Szenarien - Ende der Massnahmen trotz tiefer Impfquote?
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SzenarienEnde der Massnahmen trotz tiefer Impfquote?

Das Impftempo in der Schweiz erlahmt. Was dies für den Weg aus der Krise bedeuten könnte, zeigen verschiedene Szenarien.

von
Bettina Zanni
Céline Krapf
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Die Schweizer Impfkampagne ist ins Stocken geraten.

Die Schweizer Impfkampagne ist ins Stocken geraten.

20min/Simon Glauser
Damit rückt die angestrebte Impfquote in weite Ferne.

Damit rückt die angestrebte Impfquote in weite Ferne.

20min/Marvin Ancian
Nähmen die Hospitalisationen und Todesfälle nicht zu, seien auch steigende Fallzahlen von sekundärer Bedeutung, sagt Andreas Faller, Anwalt für Gesundheitsrecht und Ex-Vizedirektor des BAG.

Nähmen die Hospitalisationen und Todesfälle nicht zu, seien auch steigende Fallzahlen von sekundärer Bedeutung, sagt Andreas Faller, Anwalt für Gesundheitsrecht und Ex-Vizedirektor des BAG.

Screenshot/andreas-faller.ch

Darum gehts

  • Bis im Herbst ist in kaum einem Kanton eine Impfquote von deutlich über 60 Prozent zu erwarten.

  • Nähmen die Hospitalisationen und Todesfälle nicht zu, seien auch steigende Fallzahlen von sekundärer Bedeutung, sagt ein Anwalt für Gesundheitsrecht.

  • «Bei der aktuellen Impfbereitschaft verschleppen wir die Pandemie ins Jahr 2022 und 2023», sagt ein Infektiologe.

  • Laut einem Immunologen werden wir nochmals in den sauren Apfel beissen müssen.

Statt Warteschlangen viele freie Termine: Die Schweizer Impfkampagne ist ins Stocken geraten. Bis im Herbst ist laut der «SonntagsZeitung» in kaum einem Kanton eine Impfquote von deutlich über 60 Prozent zu erwarten.

Damit rückt die angestrebte Impfquote in weite Ferne: Aufgrund der Deltavariante braucht es laut der Taskforce für die Herdenimmunität eine Durchimpfung von 80 Prozent. Zu diesen Szenarien könnte die tiefe Impfquote führen:

Durchseuchung

Das Szenario 1 des Bundesrats rechnet im Herbst mit niedrigen Fallzahlen, die saisonal bedingt etwas steigen können, aber nicht zu einer nennenswerten Belastung des Gesundheitswesens – und nicht zu neuen Massnahmen – führen.

«Die überdurchschnittlich hohe Durchimpfungsrate bei den älteren Menschen könnte uns auch bei einer tiefen Impfbereitschaft in der jüngeren Bevölkerung vor einer Welle mit schweren Verläufen retten», sagt Andreas Faller, Anwalt für Gesundheitsrecht und Ex-Vizedirektor des BAG. Nähmen die Hospitalisationen und Todesfälle nicht zu, seien auch steigende Fallzahlen von sekundärer Bedeutung. «Dann hätten wir einen vertretbaren Durchseuchungseffekt.»

Neue Welle im Herbst

Die Zahl der gemeldeten Fälle der ansteckenderen Delta-Variante hat sich in der Schweiz innerhalb eines Monats mehr als versechsfacht. «Es besteht die Gefahr, dass im Spätsommer oder im Herbst die Quittung kommt», sagt Mitte-Nationalrat Lorenz Hess. Viele Leute wiegten sich in einer falschen Sicherheit und liessen sich nicht impfen, da die Fallzahlen aktuell insgesamt tief seien.

Im August steht der Wechsel von der Stabilisierungs- in die Normalisierungsphase an. Laut dem Drei-Phasen-Modell des Bundesrats sind keine Massnahmen mehr zu rechtfertigen – auch bei einer tiefbleibenden Impfbereitschaft der Bevölkerung. Der Bundesrat rechnet in Szenario 2 damit, dass die Fallzahlen spätestens im Herbst oder Winter ansteigen. Dazu führen könnte etwa der Anteil nicht geimpfter Personen. «Wenn ein Viertel nicht geimpft ist, wird das Virus ohne Schutzmassnahmen unter diesen Leuten stark zirkulieren», sagt Gesundheitsminister Alain Berset (SP) zur «NZZ». Sorgen bereitet ihm auch die tiefe Impfquote der über 80-Jährigen (20 Prozent) und die tiefe Impfbereitschaft beim Pflegepersonal und der Spitex.

Laut Andreas Cerny, Infektiologe am Moncucco-Spital in Lugano, sind steigende Fallzahlen nach den Sommerferien möglich. «Weil dann Reisende aus Gebieten zurückkommen, in denen das Virus stärker zirkuliert.» In der Folge komme es vermehrt zu Übertragungen in den Schulen. «Das Virus wird sich dort ausbreiten, wo man die Türen offen lässt.»

Im dritten Szenario rechnet der Bundesrat mit einer neuen pandemischen Welle, weil eine oder mehrere neue Virusvarianten auftreten, gegen die eine Impfung oder durchgemachte Erkrankung nicht mehr oder deutlich weniger schützten. «Je tiefer die Impfbereitschaft ist, desto mehr Personen können
sich anstecken und so die Entwicklung von weiteren Mutanten fördern», sagt Andreas Widmer, Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso.

Verlängerte Pandemie

«Bei der aktuellen Impfbereitschaft verschleppen wir die Pandemie ins Jahr 2022 und 2023», sagt Andreas Widmer. Diese Ansicht teilt Daniel Speiser, Immunologe an der Universität Lausanne: «Es ist wahrscheinlich, dass die Infektionszahlen wieder ansteigen werden. Denn wenn die Immunität auf dem jetzigen Niveau bleibt, wird es zu weiteren Infektionswellen kommen.» Laut dem Experten werden pro Welle jedoch nur rund 15 Prozent zusätzliche Personen immun. «Somit würde es noch mehrere Jahre dauern, bis die meisten Personen immun sind und damit die Pandemie überstanden ist. Nur die Impfungen können das beschleunigen; es hängt also von uns ab, wie gut wir das nutzen.»

Speiser rechnet mit einer erneuten Verschärfung der Massnahmen im Herbst: «Wir werden nochmals in den sauren Apfel beissen müssen – und zwar alle.» «Es sei nicht realistisch, dass Geimpfte weitgehend von den Massnahmen ausgeschlossen werden könnten. Einerseits aufgrund der Akzeptanz in der Bevölkerung und andererseits sei eine Unterscheidung von Geimpften und Nichtgeimpften oft nicht praktikabel, etwa bei der Maskenpflicht. Damit hatte das BAG bereits im Frühling gerechnet: Zum Schutz der Ungeimpften könnten gewisse Einschränkungen wie die Maskenpflicht weiterhin nötig bleiben.

Impfbereitschaft steigt

Für die Fachpersonen ist die nachlassende Impfbereitschaft (siehe Box) nicht in Stein gemeisselt. Wolle man der Pandemie zeitnah ein Ende setzen, sei es unumgänglich, dass sich die Bevölkerung möglichst breit impfen lasse, sagt Daniel Speiser. «Manche Menschen brauchen noch Zeit, um ihr Vertrauen in die Impfung aufzubauen.» Sobald sich eine vierte Welle abzeichne, seien wohl wieder mehr Menschen bereit, sich impfen zu lassen.

Auch Andreas Cerny ist optimistisch. Weltweit seien mehrere Milliarden Menschen gegen Covid geimpft worden. «Es zeigt sich, dass die Impfung keine grossen Sicherheitsrisiken birgt.» Auch deuteten immer mehr Daten auf einen verlängerten Schutz hin. «Es ist daher möglich, dass diese Erkenntnisse der Kampagne noch einen entscheidenden Schub verleihen.»

Potenzial sieht auch Andreas Faller, Anwalt für Gesundheitsrecht und Ex-Vizedirektor des BAG. «Ein Teil der noch Ungeimpften ist lediglich nicht motiviert zum Impfen.» Diese Menschen brauchten einen Schubs, sich anzumelden. Etwa Walk-In-Impfungen in Einkaufszentren könnten zudem diejenigen Menschen ansprechen, die Hemmungen hätten, sich in der «Maschinerie eines Impfzentrums» anzumelden.

Impfmotivation steigern

Neben einer erneuten Diskussion über ein Impfobligatorium beim Pflegepersonal gibt es in verschiedenen Kantonen Konzepte, um Ungeimpfte zu erreichen. Der Kanton Zug bietet Firmen Impfkapazitäten für die Mitarbeitenden an. Im Kanton Schwyz, Bern und Basel sind Impfteams in Bussen und Trucks unterwegs, der Kanton Aargau plant Impfungen in Shoppingzentren. Und der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse fordert, dass die Kantone Gruppen wie Migranten gezielt ansprechen.

Infektiologe Andreas Cerny fordert, dass die Hausärztinnen und Hausärzte stärker in die Impfkampagne eingebunden werden. «In der ganzen Kampagne sprach man wenig vom Hausarzt. Dabei ist dieser der erste Ansprechpartner seiner Patienten.» So sollte die Hausarztpraxis als direkte Anlaufstelle genutzt werden, um Zweifel und Verunsicherung gegenüber der Impfung auszuräumen.

Einen Beitrag können auch Geimpfte leisten, sagt Andreas Faller, Anwalt für Gesundheitsrecht: «Geimpfte sollen auch Motivatoren sein und in der Familie und bei Freunden und Bekannten Überzeugungsarbeit leisten, damit wir so rasch als möglich unser normales Leben zurückbekommen.» Auch wünsche er von Bund und Kantonen eine forschere Impfkampagne. «Bis jetzt ist die Kampagne sehr zurückhaltend.» Etwa könnten Promis für eine Impfung werben. Auch schlägt er vor, dass die Kampagne mehr darauf abziele, der Bevölkerung Ängste vor der Impfung zu nehmen.

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