Aktualisiert 14.10.2013 19:36

SRF-Serie

Empörung über Geschichte ohne Frauen

Schlacht bei Morgarten und Bau des Gotthardtunnels: Das SRF will Schweizer Geschichte mit «Dokufiction»-Filmen erzählen. Doch wo bleiben die Frauen?

von
Christoph Bernet
Am 7. November strahlt das SRF den ersten der vier Dokufiction-Filme aus.

Am 7. November strahlt das SRF den ersten der vier Dokufiction-Filme aus.

Wer sind wir? Woher kommen wir? Was ist Schweizer Identität? Diesen Fragen will das Schweizer Fernsehen im November nachgehen. Herzstück des Themenschwerpunkts «Die Schweizer» sind vier aufwendig produzierte Filme über sechs herausragende Figuren der Schweizer Geschichte.

Doch die Auswahl der porträtierten Persönlichkeiten (siehe Box) sorgt für Streit – vor allem weil sich unter ihnen keine einzige Frau befindet. In der «Schweiz am Sonntag» drückten die amtierende Nationalratspräsidentin Maya Graf und vier ihrer Amtsvorgängerinnen aus verschiedenen Parteien ihren Unmut über die «Männerlastigkeit» der Filmserie aus. «Wenn man so etwas sieht, fragt man sich, ob 30 Jahre Gleichstellungspolitik für nichts waren», sagt die ehemalige CVP-Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker Christoph Mörgeli nennt die Kritik am SRF ein «bemühendes Ritual». Es sei halt nicht einfach, interessante Frauenfiguren aus früheren Jahrhunderten zu porträtieren, weil oft die Quellen fehlten. Bei allen Verdiensten habe es schlicht und einfach lange keine Geschichtsschreibung der Frauen gegeben. Mörgelis Parteikollege, der Historiker und Nationalrat Peter Keller, pflichtet ihm bei. In der fraglichen Epoche seien die Frauen weniger in der Öffentlichkeit gestanden: «Es ist ein Faktum, dass die Politik bis ins 20. Jahrhundert von Männern gemacht wurde.»

«Als ob die Schweiz nur aus Männern bestehe»

Gar kein Verständnis für die Auswahl der porträtierten Persönlichkeiten hat hingegen die Historikerin Heidi Witzig, die sich auf Frauenthemen spezialisiert hat: «Man könnte meinen, die Schweiz bestehe nur aus Männern.» Die Serie sei geschlechterblind konzipiert, was beim heutigen Stand der Geschichtsforschung eigentlich nicht mehr möglich sein sollte.

Natürlich hätten die Frauen politisch lange nicht mitreden dürfen, doch immer, wenn sich ein wenig Freiraum geboten hätte, seien «sofort sehr interessante Frauenfiguren aufgetaucht». Die Epoche der Französischen Revolution hätte man beispielsweise hervorragend an der Genfer Aufklärerin und Schriftstellerin Madame de Staël aufhängen können, glaubt Witzig. Auch Johanna Spyri, die Autorin von Heidi, sei für das Bild der Schweiz von überragender Bedeutung.

«Alteidgenössisches SVP-Geschichtsbild»

Die Kritik von Jo Lang, Historiker und Vizepräsident der Grünen, geht über das Fehlen von Frauen hinaus: «Die Auswahl steht für ein alteidgenössisches SVP-Geschichtsbild.» Die heutige Schweiz baue jedoch wesentlich auf dem 19. Jahrhundert auf. Von den sechs porträtierten Figuren stehe nur gerade Stefano Franscini für die fortschrittliche Schweiz. «Diese Auswahl ist völlig reaktionär und kriegerlastig», sagt Lang. Ausserdem sei stossend, dass mit der Reformation eines der wichtigsten historischen Ereignisse in der Schweiz nicht vorkomme: «Der Zürcher Reformator Zwingli ist eine viel interessantere Figur als beispielsweise Hans Waldmann.»

Für Christoph Mörgeli hingegen haben die sechs ausgewählten Persönlichkeiten mit Ausnahme von Stefano Franscini so viel zur Geschichte der Schweiz beigetragen, dass ein Filmporträt angebracht sei. Besonders freut sich Mörgeli darüber, dass Werner Stauffacher wieder einmal in Erinnerung gerufen wird: «Er steht für das Nein gegenüber dem europäischen Zentralstaat und die Verteidigung der Unabhängigkeit unter Einsatz des eigenen Lebens.»

Welche Frauen gehören für Sie zu den wichtigsten Figuren der Schweizer Geschichte? Diskutieren Sie im Talkback mit.

Wer sind die sechs Portätierten?

Werner Stauffacher (Geburts- und Todesjahr unbekannt): Landamman von Schwyz, Heerführer bei der Schlacht von Morgarten 1315.

Niklaus von Flüe (1417-1487): Einsiedler und Schutzpatron der Schweiz. Vermittelte Frieden zwischen den zerstrittenen eidgenössischen Ständen.

Hans Waldmann (1435-1489): Bürgermeister von Zürich und Heerführer der Alten Eidgenossenschaft während den Burgunderkriegen.

Guillaume-Henri Dufour (1787-1875): erster General der Schweizer Armee. Besiegte im Sonderbundskrieg 1847 die Truppen der katholischen Kantone.

Stefano Franscini (1796-1857): wurde nach der Gründung des Bundesstaates 1848 in den ersten Bundesrat gewählt. Trug massgeblich zur Gründung der ETH bei.

Alfred Escher (1819-1882): Politiker und Wirtschaftsführer. War massgeblich am Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels beteiligt. (cbe)

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