Aktualisiert

Störfaktor KindEltern und Kinderlose sind im «Kriegszustand»

Eltern fühlen sich unverstanden, ihr Umfeld hingegen massiv gestört: An immer mehr Orten fordern Menschen ohne Nachwuchs kinderfreie Zonen – wie aktuell in Flugzeugen.

von
Nina Jecker
Schreiende Kinder sind für viele Kinderlose die absolute Horror-Vorstellung.

Schreiende Kinder sind für viele Kinderlose die absolute Horror-Vorstellung.

Kinder stören im Flugzeug am meisten. Das findet mehr als die Hälfte von 14 000 befragten Usern von 20 Minuten. 54 Prozent aller Befragten geben an, dass Babys und Kleinkinder das Schlimmste auf einem Flug seien – weit vor Nervkram wie verlorenem Gepäck (16 Prozent), betrunkenen Mitpassagieren (13 Prozent) oder unfreundlichem Personal (8 Prozent).

Zwischen Eltern und Kinderlosen ist offenbar in der Schweiz ein regelrechter Krieg entbrannt. Ein User schreibt, dass man bei schreienden Babys auf Langstreckenflügen «schon mal Würg- und Schüttelgedanken hegen könnte.» Andere nennen Kinder im Flugzeug oder Zug schlicht «den Horror» und fordern ein Flugverbot für unter Zehnjährige. Aus dem Lager der Eltern wird zurückgeschossen: «Egoistische, bünzlige Kinderhasser», tönt es da. Andere reden von einem «Kriegszustand».

Eltern trauen sich kaum noch raus

Viele Eltern klagen, dass sie in der Öffentlichkeit immer gleich blöd angemacht würden. «Wenn man ein bisschen lebhaftere Kinder hat, traut man sich nicht einmal mehr richtig unter die Leute - schlimm», schreibt Userin «3er Mami».

Etwas, das Sara Müller von Mammaconnect kennt. Die Autorin des ersten Führers für kinderfreundliche Cafés in Zürich wurde vor rund anderthalb Jahren Mutter. «Mit Baby erntete ich auf einmal von vielen böse Blicke», sagt die 37-Jährige. Besonders in der Stadt hätten es Mütter schwer. «Es gibt Lokale, wo einem das Personal ins Gesicht sagt, es sei nichts frei, obwohl es mehr als genug Platz hätte.» Auch Pro Familia beklagt eine kinderfeindliche Stimmung: «Kinder sind bei uns leider eine Minderheit und die Intoleranz steigt», so Geschäftsführerin Lucrezia Meier-Schatz.

Tabu-Zonen für Babys und Kleinkinder

Auch die Zürcher FDP-Politikerin Elisabeth Schoch hat die verhärteten Fronten schon gespürt – als sie 2012 sagte, in Zürich brauche es auch Quartiere ohne ständiges Kindergeschrei. «Da wurde ich schon auch angefeindet», so die kinderlose Gemeinderatskandidatin. Sie betont, keineswegs kinderfeindlich zu sein. «Kinder sind etwas Schönes und unsere Gesellschaft braucht sie.» Die Eltern müssten aber ihre Verantwortung stärker wahrnehmen. «Sie sollen auf die Bedürfnisse ihres Nachwuchses Rücksicht nehmen, so dass dieser andere nicht unzumutbar belastet.»

Immer mehr Orte auf der Welt werden aufgrund des Konflikts zur kinderfreien Zone erklärt. Einen Boom erleben Ferienresorts, die Kinder ausschliessen. Und bei Malasya Airline dürfen seit rund einem Jahr keine Sprösslinge mehr in die 1. Klasse. Noch deutlicher zeigt sich der Trend in den USA. Dort gibt es bereits eine ganze «No-Kids-Allowed»-Bewegung.

Noch ist es in der Schweiz nicht so weit. Experten stellen aber auch hier eine Entwicklung zur getrennten Gesellschaft fest (siehe Interview).

Klaus Haberkern*, welche Vorurteile haben Kinderlose gegenüber Familien?

Viele, von der Selbstverwirklichung auf Kosten der anderen, dem Rückzug aus einer fordernden kompetitiven Welt auf Kosten der Gemeinschaft, eine masslose Beanspruchung von Raum für sich und sein Lebensmodell und weiteres mehr. Aber auch in der anderen Richtung werden oft und mitunter sogar die gleichen Vorwürfe vorgebracht.

Warum stören sich Personen ohne Kinder so am Nachwuchs anderer?

Familie ist keine Selbstverständlichkeit mehr, eine Familie zu gründen oder eben nicht ist eine bewusste Entscheidung und kann somit hinterfragt und auch kritisiert werden. Beides wird auch betont, die Kinderlosigkeit und die Elternschaft, und das jeweils andere wird dann schnell als anders abgelehnt. Hier kommt es dann zu der Wahrnehmung, eingeschränkt zu werden, durch Lärm von Kindern oder eben durch das Ruhe- und Rauchbedürfnis der Kinderlosen.

Wo geraten Eltern und Kinderlose am meisten aneinander?

In fast allen öffentlichen Bereichen, die nicht explizit nur für Erwachsene oder nur für Kinder ausgewiesen sind: im Öffentlichen Verkehr, Restaurants, urbanen Badeanstalten oder eben Flugreisen.

Werden Familien in der Schweiz diskriminiert?

Grundsätzlich gibt es verschiedene Milieus und Sektoren, z.B. auf dem Wohnungsmarkt können Kinder bei der Wohnungssuche genauso ein Ablehnungsgrund sein wie - z.B. in Genossenschaften - eine Voraussetzung, für eine bestimmte Wohnung überhaupt in Frage zu kommen. Von einer einseitigen Diskriminierung würde ich nicht generell sprechen.

Sind Kinder in unserer Gesellschaft kein selbstverständlicher Teil mehr?

Aufgrund der demografischen Alterung leben heute weniger Personen mit Kindern zusammen. Spielende Kinder fallen also mehr auf und gleichzeitig nimmt das Verständnis für diese Lebensphase ab. Der Anteil der Kinderlosen ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen, wobei sich Personen zunehmend auch bewusst für ein Leben ohne Kinder entscheiden.

Wie sieht die Zukunft aus?

Generell scheint es mehr Bereiche, Orte aber auch Zeiten zu geben, wo Kinder explizit erwünscht sind oder eben nicht. Diese Bereiche beugen zwar Konflikten zwischen Kinderlosen und Familien vor, Toleranz wird dadurch nicht gefördert, eher das Bedauern, dass man diesen Freiraum nicht überall und jederzeit haben kann.

*Klaus Haberkern ist Soziologe und forscht am Institut für Soziologie der Universität Zürich.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.