«Ende von No-Covid würde in China Monsterwelle auslösen»

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Covid-19«Ende der No-Covid-Strategie in China hätte eine Monsterwelle zur Folge»

Die Proteste gegen die chinesische Regierung reissen nicht ab. Doch China steckt in einer Sackgasse und kann die Covid-Massnahmen nicht einfach aufheben. Experten erklären wieso.

von
Daniel Graf

Die China-Proteste haben die Schweiz erreicht: Lena Wylczek und Ann Guenter analysieren die Proteste. 

20min

Darum gehts

  • Seit bald drei Jahren leidet die chinesische Bevölkerung unter harten Covid-Massnahmen. 

  • Wurde die No-Covid-Strategie der Regierung anfangs noch gefeiert, weil China weniger Infektionen hatte als andere Länder, hat das Land eine Anpassung der Strategie laut Experten verpasst. 

  • Jetzt steckt China in der Sackgasse: In landesweiten Protesten fordert die Bevölkerung ein Ende der Covid-Massahmen. Dieses hätte laut Experten aber eine «Monsterwelle» und Tausende Tote zur Folge. 

  • Für den Rest der Welt sind die Experten indes optimistisch: Selbst wenn bei einer Durchseuchung der chinesischen Bevölkerung neue Varianten entstünden.

Zu Tausenden gehen die Menschen in China seit ein paar Tagen auf die Strassen und fordern ein Ende der Zero-Covid-Strategie des Regimes. «Wir verlangen nicht viel von der Regierung, doch nach fast drei Jahren No-Covid-Strategie mit harten Lockdowns wollen wir dieses Leben endlich hinter uns lassen», sagt Will, ein 26-jähriger Protestler, zu 20 Minuten.

Für Huldrych Günthard, Infektiologe am Unispital Zürich, war Chinas Strategie ein Fehler: «Man kann sich gegen ein so leicht übertragbares Virus nicht vollständig isolieren. Es können ja nicht alle dauerhaft zu Hause bleiben, auch in einem totalitären Überwachungsstaat nicht.» China habe sich verschätzt. «Ich weiss nicht, ob sie gehofft haben, dass das Virus einfach wieder verschwindet oder dass sie bessere Impfstoffe entwickeln können. Der Plan ist auf jeden Fall nicht aufgegangen.»

«China braucht guten Impfstoff»

China habe sich in eine Sackgasse manövriert – worunter letztlich alle leiden könnten. «Wenn China den Forderungen der Protestierenden nachgibt und die Zero-Covid-Strategie aufgibt, trifft das Virus auf über eine Milliarde nur schlecht immunisierter Wirte. Das hätte eine Monsterwelle zur Folge, die viele Toten fordert und mit grosser Wahrscheinlichkeit das chinesische Gesundheitssystem überlasten würde.»

Auf der anderen Seite sei es natürlich verständlich, dass die Menschen in China eine Politik, in der wegen einiger weniger Ansteckungen Millionenstädte abgeriegelt werden, nicht mehr mittragen wollten. «Entscheidend für China ist, dass jetzt so rasch wie möglich mit einem guten Impfstoff geimpft wird, insbesondere zuerst die vulnerablen Personen.»

«An Omikron können viele Leute sterben»

Dazu kommt, dass Viren besonders dann häufig mutieren, wenn es zu vielen Ansteckungen kommt. Wie gefährlich die Viren danach seien, sei schwer vorhersehbar, sagt Günthard. «In einer einigermassen gut immunisierten Bevölkerung scheinen die Mutanten bisher jeweils eher weniger gefährlich geworden zu sein. Aber eben in China scheint hier vieles unklar zu sein.»

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Die Omikron-Variante sei zwar ansteckender als die Delta-Variante und könne auch den Impfschutz bis zu einem gewissen Grad umgehen. «Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs ist aber gesunken. In Hongkong hat man aber gesehen, dass trotzdem viele Menschen sterben können.»

Expertin ist optimistisch

Zwei Dinge geben Günthard aber zu bedenken: «Einerseits ist Long Covid nach wie vor ein Problem, das China neben den vielen Todesfällen hart treffen würde. Zweitens haben wir in vielen Ländern der Welt nach wie vor eine nicht restlos geklärte andauernde Übersterblichkeit. Es gibt Vermutungen, dass eine durchgemachte Covid-Infektion später kardiovaskuläre Krankheiten begünstigt, die etwa in einem Herzinfarkt enden können.»

Was den weiteren Verlauf für die gut immunisierte Bevölkerung ausserhalb Chinas angeht, ist auch Claudia Daubenberger, Leiterin der Abteilung klinische Immunologie am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut optimistisch: «Die Mutationen von Sars-CoV-2 waren bisher vor allem auf das Spike-Protein konzentriert. Niemand kann in die Glaskugel schauen, aber aufgrund der bisherigen Erfahrungen bin ich zuversichtlich, dass Sars-CoV-2 auch bei einer schnellen Durchseuchung von 1,3 Milliarden Chinesinnen und Chinesen keine so grossen Mutationssprünge mehr machen würde, wie beispielsweise von der ursprünglichen Wuhan-Variante zu Delta oder Omikron.»

Welt ist besser auf Covid-Varianten vorbereitet

Selbst wenn das schlimmste Szenario einträfe und sich erneut eine tödlichere Variante verbreite, wäre die Welt heute besser darauf vorbereitet, sagt Daubenberger: «Pfizer und Moderna können ihren Impfstoff innerhalb weniger Monate auf neue Varianten anpassen. Wir wissen mehr darüber, wie wir die Patienten therapieren können und haben auch bei der Medikamentenentwicklung grosse Fortschritte gemacht.»

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