Schweizer in England - «Ende der Massnahmen ist eine dumme Idee»
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Schweizer in England«Ende der Massnahmen ist eine dumme Idee»

Trotz steigender Infektionszahlen fielen am Montag in England fast alle Corona-Massnahmen. Drei Wahl-Briten erzählen, wie sie mit den massiven Lockerungen umgehen.

von
Michelle Muff
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Am Montag wurden in England fast alle Corona-Einschränkungen wieder aufgehoben. Deborah Moser, die in London als Tanz- und Pilateslehrerin arbeitet, freuts: «Endlich ist die Publikumszahl bei den Tanz-Shows wieder grösser.»

Am Montag wurden in England fast alle Corona-Einschränkungen wieder aufgehoben. Deborah Moser, die in London als Tanz- und Pilateslehrerin arbeitet, freuts: «Endlich ist die Publikumszahl bei den Tanz-Shows wieder grösser.»

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Die partyhungrigen Briten warteten um Mitternacht auf das Ende der Massnahmen. 

Die partyhungrigen Briten warteten um Mitternacht auf das Ende der Massnahmen.

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Peter Kiechl (38) wohnt seit fast acht Jahren im Südwesten Englands in einem kleinen Dorf. Für ihn kommt der Öffnungsschritt zu früh: «Angesichts der steigenden Fallzahlen finde ich es eine dumme Idee.»

Peter Kiechl (38) wohnt seit fast acht Jahren im Südwesten Englands in einem kleinen Dorf. Für ihn kommt der Öffnungsschritt zu früh: «Angesichts der steigenden Fallzahlen finde ich es eine dumme Idee.»

Darum gehts

  • In England steigen die Infektionszahlen wieder. Gleichzeitig fielen am Montag die meisten Massnahmen weg.

  • Drei in England wohnhafte Personen erzählen, was sie vom Öffnungsschritt halten.

Seit Monaten galten in England strikte Corona-Massnahmen. Am Montag hat Premierminister Boris Johnson nun trotz steigender Corona-Infektionszahlen die meisten geltenden Beschränkungen aufgehoben. So fällt unter anderem bis auf wenige Ausnahmen die gesetzlich vorgeschriebene Maskenpflicht sowie die Abstandsregeln, Clubs haben wieder geöffnet und die Engländer und Engländerinnen dürfen wieder unbeschränkt Leute treffen.

Die Schweizerin Deborah Moser, die in London als Tanz- und Pilateslehrerin arbeitet, freut sich über die Aufhebung der Massnahmen: «Als Tanzlehrerin bin ich darauf angewiesen, dass wir sportliche Aktivitäten wieder ohne Einschränkungen durchführen können.» Abgesehen davon werden sich die Massnahmen aber nicht auf ihren Alltag auswirken, so die 31-Jährige: «Ich habe nicht vor, in Clubs zu gehen, da ich das Risiko nicht eingehen möchte, in Quarantäne zu müssen.»

«Man muss vorsichtig sein, aber das Leben soll jetzt weitergehen»

Sehr viele ihrer Freunde in England befinden sich derzeit in Kontakt-Quarantäne – das mache Moser nachdenklich: «Wenn man ständig in Quarantäne muss, können die neuen Freiheiten schliesslich gar nicht genutzt werden.» Die Engländerinnen und Engländer freuen sich aber über die Öffnungen, so die gebürtige Schweizerin: «Sie geniessen diese aber mit Vorsicht, weil die Infektionszahlen wieder am steigen sind. So tragen auch im Londoner ÖV alle immer noch die Maske.»

Das finde sie gut: «Man muss vorsichtig sein, aber das Leben soll jetzt weitergehen. Alle wünschen sich jetzt einfach die Normalität zurück. Nach den Skandalen der vergangenen Monate um Boris Johnson und Matt Hancock haben sowieso viele das Vertrauen in die Regierung und ihre Massnahmen verloren.»

«Risikopatienten werden vernachlässigt»

Anders sieht es Peter Kiechl. Der 38-Jährige lebt bereits seit acht Jahren in einem kleinen Dorf in der Grafschaft Somerset. Er findet den Öffnungsschritt «eine dumme Idee»: «Die Fallzahlen sind wieder am steigen, mit der Aufhebung der Massnahmen geht die Regierung ein zu hohes Risiko für eine erneute Welle ein.» Seine Frau sei zudem Risikopatientin: «Wir sind zwar beide doppelt geimpft, dennoch mache ich mir Sorgen, dass sie sich anstecken könnte. Mit dem Öffnungsschritt vernachlässigt die Regierung meiner Meinung nach die Risikopatienten.»

Auf dem Land finden aber ebenfalls die meisten Leute, dass man langsam wieder zur Normalität zurückkehren sollte – dies jedoch mit der nötigen Vorsicht: «Bei uns im Dorfladen herrscht deswegen immer noch Maskenpflicht, auch wenn das nun eigentlich nicht mehr vorgeschrieben wäre. Die meisten unserer Kundinnen und Kunden akzeptieren diese fortbestehende Pflicht. Auch im ÖV muss man weiterhin eine Maske tragen.»

Massiver Öffnungsschritt trotz steigender Fallzahlen

Am Wochenende hat Grossbritannien über 50’000 tägliche Neuinfektionen verzeichnet. Obwohl das beinahe so viele sind wie beim Höhepunkt der zweiten Welle, hat Boris Johnson gestern bis auf wenige Ausnahmen alle Schutzmassnahmen in England aufgehoben. Mehr als 1200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnten in einem offenen Brief in der Fachzeitschrift The Lancet vor diesem «unethischen Experiment», das eine ernste Gefahr für den Rest der Welt darstelle. Durch die Aufhebung der Beschränkungen während stark steigenden Infektionszahlen könnten neue, impfstoffresistente Varianten entstehen, wird in dem Brief argumentiert. Dieses Mal seien gerade Kinder und Jugendliche, die noch nicht geimpft wurden, in Gefahr. Mit den steigenden Fallzahlen wachsen auch die Anzahl der Spitaleinweisungen. Gemäss BBC News warnte der oberste Gesundheitsberater der britischen Regierung Chris Whitty davor, dass die Zahl der Covid-Hospitalisationen bald «beängstigende Höhen» erreichen könnte. Zurzeit verdoppeln sich laut Whitty die Zahlen der Hospitalisierungen alle drei Wochen. Rund 4000 Personen befinden sich laut den letzten Zahlen der Regierung wegen Covid in Spitalpflege – 740 kommen täglich neu dazu.

In Kiechls Alltag werde sich auch nach dem «Tag der Freiheit» nicht viel verändern: «Ich werde nach wie vor vorsichtig sein und nicht zu viele Leute treffen. Sobald die Reiserestriktionen fallen, werde ich aber wieder einmal meine Familie in der Schweiz besuchen gehen.» Trotz allem sei er auch der Ansicht, dass das Leben bald auch wieder ohne Einschränkungen stattfinden soll: «Jedoch hätte man mit dem endgültigen Öffnungsschritt noch weiter abwarten sollen. Die Regierung handelt meiner Meinung nach sehr unschlüssig und springt von einem Extrem ins nächste.»

«Einige haben schon den ersten Clubbesuch fest eingeplant»

F.* aus Zürich arbeitet seit April bei einer Bank in London. «Ich bin grösstenteils im Homeoffice und nur einmal pro Woche im Büro. Zudem gelten bei uns im Geschäft Masken- und Testpflicht», erzählt der 26-Jährige. Dem Entscheid, die Corona-Massnahmen trotz der steigenden Corona-Zahlen und der Delta-Variante zu lockern, steht F. kritisch gegenüber. «Meiner Meinung nach ist die Entscheidung ein Fehler und wurde zu früh getroffen.» Er sei froh, dass bei ihm im Geschäft weiterhin Homeoffice-, Masken- und Testpflicht gelten.

Er kenne aber Leute, welche die Lockerungen begrüssen. «Einige haben schon den ersten Clubbesuch nach der Wiedereröffnung fest eingeplant.» Zudem habe er am Montag zahlreiche Personen im Supermarkt gesehen, die keine Schutzmaske tragen. Auch die Parks seien bereits am Vormittag aufgrund des schönen Wetters voll gewesen. «Die Menschen sassen nahe beieinander. Vom Coronavirus will anscheinend niemand mehr etwas wissen.»

*Name bekannt

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