Aktualisiert 04.11.2013 13:41

Fachleute warnenEltern ständig am Handy – Kinder werden depressiv

Sie fühlen sich zurückgewiesen oder gehen gar verloren: Hängen Eltern am Smartphone, leiden die Kinder. Dies zeigt eine schwedische Studie. Auch Schweizer Experten sind alarmiert.

von
nj
Wenn die Eltern dauernd am Handy hängen, ist das für die Kleinen frustrierend.

Wenn die Eltern dauernd am Handy hängen, ist das für die Kleinen frustrierend.

Jedes dritte Kind leidet darunter, dass sich seine Eltern oft lieber mit ihren Smartphones als dem eigenen Nachwuchs beschäftigen. Das zeigt eine aktuelle Studie aus Schweden. Jeden fünften Sprössling haben Stockholmer Eltern wegen ihres Handys sogar schon auf dem Spielplatz oder im Schwimmbad aus den Augen verloren, berichtet die «NZZ am Sonntag».

Dass die Zahlen aus Schweden auch auf die Schweiz zutreffen, davon ist Daniel Süss, Medienpsychologe an der ZHAW, überzeugt. «Es gibt hier zwar noch keine Studie dazu. Aber die Anzahl Mobiltelefone spricht dafür», sagt er gegenüber 20 Minuten. In der Schweiz werden pro 100 Einwohner 131 Handys genutzt. Das sind 23 mehr als in Schweden. Auch Familienpsychologe Erhard Grieder geht von ähnlichen Verhältnissen aus. Er kennt selbst solche Fälle und weiss: «Mit den Smartphones ist die Menge der Eltern, die komplett auf etwas anderes als ihr Kind fokussiert sind, stark gewachsen. Mit einem Smartphone in der Hand bekommt man oft nichts anderes mehr mit.»

Entwicklung der Kinder ist gefährdet

Auch bei Pro Juventute kennt man das Problem. Hier landen immer wieder Anfragen, in denen das vernachlässigte Kind bereits Probleme macht: «Wir begegnen dem Thema vor allem, wenn Eltern Erziehungsfragen haben. Etwa, wenn ihr Kind zunehmend versucht, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, weil die Eltern am Smartphone sind», sagt Daniela Melone, Leiterin Elternberatung.

Denn für die Kleinen ist die Konkurrenz durch das Smartphone der absolute Horror. «Sie können dadurch sogar depressiv werden», warnt Grieder. Denn die Kinder fühlten sich missachtet, wodurch Frust und Wut entstünden. «Aus Angst davor, auf die eigenen Eltern wütend zu sein, richtet sich die Aggression dann gegen sich selbst. Und das ist ein Auslöser für eine Depression.» Nebst dem seelischen Wohl sehen die Fachleute auch die geistige Entwicklung gefährdet: «Kinder brauchen unbedingt aufmerksame Eltern, sonst kann es schwerwiegende Probleme geben in der sprachlichen, kognitiven und sozialen Entwicklung», sagt Süss.

«Situation wird sich noch verschärfen»

Medienpsychologe Süss weiss, warum das Smartphone gerade für junge Mütter und Väter dennoch so faszinierend ist: «Durch soziale Netzwerke oder SMS-Nachrichten fühlt man sich eingebunden, auch wenn man nach der Geburt eines Kindes plötzlich viel weniger Bewegungsfreiheit und mehr Stress hat als zuvor.» Weil laufend neue Kommunikations- und Informationskanäle entwickelt würden, werde sich die Situation sogar noch verschärfen.

Melone von Pro Juventute appelliert deshalb an die Selbstdisziplin der Eltern: «Smartphonezeiten lassen sich regeln, etwa während des Mittagsschlafs oder wenn das Kind in der Schule ist.» Süss geht noch weiter: Er fordert, dass der vernünftige Umgang mit dem eigenen Smartphone künftig in Elternvorbereitungskursen thematisiert wird.

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