld: Wie gut sind die Jugendlichen ausserhalb der Familie und der religiösen Gemeinschaft eingebunden?

Die Eltern der Winterthurer Teenager sind offenbar völlig überrascht worden von deren Radikalisierung. Was sind Alarmzeichen für einen solchen Prozess?

Wenn zum Beispiel ein Kind plötzlich anfängt, über sehr dogmatische Vorstellungen zu sprechen, etwa was die Rolle der Frau in der Gesellschaft angeht oder was von Homosexualität zu halten ist, da sollte man sicher hellhörig werden. Aber auch alles, was darauf hindeutet, dass die Kinder etwas verheimlichen – mit wem sie sich treffen, wo sie sich aufhalten: Intransparenz ist immer verdächtig. Es gibt vereinzelt muslimische Gruppen, die sehr aggressiv versuchen, Jugendliche zu rekrutieren und jedes Interesse haben, die Transparenz gegenüber den Eltern zu begrenzen.

Was sollen Eltern tun, wenn sie das Gefühl haben, ihre Kinder verkehren in extremistischen Kreisen?

Sie sollen nachfragen, selbst die Moschee aufsuchen, sich informieren und mit den Personen vor Ort das Gespräch suchen. Und wenn sie das Gefühl haben, ihre Kinder entgleiten ihnen, sollten sie eine Fachstelle aufsuchen – je früher, desto besser. Diese betrachtet die Gesamtsituation und versucht, mit der ganzen Familie eine Lösung zu suchen.

Kann es Sinn machen, die Kinder komplett aus ihrem sozialen Umfeld herauszunehmen?

Wenn das möglich ist, kann das eine Option sein: Allerdings muss das Kind schliesslich doch in dieser Gesellschaft seinen Platz finden. Wichtig bei einer solchen Massnahme wäre, dass sie vom Kind mitgetragen wird. Wenn das Kind dadurch in völlige Opposition gerät, schadet sie vermutlich mehr.

Warum ist der islamische Fundamentalismus so attraktiv für Teenager?

Die Pubertät ist eine Phase, in der vieles unsicher erscheint und in der deshalb manche junge Leute besonders offen sind für klare Normen. Wenn dann noch eine Krise dazukommt, zum Beispiel, dass man die Lehrstelle verliert und sich darüber eine neue Perspektive erschaffen muss, dann ist alles, was möglichst konkret und einfach erscheint, besonders attraktiv.

Aber in ein kriegszerstörtes Land zu reisen zu einer Organisation, die Menschen köpft und Kinder tötet … Wie kann das für ein 15-jähriges Mädchen attraktiv sein?

Von aussen betrachtet ist das nicht nachvollziehbar. Die Jugendlichen sind vermutlich so sehr indoktriniert, dass es für sie nur noch Richtig und Falsch, Gut und Böse gibt. Es gehört zur Radikalisierung, dass Empathie verloren geht, dass alles dem angestrebten höheren Ziel untergeordnet wird.

Regina Spiess, Psychologin und Beraterin bei infosekta

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