Proteste in Kiew: Entführen Schläger Verletzte aus Spitälern?
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Proteste in KiewEntführen Schläger Verletzte aus Spitälern?

Die ukrainische Regierung soll Schlägertrupps einsetzen, um Oppositionelle einzuschüchtern. Verletzte Demonstranten verschwinden aus Spitälern. Ein Aktivist wurde tot aufgefunden.

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In den vergangenen Tagen sind die Proteste auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew eskaliert. Ärzten zufolge starben fünf Menschen. Die Regierung wirft den Demonstranten vor, für die Eskalation der angespannten Lage verantwortlich zu sein. Allerdings erhärtert sich der Verdacht, dass gerade auch die Regierung an der tödlichen Eskalation nicht unschuldig ist: Die Sicherheitskräfte um Präsident Viktor Janukowitsch sollen bezahlte Schlägertrupps einsetzen, um Oppositionelle und Journalisten einzuschüchtern, sagt der Ukraine-Experte Wilfried Jilge im Deutschlandfunk.

Eine Reporterin von EuroNews berichtet besonders Beunruhigendes: Zehn verletzte Regierungsgegner, die nach Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Polizisten in Kiewer Spitälern behandelt wurden, seien kurz nach ihrer Einlieferung von Angehörigen und Freunden als vermisst gemeldet worden. Darunter war auch der 51-jährige Yuri Werbicki sowie dessen Kollege Igor Luzenko.

Werbicki getötet, Luzenko frei gelassen

Jetzt wurde Aktivist Werbicki gemäss mehreren ukrainischen Medien am Mittwoch in einem Waldstück tot aufgefunden. Nach Angaben aus Oppositionskreisen wies seine Leiche Folterspuren auf. Sein Kollege Luzenko tauchte 18 Stunden nach seinem Verschwinden aus dem Spital lebend wieder auf.

Neue Gespräche sollen Eskalation abwenden

Er erzählte, wie er und Werbicki zunächst von einer Gruppe Männern abgeführt, geschlagen und dann getrennt voneinander in ein Waldstück gefahren worden seien. Luzenko schildert, wie er unter einem Baum auf die Knie ging, um zu beten. Er dachte, dass er hier sterben würde. Die Entführer liessen aber von ihm ab und liessen ihn in der Kälte liegen. Verwundet humpelte er bis zum nächsten Dorf, wo er verarztet wurde.

20-Jähriger als Held verehrt

Das erste Todesopfer der Proteste am Maidan Platz aber ist der 20-jährige Sergej Nigojan. Er sei mit vier Schüssen in den Kopf und in den Hals gerichtet worden, sagt Oleg Mussi, Koordinator des medizinischen Dienstes der Regierungsgegner.

Der Generalstaatsanwalt habe eine Obduktion angeordnet und überprüfe den Fall, schreibt Spiegel Online. Noch ist unklar, mit welcher Art von Munition Nigoyan getötet wurde. Die Sicherheitskräfte geben an, ausschliesslich Gummigeschosse zu verwenden.

Das Internet feiert den jungen Tote als Helden, die prowestliche Opposition bezeichnet ihn als «ersten Märtyrer des Euromaidan». So nennen die Janukowitsch-Gegner den Unabhängigkeitsplatz in Kiew inzwischen.

Neue Zusammenstösse in Kiew

Trotz erster Zugeständnisse an die Opposition ist es in Kiew erneut zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Demonstranten setzten im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Barrikaden und Reifen in Brand, riesige Feuerbälle erleuchteten am Freitag den Nachthimmel.

Die aufgebrachten Protestler schleuderten zudem Rauchbomben, Steine und Feuerwerkskörper auf Bereitschaftspolizisten. Die Beamten setzten daraufhin Tränengas ein. Etliche Dutzend verletzte Demonstranten wurden in eine behelfsmässig eingerichtete Klinik am Schauplatz gebracht. Mehrere Personen wurden von der Polizei festgenommen.

«Wir werden die Behörden dazu zwingen, uns zu respektieren», sagte einer der Demonstranten, der 27-jährige Artur Kapelan. «Nicht sie, sondern wir werden die Bedingungen eines Waffenstillstands vorgeben». (SDA)

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