Aktualisiert 20.04.2020 03:09

Corona-Risiko sei zu hoch

Eltern wollen Kinder nicht in die Schule schicken

In drei Wochen sollen die Kinder wieder die Schulbank drücken. Doch nun regt sich Widerstand von Eltern, Lehrern und einem Medizinprofessor.

von
Zora Schaad
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Der Bundesrat liess die Schulen Mitte März wegen der Corona-Pandemie schliessen, so etwa die Primarschule Tellenmatt in Stans.

Der Bundesrat liess die Schulen Mitte März wegen der Corona-Pandemie schliessen, so etwa die Primarschule Tellenmatt in Stans.

Keystone/Urs Flueeler
Am 11. Mai heisst es jedoch: fertig Homeschooling. Doch nicht alle Eltern stehen hinter dieser Entscheidung des Bundesrats. Für die Eltern ist das Coronavirus-Risiko noch zu hoch.

Am 11. Mai heisst es jedoch: fertig Homeschooling. Doch nicht alle Eltern stehen hinter dieser Entscheidung des Bundesrats. Für die Eltern ist das Coronavirus-Risiko noch zu hoch.

Keystone/Peter Klaunzer
«Ich finde es viel zu früh, ich mache mir Sorgen», sagt etwa Chiara Cellarius. Die selbstständige Fotografin und zweifache Mutter leidet an einer Autoimmunerkrankung. Auch deshalb hofft sie, dass der Entscheid revidiert wird.

«Ich finde es viel zu früh, ich mache mir Sorgen», sagt etwa Chiara Cellarius. Die selbstständige Fotografin und zweifache Mutter leidet an einer Autoimmunerkrankung. Auch deshalb hofft sie, dass der Entscheid revidiert wird.

CarpeDiem Photography

Fertig Homeschooling: Weil Kinder kaum je ernsthaft am Coronavirus erkranken und keine bedeutenden Treiber der Infektion seien, sollen die Schulen am 11. Mai den Unterricht wieder aufnehmen – so will es der Bundesrat. Nicht alle teilen diese Risikoeinschätzung der Regierung. «Wenn die Schulen wieder öffnen, kommt die nächste Infektionswelle wie ein Bumerang zurück», schreibt eine Mutter auf Facebook.

«Ich finde es viel zu früh, ich mache mir Sorgen», meint auch Chiara Cellarius. Die selbstständige Fotografin und zweifache Mutter leidet an einer Autoimmunerkrankung. Auch deshalb hofft sie, dass der Entscheid revidiert wird. Vorsichtshalber hat sie bereits die Schulleitung angeschrieben und angekündigt, dass sie sich andernfalls vorbehält, ihre Tochter zu Hause zu behalten. «Selbst wenn wieder Schulpflicht herrscht – es ist immer noch unser Leben, unser Kind und wir entscheiden!»

Neuropathologe kritisiert Wiederaufnahme

Nicht nur medizinische Laien stehen dem Entscheid kritisch gegenüber. Auch Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich, der zum neuen Coronavirus forscht und sich auf Twitter immer wieder mal pointiert zum Virus äussert, kritisiert die Wiederaufnahme des Unterrichts (20 Minuten berichtete).

Genau wie Cellarius will Familienvater Aguzzi sich nicht vorschreiben lassen, wann er seine Kinder wieder in den Unterricht schickt:

«Egal, was Koch sagt, ich habe nicht vor, meine Kinder in die Schule gehen zu lassen.»

Auf die Nachfrage einer Userin, welche rechtlichen Möglichkeiten es gebe, wenn man seine Kinder nicht in die Schule schicken möchte, antwortet Aguzzi:

«In meinem Alter ist das Risiko, dass mich dieses Viech töten wird, nicht so klein. Ich habe ein erfülltes Leben geführt, und es macht mir nichts aus, dass es zu Ende geht, aber im Moment würde ich lieber noch etwas länger auf der Erde bleiben. Wenn das bedeutet, dass ich eine Busse bekomme, nun, dann soll es so sein.»

«Eltern könnten gemahnt oder gebüsst werden»

Peter Hofmann von der Fachstelle Schulrecht versteht die Sorgen der Eltern in Anbetracht der vielen offenen Fragen rund um die Übertragung des Coronavirus. Trotzdem stellt der Jurist klar: «Wenn der Unterricht wieder aufgenommen wird, tritt auch die Schulpflicht wieder in Kraft. Eltern, die ihre Kinder dann zu Hause behalten, können gemahnt oder gebüsst werden.» Die Höhe der Bussen falle kantonal sehr unterschiedlich aus. «Mir sind Bussen von wenigen Franken bis über 1000 Franken bekannt.»

Hofmann, der selbst Pädagoge ist und Schulbehörden berät, empfiehlt den Schulen und Gemeinden, Augenmass walten zu lassen. «Ich bin überzeugt, dass sich so Lösungen finden und Strafen vermeiden lassen.»

Dagmar Rösler, Präsidentin des Deutschschweizer Lehrerdachverbands, findet es wichtig, dass die Öffnungen der Schulen nach nationalen Richtlinien erfolgen. «Wir freuen uns, wenn wieder Leben in die Schulen kommt. In den nächsten Wochen werden Begleit- und Schutzmassnahmen erarbeitet, wie unterrichtet werden kann, ohne Risikogruppen zu gefährden.»

Lehrergewerkschaft weigert sich

In der Romandie, wo die Pandemie viermal mehr Todesopfer forderte und ungleich stärker wütet als in der Deutschschweiz, sind die Sorgen grösser. So weigert sich die Lehrergewerkschaft der Romandie (SER) gar, den Unterricht unter den aktuellen Voraussetzungen am 11. Mai wieder aufzunehmen. «Am 29. April fällt die definitive Entscheidung über die Wiedereröffnung. Bis dahin muss klar sein, wie die Gesundheit des Lehrpersonals und der Schüler geschützt wird. Wir brauchen klare Richtlinien, welche Hygienemassnahmen wir umsetzen sollen. Dafür müssen Bund und Kantone genügend Ressourcen und Schutzmaterial bereitstellen. Sollte dies nicht der Fall sein, ist es eine Illusion zu glauben, dass Schulen wieder geöffnet werden können», so SER-Präsident Samuel Rohrbach. Er wisse auch von Eltern, die sich weigern, ihre Kinder unter diesen Umständen wieder zum Unterricht zu schicken.

Es sei wichtig, dass nicht überstürzt gehandelt werde, fügt der oberste Westschweizer Lehrer an. «Gefährdete Personen müssen geschützt werden können. Ausserdem brauchen Lehrer und Schüler Zeit, um Krankheit oder Tod von Angehörigen oder andere schwierige Situationen zu verarbeiten.» Man könne jetzt nicht einfach so den normalen Schulalltag wieder aufnehmen, wie man das etwa nach den Ferien mache.

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