02.09.2020 03:46

AbstimmungsumfrageEnges Rennen ums Jagdgesetz – Bauer appelliert an die Städter

50 Prozent Nein, 43 Prozent Ja: Beim Jagdgesetz könnte es laut 20-Minuten-Umfrage eng werden. Ein Schafzüchter richtet deshalb «einen Hilferuf an die Städter».

von
Pascal Michel
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Daniel Steiner züchtet Schwarznasenschafe. Er hofft auf ein Ja zum Jagdgesetz, da er selbst Schafe an den Wolf verloren hat.

Daniel Steiner züchtet Schwarznasenschafe. Er hofft auf ein Ja zum Jagdgesetz, da er selbst Schafe an den Wolf verloren hat.

zvg
Laut 20-Minuten-Abstimmungsumfrage wollen 50 Prozent beim Jagdgesetz Nein einlegen.

Laut 20-Minuten-Abstimmungsumfrage wollen 50 Prozent beim Jagdgesetz Nein einlegen.

KEYSTONE
43 Prozent dagegen geben an, Ja stimmen zu wollen. Schafzüchter Daniel Steiner appelliert deshalb an die Städter.

43 Prozent dagegen geben an, Ja stimmen zu wollen. Schafzüchter Daniel Steiner appelliert deshalb an die Städter.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Ja zu Kampfjets, Nein zur Begrenzungsinitiative: Die 20-Minuten-Umfrage zeigt, wo die Stimmberechtigten stehen.
  • Knapp könnte es beim Jagdgesetz werden.
  • Ein Schafzüchter warnt vor einem Nein: «Dann breitet sich der Wolf flächendeckend aus.»
  • Die Gegner kontern, «Problemwölfe können jetzt schon abgeschossen werden.»

Die Wölfe breiten sich in der Schweiz aus: Rund 80 Tiere durchstreifen hiesige Wälder – und reissen pro Jahr 300 bis 500 Schafe und Ziegen. Der Bund will deshalb das Raubtier härter angehen. Mit dem neuen Jagdgesetz, das am 27. September zur Abstimmung kommt, dürfen Kantone den Abschuss von Einzelwölfen anordnen, wenn diese sich auffällig und gefährlich verhalten.

Die zweite Welle der 20 Minuten-/Tamedia-Abstimmungsumfrage zeigt nun, dass es am Abstimmungssonntag eng werden könnte: Vier Wochen vor dem Urnengang wollen nämlich 50 Prozent der Stimmberechtigten ein Nein oder eher Nein zum Jagdgesetz einwerfen. 43 Prozent sprechen sich für die Vorlage aus, ein relativ hoher Anteil von 7 Prozent hat sich noch nicht festgelegt.

Schafzüchter hofft auf ein Ja

Daniel Steiner, Schafzüchter aus dem Oberwallis, ist ob des engen Rennens alarmiert. «Das Gesetz ist ein Hilferuf aus dem Berggebiet. Ohne bessere Regulierung breitet sich der Wolf flächendeckend in der Schweiz aus.» Steiner hofft, dass auch die Städter mithelfen, die «Wolf-Schwemme», der bald auch Kälber oder Pferde zum Opfer fallen könnten, zu verhindern.

Steiner selbst hat vor einigen Jahren auf einen Schlag 16 Schafe durch den Wolf verloren, trotz Einzäunungen und aufwendiger Sicherheitsmassnahmen. «Der Anblick war himmeltraurig: Einigen Schafen rissen die Wölfe die Eingeweide heraus, den anderen fehlte ein Bein, lebten aber noch.» Besonders tragisch sei auch gewesen, dass Lämmer im Bauch toter Mutterschafe verendeten. «Das bricht einem das Herz.» Steiner betont, der Wolf dürfe nicht glorifiziert werden, wie dies Umweltverbände tun würden. «Wenn es so weitergeht, kommt es früher oder später auch zu Konflikten mit Menschen.»

Steiner betont, auch mit dem neuen Gesetz könnten sich Umweltverbände gegen Abschüsse wehren. «Und niemand will, dass weitere Tiere wie der Luchs auf die Liste kommen.» Urs Schneider, Stellvertretender Direktor des Bauernverbands, ist weiterhin zuversichtlich, eine Mehrheit für das Gesetz zu erreichen. Dazu mobilisieren die Befürworter am kommenden Freitag mit einer Aktion auf dem Bundesplatz – inklusive Schafe und Ziegen. «Es wird nochmals aufgezeigt, dass es sich um ein Schutz- und nicht Abschussgesetz handelt.»

Urs Scheuss, Sprecher des parlamentarischen Nein-Komitees, kann nachvollziehen, dass es für Direktbetroffene ein schwerer Schlag ist, ein Schaf durch den Wolf zu verlieren. Das vorliegende Gesetz gehe aber zu weit, weil es neben dem Abschuss von «Problemwölfen» auch andere Tierarten ins Visier nehme. Und dies, ohne dass sie einen Schaden angerichtet hätten.

Wie die Umfrage zeigt, ist bei den Befürwortern das am häufigsten genannte Argument, schon mit dem heutigen Gesetz könnten einzelne «Problemwölfe» geschossen werden. Dies zeigt für Scheuss, dass man auf Kurs sei. «Diese Hauptbotschaft wollen wir aber noch stärker ins Spiel bringen.» Scheuss betont: «Auch wir wollen gegen Problemwölfe gezielt vorgehen – ohne andere Tierarten zu opfern.» Dazu brauche es auch bessere Anreize beim Herdenschutz statt pauschalen Abschussfreigaben. Das Komitee setze sich für eine entsprechende Motion ein.

Ja-Trend bei Kampfjetbeschaffung

Klarere Trends zeichnen sich bei drei weiteren Vorlagen ab. So wollen 58 Prozent der Stimmberechtigten laut der Umfrage ein Ja oder eher Ja zur Beschaffung neuer Kampfjets für sechs Milliarden Franken einlegen. Damit konnten die Jet-Freunde im Vergleich zur ersten Welle der Befragung deutlich um 8 Prozentpunkte zulegen. Und dies besonders bei den Männern: Ihre Zustimmung ist seither um 10 Prozentpunkte auf 68 Prozent gewachsen.

Eine deutliche Mehrheit unterstützt den indirekten Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub». 66 Prozent der Stimmberechtigten sprechen sich für zwei Wochen bezahlten Urlaub aus. Bei der Begrenzungsinitiative der SVP, mit der die Schweiz die Zuwanderung wieder souverän steuern soll, ergibt sich ein ähnliches Bild: 61 Prozent geben an, die Vorlage ablehnen zu wollen. 37 Prozent stimmen der Initiative der Volkspartei zu. Eine Mehrheit für das Anliegen gibt es nur im Tessin.

Ähnlich wie beim Jagdgesetz könnte es bei den Kinderabzügen, die zur Entlastung von Familien führen sollen, eng werden. Vier Wochen vor der Abstimmung unterstützen 53 Prozent die Vorlage, 41 Prozent sind dagegen, 6 Prozent noch unentschlossen.

Die Umfrage

In Zusammenarbeit mit LeeWas führen 20 Minuten und Tamedia auf ihren Newsportalen umfassende Abstimmungs- und Wahlumfragen durch. 20’148 Personen aus der ganzen Schweiz haben vom 27. bis zum 28. August online an der 2. Welle der 20 Minuten-/Tamedia-Umfrage zu den eidgenössischen Abstimmungen vom 27. September 2020 teilgenommen. Die Umfragedaten werden nach demografischen, geografischen und politischen Variablen modelliert. Der Fehlerbereich liegt bei 1,1 Prozentpunkten.
Weitere lnformationen gibt es hier.

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300 Kommentare
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Emil

03.09.2020, 13:07

Hier geht es um den Wolf und nicht um irgendwelche Schwäne. Darum ein Ja.

Fragen

02.09.2020, 07:39

Was sind denn die konkreten (!) Vorschläge von Scheuss vom Nein-Komitee zur Begegnung des Problems? Bessere Schutzbauten von Herden? Wie soll das gehen bei grossen Weiden? Wer bezahlt das? Und wenn Wölfe die Scheu verloren haben, jammert dann auch niemand, wenn Meerschweinchen und Co. aus den Gärten verschwinden? Ist er potential gefährlich auch für Menschen/ Kinder? Nota bene: Hauptproblem ist, dass der Wolf zu nahe kommt, da er die Scheu vor Menschen verliert und die natürliche Distanz nicht mehr wahren will. Wieso behandelt man ihn anders wie der Fuchs, obwohl letzterer kleiner und weniger gefährlich ist?

Michael

02.09.2020, 07:35

Also die Bauern sollen sich nicht an die Städter sondern an die wenden, die den Wolf hier heimisch gemacht haben. Letztendlich hätten die auch voraussehen müssen, das der Wolf sich wie ein Wolf ernährt und den betroffenen Personen Hilfe zukommen lassen.