Stellenabbau: «Energiewende» traf Axpo auf dem falschen Fuss
Aktualisiert

Stellenabbau«Energiewende» traf Axpo auf dem falschen Fuss

Die heraufbeschworene «Stromlücke» gab es bisher nicht, ein neues AKW wird nicht gebaut: Der Stromkonzern Axpo hat auf ein falsches Szenario gesetzt. Nun muss er zurückbuchstabieren.

von
Sabina Sturzenegger
140 Stellen weg: Der Stromkonzern Axpo erleidet einen Gewinneinbruch und muss massiv sparen.

140 Stellen weg: Der Stromkonzern Axpo erleidet einen Gewinneinbruch und muss massiv sparen.

Axpo – diesen Namen kennen die meisten aus dem Schweizer Fussball. Der Schriftzug des Schweizer Stromkonzerns ist nicht nur in allen Stadien sondern auch auf sämtlichen Leibchen der Fussballer in der höchsten Liga zu sehen. Unvergessen ist vielen sicher auch der TV-Spot, in welchem Ex-Nati-Trainer Köbi Kuhn in der Beiz beim Jassen über die «Stromlücke» philosophiert.

Zurzeit macht die Axpo aber weder mit der «Stromlücke», noch mit Fussball Schlagzeilen, sondern mit einem Stellenabbau und massiven Sparbemühungen: Wie am Montag bekannt wurde, hat das Stromunternehmen mit Sitz in Baden AG im Geschäftsjahr 2010/11 noch 45 Millionen Franken Gewinn gemacht. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag der Gewinn noch bei 409 Millionen Franken. Das Unternehmen verkündete zudem, es wolle 140 Stellen abbauen (siehe Box).

Überraschend ist die Ankündigung zwar nicht: Bereits im Herbst haben die Stromkonzerne Alpiq, BKW wie auch die Axpo vor schlechteren Zeiten gewarnt. Nun sind sie Realität. Seit «Fukushima» und der anschliessenden «Energiewende» in der Schweiz, bei der Bundesrat und Parlament beschlossen haben, keine neuen AKW zu bauen, hat sich vieles verändert. Kritiker werfen der Axpo vor, zu lange untätig gewesen zu sein.

Die Ausgangslage

Die Axpo gehört zu den grössten Schweizer Stromkonzernen. Kein anderer Produzent beliefert mehr Haushalte und Betriebe mit Energie – in der Schweiz sind das rund drei Millionen Menschen. Der Konzern gehört der öffentlichen Hand, nämlich den Kantonen Zürich, Aargau, Schaffhausen, Glarus, Zug, Thurgau, Luzern sowie den beiden Appenzell. Die Kantone sind jeweils über ihre eigenen Kraftwerke an der Axpo beteiligt.

Die Axpo ist in der gesamten Strom-Wertschöpfungskette tätig: In der Produktion, Übertragung, Verteilung sowie über ihre Tochter EGL auch im Handel. In der Schweiz erzeugt die Axpo Energie hauptsächlich mit Atom- und Wasserkraftwerken. Dabei ist das AKW Beznau voll im Besitz der Axpo, an Gösgen und Leibstadt ist der Konzern beteiligt. Die Axpo betreibt auch Biomassekraftwerke und investiert in die Geothermie (Erdwärme).

Die Probleme

Die Axpo kämpft mit verschiedenen Problemen. Eines der grössten ist aber sicherlich die angekündigte «Energiewende». Diese habe die Axpo auf dem falschen Fuss erwischt, ist Energieexperte und Ex-SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner überzeugt. «Die Axpo ist Opfer ihrer eigenen PR-Strategie geworden», sagt Rechsteiner. Der Konzern habe es verpasst, rechtzeitig und im grossen Stil in kostensichere erneuerbare Energien wie die Windenergie zu investieren.

Jetzt hat die Axpo zwar angekündigt, bis ins Jahr 2030 verstärkt in die Windkraftwerke im Ausland zu investieren. Doch auch dies ist offenbar nicht genug: Gerade mal ein Siebtel der Mittel von insgesamt 21 Milliarden würden für erneuerbare Energien investiert, kritisiert die Schweizerische Energiestiftung (SES).

Die Auslandsstrategie

Die Auslandsstrategie des Konzerns ist auch sonst umstritten: Die Axpo habe hauptsächlich auf Gaskraftwerke in Italien gesetzt, sagt Rechsteiner. Das sei ein Fehler, denn die Gaspreise seien seit 2005 ständig gestiegen. Zudem befinden sich laut Rechsteiner «ein Grossteil der Gasbezüge in festen Verträgen, die an den Ölpreis gebunden sind.» Der Axpo bleibt so kaum Handlungsspielraum bei den Preisen.

Viel günstiger wären nach der Ansicht von Rechsteiner höhere Investitionen in die Windenergie gewesen: «Die Einspeisevergütungen haben zur Folge, dass Windenergie zurzeit mit normalen Renditen produziert werden kann, für die Axpo wäre der Einstieg sozusagen gratis gewesen. Aber aus ideologischen Gründen hat man auf Gas und Atom gesetzt», sagt der Experte.

Sinkende Strompreise

Ein weiteres Übel für die Axpo sind die sinkenden Spitzenstrompreise: Früher konnte die Axpo den Strom aus Pumpspeicherkraftwerken zu Spitzenzeiten (beispielsweise über Mittag) teuer verkaufen. «Heute stehen in Deutschland Solaranlagen, die 25 mal die Kapazität von Gösgen haben. Damit verschwinden oft die Preisspitzen über Mittag, von denen die Axpo mit den Pumpspeicherwerken profitierte», sagt Rechsteiner.

Gleichzeitig leidet die Axpo wegen ihrer ausländischen Kraftwerke an einer Strom-Überproduktion: Der krisenbedingte Rückgang des Stromverbrauchs führt zu Überkapazitäten und sinkenden Marktpreisen. Die Gaskraftwerke in Italien liefen teilweise nur auf Mittellast, wie der «Landbote» schreibt.

Die Grösse

Für die Schweizerische Energiestiftung SES ist deshalb klar, dass Grosskonzerne wie die Axpo in der Strombranche ausgedient haben. «Die Axpo ist für die Energiewende nicht gut aufgestellt. Die Frage ist, ob es in einem neuen erneuerbaren und dezentralen System überhaupt noch Platz hat für so grosse und starre Unternehmen wie die Axpo. Vermutlich werden andere Player die Gewinner der Energiewende sein» sagt Felix Nipkow von der SES.

Ob dannzumal auch Axpo-Chef Heinz Karrer noch vor Ort ist, ist unklar. Karrer, der ehemalige Ringier- und Swisscom -Manager, galt lange als erfolgreicher «Mister AKW». Nun fällt zumindest seine Aufgabe, für ein neues AKW zu weibeln, weg.

Händler, Juristen und PR-Leute betroffen

Ab März baut der Stromkonzern Axpo rund 140 Stellen ab. Diese würden «teilweise durch natürliche Fluktuation und vorzeitige Pensionierungen» erreicht, es werde aber auch zu Entlassungen kommen, heisst es in einer Mitteilung.

Vorallem in zwei Bereichen würden Stellen abgebaut, präzisiert Axpo-Sprecher Erwin Schärer gegenüber 20 Minuten Online. Wegen der Integration der Stromhändlerin EGL in die Axpo sei der Handelsbereich besonders betroffen. Durch die Neuorganisation entstünden zudem im Rechtsdienst und in der Kommunikation Doppelspurigkeiten. Der Bereich Kraftwerksbau sowie anstehende Grossprojekte wie Linthal 2015 seien vom Stellenabbau aber nicht betroffen. (egg)

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