Schlafmangel im Job: Eltern stellen Babys mit Medikamenten ruhig
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Schlafmangel im JobEltern stellen Babys mit Medikamenten ruhig

Damit die schreienden Kinder sie nachts nicht ständig wecken, greifen manche Eltern zu gefährlichen Mitteln – auch in der Schweiz.

von
B. Zanni
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Das Baby schreit die halbe Nacht durch und die Eltern haben am nächsten Morgen kaum ein Auge zugetan: Für Mütter und Väter, die wieder früh zur Arbeit müssen, können solche Nächte zur Hölle werden.

Das Baby schreit die halbe Nacht durch und die Eltern haben am nächsten Morgen kaum ein Auge zugetan: Für Mütter und Väter, die wieder früh zur Arbeit müssen, können solche Nächte zur Hölle werden.

ale Ventura
«Es gibt solche, bei denen der Leidensdruck mit schreienden Babys so gross ist, dass sie Medikamente gegen Juckreiz wie Fenistil-Tropfen verabreichen», sagt Susanne Fischer, Leiterin der Zürcher Familienpraxis Stadelhofen Schlafberatung. Ihr sei sogar ein Elternpaar bekannt, das sich für sein Kleinkind vom Arzt Ritalin hat verordnen lassen.

«Es gibt solche, bei denen der Leidensdruck mit schreienden Babys so gross ist, dass sie Medikamente gegen Juckreiz wie Fenistil-Tropfen verabreichen», sagt Susanne Fischer, Leiterin der Zürcher Familienpraxis Stadelhofen Schlafberatung. Ihr sei sogar ein Elternpaar bekannt, das sich für sein Kleinkind vom Arzt Ritalin hat verordnen lassen.

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Laut Dagmar Ambass, Psychotherapeutin bei der Stiftung Mütterhilfe, hat die Toleranz für schreiende Babys abgenommen. «Wenn das Baby in der Nacht mehrheitlich schreit, sind viele Eltern nicht mehr fit für die Arbeit.»

Laut Dagmar Ambass, Psychotherapeutin bei der Stiftung Mütterhilfe, hat die Toleranz für schreiende Babys abgenommen. «Wenn das Baby in der Nacht mehrheitlich schreit, sind viele Eltern nicht mehr fit für die Arbeit.»

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Weder Trösten noch der Nuggi hilft: Das Baby schreit die halbe Nacht durch. Das bringt einige Eltern an den Rand der Verzweiflung. «Es gibt solche, bei denen der Leidensdruck mit schreienden Babys so gross ist, dass sie Medikamente gegen Juckreiz wie Fenistil-Tropfen verabreichen», sagt Susanne Fischer, Leiterin der Zürcher Familienpraxis Stadelhofen Schlafberatung. Ihr sei sogar ein Elternpaar bekannt, das sich für sein Kleinkind vom Arzt Ritalin habe verschreiben lassen.

Auch Patrick Bolliger, Inhaber der Bahnhof-Apotheke Schaffhausen, sagt: «Wir haben sporadisch Kunden, die um ein Medikament bitten, damit ihr Baby doch endlich schlafe.»

Bei manchen Eltern habe er den Eindruck, dass sie ihr Kind einfach ins Bett stecken und Ruhe haben wollen. Kindergerechte Produkte gebe es auf dem Markt aber nicht.

Erfundene Geschichten

Martin Affentranger, Präsident des Vereins der Zuger Apotheken, rechnet mit einer Dunkelziffer von Eltern, die Apothekern erfundene Geschichten vortäuschen. «Es gibt Hustensirups oder Allergiemittel, die müde machen», sagt er trocken.

Auch in Deutschland stellen Eltern die Kleinen laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» etwa mit Sedaplus ruhig – einem starken Schlafmittel. Die Einnahme darf bei Kindern und Jugendlichen nur nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen. Manche Eltern greifen sogar zu Atosil, einem Antipsychotikum, das bei Erwachsenen mit psychischen Leiden eingesetzt wird.

«Kind orientiert sich nicht am Job»

Laut Dagmar Ambass, Psychotherapeutin bei der Stiftung Mütterhilfe, hat die Toleranz für schreiende Babys abgenommen. Heute seien oft beide Elternteile arbeitstätig und Mütter würden meist früh und mit hohen Stellenprozenten in den Job zurückkehren. «Wenn das Baby in der Nacht mehrheitlich schreit, sind viele Eltern nicht mehr fit für die Arbeit.»

Auch Therapeutin Susanne Fischer sagt, oft herrsche das Motto: «Ich beginne wieder zu arbeiten. Was kann ich machen, damit mein Kind durchschläft?» Das sei eine falsche Einstellung. «Ein Kind orientiert sich nicht am Job.»

«Anbieter sollen vor Missbrauch warnen»

Fachleute warnen davor, Babys Schlafmittel oder auch Schmerzmittel zu verabreichen. «Medikamente, die nicht explizit für Kinder geeignet sind, können auch in kleinen Dosen gefährliche Auswirkungen haben», sagt Apotheker Patrick Bolliger. Vor allem die in vielen Husten- und Schmerzmitteln enthaltenen Wirkstoffe könnten zu Atemdepression, Atemstillstand, Müdigkeit und starker Verstopfung führen.

Laut Apotheker Affentranger drohen falsch eingesetzte Medikamente etwa die Gehirnentwicklung zu beeinträchtigen. Er erachtet es als wichtig, dass Ärzte und Apotheker Kunden vor Missbrauch warnen. Und: «Bestellt eine Mutter etwa immer wieder Hustensaft, ist es nicht falsch, sie darauf anzusprechen.»

«Kein Zaubermittel»

Auch ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin warnt vor bestimmten Mitteln gegen Husten und Erbrechen. Da diese sedierend wirkten, könne man davon ausgehen, dass sie auch «zur Ruhigstellung» genutzt würden. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» führt sieben bisher in Deutschland dokumentierte Todesfälle von Säuglingen und Kleinkindern an. Grund: eine Überdosis von Mitteln gegen Husten und Erbrechen.

Einige Apotheker empfehlen den Kunden zu versuchen, dem Problem mit homöopathischen Mitteln entgegenzuwirken. Laut Dagmar Ambass gibt es aber kein Zaubermittel, um ein Baby nachts zu beruhigen (siehe Box).

Sind Sie verzweifelt, weil Ihr Kind nachts oft schreit? Dann melden Sie sich hier und berichten Sie von Ihren Erfahrungen:

«Oma und Opa können nachts aufstehen»

Dagmar Ambass, Psychotherapeutin bei der Stiftung Mütterhilfe: «Damit die Eltern in den ersten Monaten zum Schlafen kommen, hilft nur, wenn andere vertraute Personen wie die Grosseltern oder gute Freunde nachts aufstehen und sich um das Baby kümmern.»

Mit der Zeit könne man dem Baby auch durch Rituale Sicherheit geben. «Gibt man dem Baby zum Beispiel ein Tuch mit dem vertrauten Geruch der Mutter oder sprechen Mutter oder Vater mit ruhiger Stimme mit ihm, kann dies beim Einschlafen helfen.»

Das Kind mit einer Rassel oder Wiegeln beruhigen zu wollen, sei kontraproduktiv. «Häufig halten gerade zu viele Reize das Kind vom Schlafen ab.» Auch sei ratsam, es tagsüber keinem Trubel auszusetzen. «Einkaufszentren sind für ruhige Nächte die falschen Orte.»

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