Wittmann im Interview: «Entmachtet endlich die Kantone»
Aktualisiert

Wittmann im Interview«Entmachtet endlich die Kantone»

Die Schweiz versteht sich als Erfolgsmodell – doch dieses ist gefährdet. Für den Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann sind die Kantone wirtschaftliche Bremsklötze.

von
Sandro Spaeth
Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann sieht das Erfolgsmodell Schweiz in Gefahr. Statt den Weg nach Europa einzuschlagen, zementiere man den Sonderfall.

Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann sieht das Erfolgsmodell Schweiz in Gefahr. Statt den Weg nach Europa einzuschlagen, zementiere man den Sonderfall.

Herr Wittmann, diese Woche erscheint ihr neues Buch. Sie provozieren erneut stark. Warum geniessen Sie nicht einfach den Ruhestand?

Walter Wittmann: Mir ist es nicht einfach egal, was in der Schweiz läuft. Zudem will ich nicht zu jenen gehören, die zwar die Probleme gesehen sehen, aber nie davor warnen. Ums provozieren geht es mir nicht. Ich ziehe einfach Bilanz – und diese ist negativ. Dass ich mich damit nicht beliebt mache, nehme ich in Kauf.

Sie kritisieren die Schweiz als reformunwillig, dabei reformieren wir ständig, beispielsweise die IV und die AHV.

Was wir bisher gesehen haben ist reine Kosmetik. Die AHV wird ab 2015 enorme Defizite schreiben. Da drängen sich fundamentale Reformen auf. Bei der IV versucht man die Lücke vorübergehend mit einer Mehrwertsteuererhöhung zu finanzieren, doch das ist ein Fehler, denn diese droht definitiv zu werden.

Sie zeichnen den Weg der Schweiz in die Sackgasse vor. Diese Strasse scheint aber noch ziemlich lang.

In der Tat sind wir bisher nicht am Ende der Sackgasse angelangt. Die Schweiz ist wie eine alte, vermögende Tante. Noch haben wir genügend Geld und können einige Zeit weiter umverteilen und die Probleme verwalten. Aus der Sackgasse kommen wir so aber nicht heraus. Es braucht einen Befreiungsschlag. Leider glaubt die Mehrheit der Schweizer noch immer, man sei auf niemanden angewiesen.

Wie lange wird die EU den Sonderfall Schweiz noch akzeptieren?

Die EU erklärt ständig, dass sie keine neuen Verhandlungen mehr will. Folglich ist die Weiterführung des bilateralen Wegs eine Illusion. Weil wir aber beispielsweise bei Exporten und Rohstoffen, aber auch im Arbeitsmarkt stark vom Ausland abhängig sind, können wir es uns nicht leisten, vom EU-Binnenmarkt ausgeschlossen zu werden. Verhandlungsposition hat die Schweiz aber ein schwache. Unser Markt ist für die EU nicht von Bedeutung.

Sie fordern in ihrem Buch den EU-Beitritt. Bei den Problemen der Eurozone ist diese Forderung aber nicht sehr populär…

Mehrheitsfähig ist diese Forderung im Moment nicht. Ich sage aber auch nicht, dass wir der EU sofort beitreten werden. Mittelfristig bleibt uns aber nichts anderes übrig.

Wagen Sie eine Prognose: Wann wird die Schweiz EU-Mitglied?

Nicht in den nächsten zehn Jahren. Klar ist: Ökonomisch werden die Vorteile der EU überwiegen. Die Schweiz hätte dann ungehinderten Zugang zum gesamten EU-Binnenmarkt, wäre also quasi im Rotary-Club mit dabei.

Mit ihrem Euro-Problem scheint mir die EU aber nicht wirklich dem Bild des Rotary-Club zu entsprechen.

Die EU hat keine Eurokrise, sie hat eine Schuldenkrise. Als Konstrukt funktioniert sie, wenn auch als Transferunion. Dabei unterscheidet sie sich nicht gross von der Schweiz. Auch wir unterstützen die schwachen Kantone. Hätte die Schweiz zudem in den letzten 30 Jahren den dringend notwandigen Ausbau der Infrastruktur vorangetrieben, würde die Staatsverschuldung viel mehr als 41 Prozent des BIP ausmachen.

Sie sehen die Kantone als Bremsklötze für die wirtschaftliche Entwicklung und fordern die Einschränkung des Föderalismus. Wollen sie der Schweiz die Kantone wegnehmen?

Ich will die Kantone nicht abschaffen, doch es ist höchste Zeit, dass man sie entmachtet. Wir müssen eine nationale und internationale Politik machen, es braucht keinen Kantönligeist. Selbst in einer globalisierten Welt verstehen sich die Kantone als selbständige Staaten. Dabei haben einige nicht einmal die Grösse einer mittleren Stadt von fünfzigtausend Einwohnern. Appenzell-Innerroden hat 16 000 Einwohner

Sie fordern auch Reformen im politischen System. Beispielsweise einen auf 4 Jahre gewählten Bundespräsidenten. Was erhoffen Sie sich davon?

Dann würde das Ausland endlich erkennen, wer uns vertritt. Die Schweiz wird zu wenig wahrgenommen. Zudem braucht es in der Regierung viel weniger Parteien, damit klare Mehrheiten möglich werden. Derzeit setzt sich der Bundsrat aus fünf Parteien zusammen, die nicht mal in sich selbst geschlossen sind. Unser aktuelles System lähmt Reformen, kostet viel Geld und endet immer in Kompromissen.

Ihr Buchcover zeigt eine Uhr, eingestellt auf fünf vor zwölf. Sie sagen damit, das Erfolgsmodell Schweiz sei fast am Ende. Sie sind ein Pessimist.

Ich bin kein Schwarzmaler. Ich schildere Szenarien. Fünf vor zwölf bedeutet, dass es allerhöchste Zeit ist, um fundamental zu handeln. Unsere Probleme sind massiv. Mit der EU ist es definitiv fünf vor zwölf, im Inland vielleicht viertel vor. Die Schweiz steht vor einer Bewährungsprobe

Schreiben als Therapie

Walter Wittmann ist emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität Freiburg. Er hat bereits über 20 Bücher verfasst, darunter «Der nächste Crash kommt bestimmt» (2007) und «Staatsbankrott» (2010). Walter Wittmann lebt in Bad Ragaz. Er sagt von sich, dass schreiben auch eine Art Therapie sei. Wittmann arbeitet täglich etwa 1,5 Stunden an seinen Büchern. Sein neustes Werk heisst «Unabhängige Schweiz? Perspektiven für ein reformunwilliges Land» (2011, Orell Füssli Verlag).

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