Vierfachmord von Rupperswil: Entgeht Thomas N. der lebenslangen Verwahrung?

Aktualisiert

Vierfachmord von RupperswilEntgeht Thomas N. der lebenslangen Verwahrung?

Das Bundesgericht hat sich im Fall Dubois erneut gegen die lebenslange Verwahrung entschieden. Was bedeutet das für den Prozess um den Vierfachmord?

von
jen/daw/ehs
1 / 13
Thomas N.Die Tat: Er verschaffte sich am 21. Dezember 2015 Zutritt zum Haus der Familie S. und brachte die Mutter, zwei Söhne und die Freundin eines der Söhne um.Die Anklage: Mehrfache räuberische Erpressung, mehrfache Geiselnahme, mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind, mehrfache sexueller Nötigung, Brandstiftung, mehrfache strafbare Vorbereitungshandlungen sowie mehrfacher Mord. Zudem wurde bei ihm umfangreiches kinderpornografisches Material sichergestellt.Die Strafe: noch offen. Die Staatsanwaltschaft wird wohl auf lebenslange Verwahrung pochen.

Thomas N.Die Tat: Er verschaffte sich am 21. Dezember 2015 Zutritt zum Haus der Familie S. und brachte die Mutter, zwei Söhne und die Freundin eines der Söhne um.Die Anklage: Mehrfache räuberische Erpressung, mehrfache Geiselnahme, mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind, mehrfache sexueller Nötigung, Brandstiftung, mehrfache strafbare Vorbereitungshandlungen sowie mehrfacher Mord. Zudem wurde bei ihm umfangreiches kinderpornografisches Material sichergestellt.Die Strafe: noch offen. Die Staatsanwaltschaft wird wohl auf lebenslange Verwahrung pochen.

Mike A.Die Tat: Der sadistische Vergewaltiger Mike A. tötete in der Nacht auf den 27. August 2008 in seiner Wohnung in Märstetten TG ein thailändisches Callgirl aus Zürich. Die Leiche packte er in einen Koffer. Dann fuhr er mit dem Töffli in einen Wald und warf den Koffer samt Leiche einen Abhang hinunter.Die Strafe: A. erhielt 20 Jahre Haft und als erster Verurteilter die lebenslange Verwahrung. Er hatte seine Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts Weinfelden in letzter Minute zurückgezogen.

Mike A.Die Tat: Der sadistische Vergewaltiger Mike A. tötete in der Nacht auf den 27. August 2008 in seiner Wohnung in Märstetten TG ein thailändisches Callgirl aus Zürich. Die Leiche packte er in einen Koffer. Dann fuhr er mit dem Töffli in einen Wald und warf den Koffer samt Leiche einen Abhang hinunter.Die Strafe: A. erhielt 20 Jahre Haft und als erster Verurteilter die lebenslange Verwahrung. Er hatte seine Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts Weinfelden in letzter Minute zurückgezogen.

Marlene Kovacs
Claude DuboisDie Tat: Der Schweizer zog am 13. Mai 2013 Marie (19) in Payerne VD in ein Auto und entführte sie. Noch in der Nacht auf den 14. Mai erdrosselte er die junge Frau in einem Wald bei Châtonnaye FR. Dubois hatte bereits 1998 seine Ex-Freundin in einem Chalet in La Lécherette VD vergewaltigt und danach erschossen. Er wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Als er Marie umbrachte, verbüsste er eine Reststrafe in Hausarrest.Die Strafe: Dubois wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer lebenslänglichen Verwahrung verurteilt. Er zog das Urteil weiter. Doch die lebenslängliche Verwahrung wurde im November 2017 bestätigt. Im März 2018 hob das Bundesgericht die lebenslängliche Verwahrung auf.

Claude DuboisDie Tat: Der Schweizer zog am 13. Mai 2013 Marie (19) in Payerne VD in ein Auto und entführte sie. Noch in der Nacht auf den 14. Mai erdrosselte er die junge Frau in einem Wald bei Châtonnaye FR. Dubois hatte bereits 1998 seine Ex-Freundin in einem Chalet in La Lécherette VD vergewaltigt und danach erschossen. Er wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Als er Marie umbrachte, verbüsste er eine Reststrafe in Hausarrest.Die Strafe: Dubois wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer lebenslänglichen Verwahrung verurteilt. Er zog das Urteil weiter. Doch die lebenslängliche Verwahrung wurde im November 2017 bestätigt. Im März 2018 hob das Bundesgericht die lebenslängliche Verwahrung auf.

Das Bundesgericht hat gestern die lebenslängliche Verwahrung des mehrfachen Mörders Claude Dubois widerrufen. Es hat sich bisher in allen Fällen, die es zu beurteilen hatte, gegen die lebenslange Verwahrung ausgesprochen. Dubois könnte jetzt ordentlich verwahrt werden. Dabei wird im Unterschied zur lebenslänglichen Verwahrung regelmässig eine Entlassung geprüft.

Das Urteil erhält besondere Brisanz, weil sich ab dem kommenden Dienstag Thomas N. vor dem Bezirksgericht Lenzburg wegen des Vierfachmords in Rupperswil verantworten muss. Der heute 34-Jährige soll am 21. Dezember 2015 Carla S. (48), ihre Söhne Davin (13) und Dion (19) sowie dessen Freundin Simona F. (21) getötet und sich am jüngsten Sohn vergangen haben (den 20-Minuten-Dokfilm zum Fall sehen Sie hier).

«Keine Vergleichsmöglichkeit»

«Das ist ein aussergewöhnlich schweres Verbrechen. Ich bin seit bald 34 Jahren im Amt, und mir hat eine direkte Vergleichsmöglichkeit gefehlt. Das hat bisher alles übertroffen, was mir in dieser Zeit bekannt geworden ist», sagt der forensische Psychiater Thomas Knecht zum Fall. Im Dorf wünschen sich viele, dass N. garantiert nie mehr freikommt: «Als Bürger dieses Landes wünsche ich mir nichts anderes als eine lebenslange Verwahrung», sagt etwa der Sprecher der Fussballclubs, bei denen Thomas N. tätig war.

Psychiater Knecht bezweifelt dies trotz der Schwere der Tat: «Ich denke nicht, dass eine lebenslange Verwahrung ausgesprochen wird. Wenn ich die Praxis des Bundesgerichts anschaue, muss man Zweifel haben, ob diese überhaupt ausgesprochen werden kann.» So braucht es unter anderem zwei Gutachten, die zum Schluss kommen, dass der Beschuldigte dauerhaft untherapierbar ist. Laut Knecht halten Prognosen bis zum Tod wissenschaftlichen Kriterien zurzeit aber noch nicht stand. Es gebe jedoch immer noch die ordentliche Verwahrung, bei der jedes Jahr die Fortschritte überprüft würden.

Was nützt die Verwahrungsinitiative?

Auch der ehemalige Bundesrichter Martin Schubarth sagt, dass noch keine Mittel bestünden, um die Untherapierbarkeit eines Straftäters und seine Persönlichkeitsentwicklung bis ans Lebensende festzustellen. «Das ist auch das Problem bei der Umsetzung der Verwahrungsinitiative.» In 20 Jahren könne die Situation womöglich anders aussehen, aber heute seien wir noch nicht so weit.

«Die Verwahrungsinitiative muss aber durchaus ernst genommen werden, weil sie eine Problematik anspricht, die durchaus bestanden hat – früher gab es Fälle, in denen Straftäter nach der Freilassung rückfällig wurden und wieder schwere Straftaten begingen», sagt Schubarth. Man sei bei der Entlassungsprüfung über lange Zeit zu optimistisch gewesen. Heute sei diese aber viel strenger.

Der Aargauer BDP-Nationalrat Bernhard Guhl hofft, dass die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Verwahrung fordert: «Sonst bleibt ein Restrisiko.» Letztlich müsse es aber das Ziel sein, die Bevölkerung zu schützen. Dieser Schutz könne auch die ordentliche Verwahrung bieten. «Thomas N. dürfte meiner Meinung nach nicht wieder freikommen.»

Der Fall Dubois

Claude Dubois vergewaltigte und erschoss 1998 seine damalige Ex-Freundin. Dafür wurde er im Alter von 22 Jahren zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Am 13. Mai 2013, als er seine Reststrafe im Hausarrest verbrachte, entführte er die 19-jährige Marie in Payerne VD, zerrte sie in ein Auto und entführte sie. In der Nacht auf den 14. Mai erdrosselte er sie. Gestern hob das Bundesgericht seine lebenslange Verwahrung auf: Ein Gutachten sei von der Vorinstanz, dem Kantonsgericht Waadt, falsch interpretiert worden. Es lasse keine Aussage über die Untherapierbarkeit von Dubois zu – eine Voraussetzung für die lebenslange Verwahrung.

Die Verwahrungsinitiative

Umgesetzt wurde die Verwahrungsinitiative im Jahr 2008, nachdem sie vom Volk mit über 56 Prozent Ja-Stimmen angenommen wurde. Seit da können Sexual- und Gewaltstraftäter bis an ihr Lebensende verwahrt werden, ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung und Hafturlaub. Gerichte können solch ein Urteil nur aussprechen, wenn in mindestens zwei unabhängigen Gutachten ein Straftäter als nicht therapierbar und als extrem gefährlich eingestuft wird.

Deine Meinung