Verstösse gegen Datenschutz: Eltern überwachen ihre Kinder ständig per App
Aktualisiert

Verstösse gegen DatenschutzEltern überwachen ihre Kinder ständig per App

Viele Eltern versetzen die Handys ihrer Kinder per Fernsteuerung in den Flugmodus – oder prüfen per Ortungsfunktion, wo der Nachwuchs sich aufhält. Das sei rechtlich problematisch, sagen Datenschützer.

von
lüs
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Eltern überwachen heimlich, was ihre Kinder treiben - etwa, indem sie die Ortungsfunktion des Smartphones nutzen, um den Aufenthaltsort des Nachwuchses zu bestimmen. Oder sie nutzen Apps, um das Handy des Kindes während des Unterrichts in den Flugmodus zu versetzen.

Eltern überwachen heimlich, was ihre Kinder treiben - etwa, indem sie die Ortungsfunktion des Smartphones nutzen, um den Aufenthaltsort des Nachwuchses zu bestimmen. Oder sie nutzen Apps, um das Handy des Kindes während des Unterrichts in den Flugmodus zu versetzen.

Keystone/Gaetan Bally
Der Schweizer Datenschützer Hanspeter Thür findet dies problematisch: «Ein allgemeines Sicherheitsgefühl der Eltern reicht aus Datenschutzsicht nicht aus, um ein Kind permanent zu überwachen.»

Der Schweizer Datenschützer Hanspeter Thür findet dies problematisch: «Ein allgemeines Sicherheitsgefühl der Eltern reicht aus Datenschutzsicht nicht aus, um ein Kind permanent zu überwachen.»

Keystone/Lukas Lehmann

Bei Schweizer Eltern ist es gang und gäbe, die technischen Möglichkeiten von Smartphones zu nutzen, um ihre Kinder heimlich zu überwachen. So sagt die Mutter einer Zehnjährigen zum «Tages-Anzeiger», sie nutze regelmässig die Ortungsfunktion des Apple-Kontos ihrer Tochter, um deren iPod zu orten – so weiss sie immer, wo diese sich gerade aufhält.

Und ein Vater nutzt ein Tool, mit dem er die Smartphones seiner Sprösslinge in den Flugmodus versetzen kann. Dies tut er etwa, wenn sie im Unterricht sind. «Die Kinder wissen von nichts, sie glauben einfach, sie hätten in der Schule keinen Empfang», sagt er.

Sicherheitsbedürfnis rechtfertigt Überwachung nicht

Dass das Lokalisieren und Überwachen der Kinder per App verbreitet ist, bestätigen auch Experten. Meist rechtfertigen Eltern dieses Verhalten mit dem Bedürfnis nach Sicherheit des Kindes. Doch dieses Vorgehen ist rechtlich nicht unumstritten: «Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre», betont Irène Inderbitzin, Geschäftsführerin des Vereins Kinderanwaltschaft.

Dies sei in der UNO-Kinderrechtskonvention so festgehalten. Diese schütze Kinder zwar vor allem vor staatlichen Eingriffen in ihr Privatleben, aber auch vor solchen der Eltern: Sie dürften nicht ohne Erlaubnis persönliche Sachen der Kinder durchsuchen, Telefongespräche abhören oder Briefe lesen.

So sieht es auch der Schweizer Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür: «Ein allgemeines Sicherheitsbedürfnis der Eltern reicht aus Datenschutzsicht nicht aus, um ein Kind permanent zu überwachen.»

Kinder müssen Umgang mit Risiken lernen

Doch gegen die Überwachung sprechen gemäss Fachleuten nicht nur juristische, sondern auch erzieherische Gründe. Ein gewisses Mass an Überwachung gehöre zwar zur Erziehung, sagt Laurent Sédano, Medienexperte bei Pro Juventute, dem «Tages-Anzeiger». «Doch manchmal verlieren Eltern die Verhältnismässigkeit aus den Augen.»

Die Kinder müssten auch lernen, Risiken einzuschätzen. «Das nimmt man ihnen weg, wenn man sie jederzeit auch aus der Ferne kontrolliert.» Sobald ein Kind selber in die Schule gehen könne, sollten die Eltern es nicht mehr ständig beaufsichtigen.

Wenn Überwachung, dann nicht heimlich

Wenn Eltern dennoch nicht auf das Überwachen ihres Nachwuchses verzichten wollten, sollten sie dies transparent machen, so die Experten. Wer Apps nutze, die nicht nur den Aufenthaltsort des Kindes enthüllten, sondern auch, mit wem es kommuniziert, zerstöre das für die Eltern-Kind-Beziehung wichtige Vertrauen. Zudem müsse man sich bewusst sein, dass Kinder einen Weg finden würden, das Tracking zu überlisten.

Kurt Pärli, Professor für Sozialrecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sagt, eine heimliche Beobachtung könne lediglich in Ausnahmesituationen gerechtfertigt sein: Wenn eine offene Diskussion nicht zum gewünschten Ziel führe, aber auch bei Jugendlichen mit Drogenproblemen oder Kindern mit Behinderungen.

Wie überwachen Sie Ihre Kinder? Oder wie werden Sie als Jugendlicher von Ihren Eltern überwacht? Erzählen Sie es uns per Mail an feedback@20minuten.ch.

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