Ausgesteutert: Endstation Sozialamt

Aktualisiert

AusgesteutertEndstation Sozialamt

Als Peter* ganz oben war, verdiente er 150 000 Franken pro Jahr. Heute ist er ganz unten und wird ausgesteuert. Dem 45-Jährigen bleibt der Gang auf Sozialamt – oder die Notschlafstelle.

von
S. Spaeth
Peter ist eine von rund 15 000 Personen, die per 1. April ausgesteuert wurden. Ihm bleibt der Gang aufs Sozialamt.

Peter ist eine von rund 15 000 Personen, die per 1. April ausgesteuert wurden. Ihm bleibt der Gang aufs Sozialamt.

Es ist ein ungewöhnlicher Ort, um sich mit einem Ausgesteuerten zu treffen. Peter hat als Treffpunkt fürs Gespräch die Lobby des Swisshôtel in Oerlikon gewählt: Ledersessel, Designtische, Damen im Deux Pièce und Herren in Anzügen. Früher traf Peter hier seine Kunden, als der noch Business-Unit-Manager bei einem Logistikkonzern war und 150 000 Franken pro Jahr verdiente. Später machte er sich mit einer eigenen Firma im Bereich Automationssysteme selbständig.

Heute ist alles anders. Vor fünf Tagen wurde Peter das letzte Mal sein Arbeitslosengeld überweisen, 2200 Franken. Dies habe schon beinahe nicht zum Leben gereicht, sagt er – und bald wird Peter noch weniger erhalten. «Nun ist das Sozialamt meine einzige Möglichkeit», sagt Peter. In spätestens drei Wochen sei das letzte Arbeitslosengeld aufgebraucht. Erspartes ist längst nicht mehr vorhanden. «Der Gang aufs Sozialamt ist mir unangenehm», meint der 45-Jährige. Dann rechtfertigt er sich. Es handle sich nicht um eine Bitte, Sozialhilfe sei ein Recht.

90 statt 260 Tage

Dass Peter heute, nach lediglich 90 Tagen Bezug von Arbeitslosengeldern, ausgesteuert wird, hat er den Stimmbürgern zu verdanken. Diese haben im vergangenen September die Revision der Arbeitslosenversicherung mit 53,4 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Damit wurden die Taggeldbezüge enorm verkürzt, in Peters Fall von 260 auf 90 Tage. Peter gehört zur Kategorie der Beitragsbefreiten, also Personen wie beispielsweise Studenten, die vor ihrer Arbeitslosigkeit nicht in die Kasse einzahlten. Peters Grund: Er sass wegen einer Rangelei mit der Polizei in Untersuchungshaft – auf ein Urteil warte er noch immer.

Einen Hass auf die Stimmbevölkerung, die die Bezugsdauer in seinem Fall auf über die Hälfte zusammen gestrichen hat, verspürt Peter nicht. Die Stimmenden seien einfach zu wenig informiert gewesen. Wütend macht Peter aber die Gleichgültigkeit der Gesellschaft. «Den Leuten wars einfach egal. Wer einen Job hatte, interessierte sich nicht für die verkürzte Bezugsdauer von Taggeldern.»

Bis Mitte März hatte Peter darauf gehofft, dass er 260 Tage lang Arbeitslosengeld beziehen könne. Das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich plante, ihn über ein Praktikum wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Doch dann kam der Entscheid aus Bern. Die Taggeldbezüge wurden rückwirkend gekürzt. «Dass die Gesetzesänderung rückwirkend in Kraft tritt, ist skandalös», sagt Peter. Nun sei auch ein Praktikum vorerst unmöglich, denn dafür müsste er noch Anspruch auf Arbeitslosengeld haben.

Aktiv, intelligent, rasche Auffassungsgabe

«Im Volk herrscht die Meinung, dass alle Arbeitslosen und Ausgesteuerten „fuuli sieche" sind», sagt Peter. Doch auf ihn treffe das nicht zu. Er sei aktiv und bemühe sich aus der Situation rauszukommen. So steht es auch in seiner Akte des Zürcher Laufbahnzentrums: Der Betreuer bescheinigt, dass Peter trotz seiner gesundheitlichen Probleme nach einem Unfall initiativ und motiviert wirke. Laut dem Laufbahnzentrum ist Peter überdurchschnittliche intelligent, hat eine sehr gute Auffassungsgabe und ein rasches Arbeitstempo.

Trotz dieser Voraussetzungen ist Peter durch fast das gesamte soziale Netz gefallen und muss sich bald beim Sozialamt melden. Doch wo? Seit Ende seiner U-Haft vor rund drei Monaten wohnt der 45-Jährige vorübergehend bei seiner Schwester. Dort kann er nicht länger bleiben. Um sich bei einem Sozialamt anzumelden, braucht Peter aber einen festen Wohnsitz, doch wer vermietet in der Stadt Zürich einem Ausgesteuerten eine Wohnung?

«Unser soziales Netz ist lächerlich», meint Peter, der ein Baseballcap mit der Aufschrift Switzerland trägt. Ob er den Hut in seiner Situation noch mit Stolz tragen könne? Peter erzählt, dass er sich als Urschweizer fühle und wird plötzlich ganz emotional. Seine Stimme ist zittrig und es kommen ihm beinahe die Tränen. «Es kann jeden treffen», sagt er und schluckt leer. Dann kommt die Zuversicht zurück. Noch glaubt Peter daran, dass sich die Situation zum Positiven wendet «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagt er, auch wenn der derzeit mehr Aussicht auf einen Platz in der Notschlafstelle als auf einen neuen Job habe.

* Name geändert

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