«Time-out»: Entscheidet sich unser WM-Glück in New York?
Aktualisiert

«Time-out»Entscheidet sich unser WM-Glück in New York?

Wer ordnet unser Spiel in der Hockeynati wieder? Nach dem Deutschland Cup 2011 ist klar: Ohne NHL-Verteidiger werden wir an der WM Probleme haben.

von
Klaus Zaugg
Mark Streit von den New York Islanders. (Bild: Keystone)

Mark Streit von den New York Islanders. (Bild: Keystone)

Die Schweizer haben das Publikum in München gut unterhalten. Einst galt unsere Nationalmannschaft unter Ralph Krueger als eine der taktisch besten, aber langweiligsten der Welt. Das gut strukturierte Defensivspiel und die hohe Spieldisziplin gaben dem Gegner weder Raum noch Zeit zum Offensivspektakel. Die Schweizer langweilten die Fans fast immer. Bei an und für sich bedeutungslosen Spielen und Turnieren übten sie dieses System. Bei der WM wandten sie es an.

Unter Kruegers Nachfolger Sean Simpson sind die Spiele der Nationalmannschaft spektakulärer und kurzweiliger geworden. Während den drei Partien beim Deutschland Cup (2:4 gegen Deutschland, 3:2 n.P. gegen die USA und 1:2 gegen die Slowakei) kamen die Gegner gegen uns zu mehr vielversprechenden Torchancen als während einer ganzen Saison unter Ralph Krueger. Im Gegenzug hatten unsere Stürmer genug Torchancen, um alle drei Spiele zu entscheiden. Schliesslich hatten wir unsere produktivsten Stürmer dabei, unter anderem die drei besten NLA-Skorer (Brunner, Bykow, Sprunger). Aber in drei Spielen reichte es gerade mal zu fünf Toren.

Das Kader ist zu gross

Mit dem Eishockey einer WM hatten die Spiele beim Deutschland Cup allerdings wenig zu tun. Und das kann nicht in unserem Interesse sein. Den Aufstieg in die Weltklasse verdanken wir nicht nur dem Talent unserer Spieler. Sondern immer noch primär der klaren Ordnung auf und neben dem Eis, der Disziplin und der Präzision. Davon war beim ersten Zusammenzug dieser Saison zu wenig zu sehen.

Das hat seinen Grund: Der tüchtige Sean Simpson hat für die vier ersten Partien (Allstar-Spiel plus Deutschland Cup) 53 Spieler aufgeboten. Das ist auch unter Berücksichtigung der besonderen Umstände – acht Absagen - riskant. Die Sichtung junger Spieler während der Saison ist wünschenswert. Das hat auch Ralph Krueger so gemacht. Aber Krueger bot immer Spieler auf, die eine klare Rolle in seinem System hatten. Diese Systematik in Spiel und Aufgeboten gibt es bei 53 Aufgeboten für vier Partien nicht mehr.

Verband und Nationalteam befinden sich in einer Phase des Umbruches. Da mögen die Dinge hin und wieder ein wenig aus den Fugen geraten. Doch bei allem Mut zum Risiko ist zu bedenken: Das Nationalteam ist die erste Mannschaft im Hockey-Staat. Auch dann, wenn Spieler getestet werden, dürfen Resultat und Systemtreue nicht vernachlässigt werden. Die Analysen nach den Spielen mahnten in München an eine eigentlich überwundene Verliererkultur: Die Klage, man habe sehr viele Chancen herausgespielt aber die Tore nicht gemacht, das Verweisen auf ein unglückliches Gegentor dort und einen falschen Schiedsrichterentscheid da. Und schliesslich das auch von den Deutschen Medien genüsslich aufgenommene Jammern von Sean Simpson über die Eisqualität.

Ein Schweizer NHL-Verteidiger muss es richten

Letztlich fehlten der Mannschaft auf dem Eis die ordnenden Hände eines «Quaterback». Eines coolen, charismatischen und scheibensicheren Spielmachers. Das ist sicherlich mit ein Grund für die fehlende taktische Sicherheit, die ungenügende Torproduktion und das schwache Powerplay: Den Schweizern fehlten mindestens zwei Verteidiger mit dem ersten, schnelle Pass aus der eigenen Zone heraus, mit dem sicheren Gespür für die Vorstösse in die Offensive und mit der Fähigkeit, beim Powerplay die Scheibe im gegnerischen Drittel zu halten und das Spiel zu organisieren.

Wir werden an der WM mehr denn je auf unsere Nordamerikaner angewiesen sein: Auf die NHL-Verteidiger Mark Streit (Islanders), Yannick Weber, Raphael Diaz (Montréal) und Luca Sbisa (Anaheim). Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die Islanders die Playoffs nicht schaffen und dass Montréal und Anaheim, wenn sie die Playoffs schaffen, in der erste Runde scheitern.

Vor allem Mark Streit kann mit seiner spielerischen Klasse, seiner Persönlichkeit, seinem Charisma, seinem Einfluss auf dem Eis und in der Kabine die Nationalmannschaft in ein Siegerteam verwandeln. Entscheidet sich unser WM-Glück in New York?

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