Nach Sommerferien - Eltern und Lehrer wehren sich gegen «Durchseuchung» der Kinder
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Nach SommerferienEltern und Lehrer wehren sich gegen «Durchseuchung» der Kinder

Der ehemalige «Mister Corona» hält es für völlig vertretbar, die Kinder zu durchseuchen. Eltern und Lehrer fordern jetzt Massnahmen zum Schutz der Kinder.

von
Daniel Graf
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Wenn die Schule nach den Sommerferien wieder losgeht, befürchten viele eine Durchseuchung der Kinder. 

Wenn die Schule nach den Sommerferien wieder losgeht, befürchten viele eine Durchseuchung der Kinder.

20min/Michael Scherrer
Verschiedene Gruppierungen stellen deshalb Forderungen. 

Verschiedene Gruppierungen stellen deshalb Forderungen.

20min/Michael Scherrer
Der Verein «Bildung aber sicher» etwa fordert die Beibehaltung der Maskenpflicht auf Stufe Sek II. 

Der Verein «Bildung aber sicher» etwa fordert die Beibehaltung der Maskenpflicht auf Stufe Sek II.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Für Ex-«Mr. Corona» Daniel Koch ist eine Durchseuchung der Kinder «völlig vertretbar».

  • Damit zieht er den Zorn von Lehrerinnen und Lehrern und Eltern auf sich.

  • Verschiedene Organisationen fordern, die Kinder nach den Sommerferien in der Schule besser zu schützen.

  • Sonst drohen schon bald viele Fälle von Kindern mit Long Covid.

In einem Interview mit dem «Tagesanzeiger» (Bezahlartikel) wurde Daniel Koch, ehemaliger Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten und «Mr. Corona» beim BAG, darauf angesprochen, dass ohne Schutzmassnahmen die ungeimpften Kinder mit Corona durchseucht werden. Seine Antwort: «Das ist völlig vertretbar.» Kinder würden kaum an Corona leiden und seien nicht Treiber dieser Pandemie, sagte Koch.

Mit diesen Aussagen zieht er Unmut auf sich. So twitterte etwa die Winterthurer Schulpräsidentin Chantal Galladé am Freitag:

Auch der Vorwurf, dass Koch mit keinem Wort auf mögliche Langzeitfolgen eingehe, wird in den sozialen Medien laut.

Koch äussert sich nicht zu Kritik

Koch selber sagt auf Anfrage, dass er zu diesem Thema derzeit keine weiteren Auskünfte erteile. Die Angst, dass die Kinder beim Schulstart nach den Sommerferien nicht ausreichend geschützt sind, beschäftigt Eltern und Lehrpersonal schon länger. Am Mittwoch haben Stephanie Rotzer und Andrea Hüsser dem Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich eine Petition mit über 800 Unterschriften erreicht. Sie fordern, dass an Primarschulen und Kindergärten mobile Luftfilteranlagen installiert werden.

Auch Franziska Iff, Co-Präsidentin des Vereins «Bildung aber sicher», stört sich an Kochs Aussagen: «Die Luftqualität in den Schulzimmern ist nicht erst seit Corona ein Thema. Wir müssten jetzt schnell handeln und mit Luftfiltern, Masken, mechanischem Lüften und weniger Kinder pro Klassenzimmer die Infektionsgefahr in der Schule möglichst tief halten», sagt Iff. Zahlen aus Grossbritannien zeigten klar, dass Long Covid auch bei Kindern ein grosses Problem sei.

«Entscheidungsträgern ist das Wohl der Kinder egal»

Dass nichts geschieht, ärgert Iff: «Es ist so kurzsichtig. Wenn wir jetzt nicht handeln und die Durchseuchung der Kinder nach den Sommerferien zulassen, werden wir in zwei Jahren unzählige chronisch kranke Kinder haben.» Als Physiotherapeutin sehe sie tagtäglich, dass chronische Krankheiten für die Patienten extrem anstrengend seien: «Jede chronische Erkrankung kostet die Betroffenen viel Zeit und Nerven, aber auch Geld.»

Sie ist überzeugt: «Wir könnten jetzt mit einem Bruchteil des Geldes, das wir bald für die Behandlung der Long-Covid-Kinder aufwenden müssen, dem Problem präventiv vorbeugen.» Die Kosten könnten sich Bund, Kantone und Gemeinden teilen. Oft gehe es aber nicht einmal um das Geld, sondern um Entscheidungsträger, denen das Wohl der Kinder schlicht egal sei.

Druck aus der Politik

GLP-Nationalrat Martin Bäumle macht schon lange Druck, dass in den Schulen und anderen Innenräumen CO2-Messgeräte installiert werden, die anzeigen, wann gelüftet werden muss. «Das wäre neben den regelmässigen Pooling-Tests eine gute Möglichkeit, um die Kinder zu schützen. Durch regelmässiges Lüften bringt man die Aerosolkonzentration in einem Raum runter, was die Ansteckungsgefahr erwiesenermassen deutlich reduziert», sagt Bäumle.

Auch die oberste Lehrerin Dagmar Rösler macht seit über einem Jahr auf das Problem aufmerksam. Mit mässigem Erfolg: «Das BAG hat mittlerweile immerhin eine Empfehlung dazu abgegeben. Doch Bund und Kantone spielen den Ball immer wieder an die Gemeinden, die schlussendlich zuständig dafür sind, zu entscheiden, ob und wie sie die Luftqualität in ihren Schulzimmern verbessern wollten», sagt Rösler. Sie appelliert an die Behörden, Schulleitungen und Lehrerinnen und Lehrer im ganzen Land, sich gemeinsam für dieses Thema einzusetzen.

Unterschiedliche Bemühungen in Kantonen

Eine Umfrage bei den Kantonen zeigt: Die Unterstützung für dieses Vorhaben fällt sehr unterschiedlich aus. In St. Gallen macht der Kanton gar nichts. Verantwortlich seien die Gemeinden. In Luzern soll im August entschieden werden, welche Massnahmen im kommenden Schuljahr umgesetzt werden. Geplant sei aber, testweise in einzelnen Schulhäusern Erfahrungen mit CO2-Messgeräten zu sammeln, um Erkenntnisse zu deren Nutzen zu gewinnen.

Anders im Kanton Solothurn. Dort wird derzeit das «Netzwerk Luftqualität» aufgebaut. «Es geht um die Erprobung unterschiedlicher Techniken zur Verbesserung der Luftqualität. Ziel ist es, die Wirksamkeit der verschiedenen Massnahmen aufzuzeigen und die Luftqualität langfristig zu verbessern», sagt Andreas Walter, Leiter des Volksschulamts. Denn: «Die Luftqualität in Schulzimmern ist generell eher ein unterschätzter Faktor.»

BAG empfiehlt, bezahlt aber nicht

Das BAG erwähnt in seiner «So schützen wir uns»-Empfehlung CO2-Sensoren mittlerweile explizit. Die Geräte haben laut Sprecher Yann Hulmann aber per se keinen Effekt auf das Infektionsgeschehen, sondern nur das Lüften selber. Es sei deshalb auch nicht geplant, eine klare Weisung zu CO2-Geräten an Schulen herauszugeben. «Wir sehen keine Notwendigkeit für einen Zwang. Das Lüften kann auch nach einem Zeitplan erfolgen und liegt in der Zuständigkeit der Betreiber der Schulen», sagt Hulmann. Deshalb sei vonseiten des Bundes auch keine Finanzierung vorgesehen.

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