England: Brown der nächste Premier?
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England: Brown der nächste Premier?

Die britischen Wähler haben Premierminister Tony Blair eine weitere Amtszeit gewährt, ihm aber zugleich einen kräftigen Denkzettel verpasst.

Denkzettel der Wähler für Tony Blair: Der britische Premierminister hat bei der Unterhauswahl am Donnerstag zwar den dritten Wahlsieg in Folge errungen, was für die Labour Party historisch einmalig ist. Seine bisherige parlamentarische Mehrheit von 161 Mandaten reduzierte sich jedoch um etwa 100. Blair räumte am Freitag ein, dass ihn der Streit über die Beteiligung Grossbritanniens am Irak-Krieg zahlreiche Wählerstimmen gekostet hat.

Der Regierungschef besuchte den Buckingham-Palast in London, wo ihn Queen Elizabeth II. offiziell mit der Regierungsbildung betraute. Blair wollte noch im Laufe des Tages sein neues Kabinett vorstellen.

Blair erhielt in seinem nordostenglischen Wahlkreis Sedgefield sechs Prozentpunkte weniger als 2001, kam aber dennoch auf einen Anteil von 58,9 Prozent. Der unabhängige Kandidat Reg Keys, dessen Sohn im Irak-Krieg umkam, verbuchte einen Achtungserfolg von 10,3 Prozent der Stimmen.

Einen Sieg errang George Galloway, der wegen seiner vehementen Anti-Kriegs-Kampagne aus der Labour Party ausgeschlossen wurde. Als Kandidat seiner neu gegründeten Partei Respect entthronte er im Osten Londons mit 35,9 Prozent der Stimmen die bisherige Labour-Abgeordnete Oona King, auf die 34,0 Prozent entfielen.

In vielen Wahlkreisen zeigte sich, dass traditionelle Labour-Wähler aus Protest gegen den Irak-Krieg zu den Liberaldemokraten umgeschwenkt waren. Diese konnten bei einem Stimmenanteil von mehr als 20 Prozent unter dem britischen Mehrheitswahlrecht aber noch nicht einmal zehn Prozent der Sitze erringen. Parteichef Charles Kennedy sprach dennoch von einer «gesunden Entwicklung», da das neue Unterhaus völlig anders zusammengesetzt sein werde. Kennedy gewann seinen schottischen Wahlkreis Ross, Skye und Lochhaber mit 54,3 Prozent der Stimmen.

Nach der Auszählung von 621 der insgesamt 646 Wahlkreise kam die sozialdemokratisch orientierte Labour-Partei auf 353 Mandate. Die oppositionellen Konservativen hatten zu diesem Zeitpunkt 196 Sitze im neuen Unterhaus gewonnen, die Liberaldemokraten 60. Die absolute Mehrheit von 324 Sitzen hatte sich Labour schon am frühen Morgen gesichert. Die Wahlbeteiligung lag mit gut 60 Prozent etwas über dem historischen Tief von 59 Prozent vor vier Jahren.

Spekulationen über Abtritt Blairs

Noch in der Wahlnacht wurde darüber spekuliert, dass Blair bereits in der Mitte der neuen Legislaturperiode das Amt des Premierministers an den bisherigen Schatzkanzler Gordon Brown abgeben könnte. Dieser gewann seinen schottischen Wahlkreis Kirkcaldy mit 58,1 Prozent. Brown gilt als Architekt des wirtschaftlichen Aufschwungs in Grossbritannien, der nach Meinung von Beobachtern den neuerlichen Wahlsieg von Labour besiegelt hat. Blair dagegen habe der Partei geschadet, hiess es.

Der konservative Oppositionsführer Michael Howard bewertete das Ergebnis seiner Partei als Zeichen einer Trendwende. Howard verteidigte sein Parlamentsmandat im südenglischen Wahlkreis Folkestone mit 53,9 Prozent der Stimmen, 8,9 Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren. Der konservative Politiker Michael Portillo sagte, das Ergebnis werde den innerparteilichen Druck auf Blair verstärken. So überlegten die Anhänger Browns schon, «wie schnell sie Tony Blair aus der Downing Street bringen können».

Howard tritt zurück

Nach der Wahlniederlage der Konservativen bei der Unterhauswahl in Grossbritannien hat Parteichef Michael Howard am Freitag seinen Rücktritt angekündigt. Er will nach eigenen Angaben sein Amt niederlegen, sobald ein Nachfolger gefunden ist.

Der Entscheid des 63-jährigen Howard überrascht. Denn wie die bisherige Auszählung von 620 der insgesamt 646 Wahlkreise zeigt, konnten sich die Tories bei den Wahlen vom Donnerstag auf 195 im Vergleich zu 166 Sitzen bei den Wahlen 2001 steigern.

(dapd)

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