Nato-Entscheid: «Entschlossenheit ist die einzig richtige Haltung der Nato gegenüber Russland»

Publiziert

Nach Nato-Entscheid«Entschlossenheit ist die einzig richtige Haltung der Nato gegenüber Russland»

Die Nato hat Russland offiziell als Feind betitelt. Experten erklären, was das für den Kriegsverlauf und die Rolle der Schweiz bedeutet und ob die Gefahr eines Atomschlags steigt.

von
Marino Walser
Daniel Graf
1 / 3
Die Nato erklärt Russland offiziell zum Feind. Dies wurde am Mittwochnachmittag am Gipfel in Madrid beschlossen. 

Die Nato erklärt Russland offiziell zum Feind. Dies wurde am Mittwochnachmittag am Gipfel in Madrid beschlossen. 

REUTERS
Laurent Goetschel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Basel, sagt: «Der Entscheid der Nato, Russland zum Feind zu erklären, wird keine grossen Auswirkungen auf den Krieg haben.»

Laurent Goetschel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Basel, sagt: «Der Entscheid der Nato, Russland zum Feind zu erklären, wird keine grossen Auswirkungen auf den Krieg haben.»

Universität Basel
Der Politikwissenschaftler Markus Kaim sagt: «Russlands Atomwaffen-Drohung ist meiner Meinung nach rein politischer Natur. Die militärische Führung Russlands hat kein Interesse daran, eine nukleare Eskalation zu riskieren. Ich sehe deshalb keine wirkliche Bereitschaft zu einem Atomwaffeneinsatz.»

Der Politikwissenschaftler Markus Kaim sagt: «Russlands Atomwaffen-Drohung ist meiner Meinung nach rein politischer Natur. Die militärische Führung Russlands hat kein Interesse daran, eine nukleare Eskalation zu riskieren. Ich sehe deshalb keine wirkliche Bereitschaft zu einem Atomwaffeneinsatz.»

Stiftung Wissenschaft und Politik: Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit

Darum gehts

  • Die Nato erklärt Russland offiziell zum Feind.

  • Experten erklären, was das für den Kriegsverlauf und die Rolle der Schweiz bedeutet und ob die Gefahr eines Atomschlags steigt.

Am Mittwochnachmittag erklärte die Nato anlässlich des Gipfels von Madrid Russland offiziell zum Feind. Der Politologe Laurent Goetschel und der Politikwissenschaftler Markus Kaim erklären im Interview mit 20 Minuten, was das für den Kriegsverlauf bedeutet und ob die Gefahr eines Atomschlags nun steigt.

Kommt für Sie der Entscheid überraschend?

Laurent Goetschel: Grundsätzlich ist jeder ein Feind, der das Nato-Bündnis bedroht. Russland hat in jüngster Vergangenheit immer wieder Drohungen Richtung Westen ausgesprochen und ist vom Westen also als Feind zu werten. Dementsprechend kommt die Entscheidung der Nato, Russland als Feind zu taxieren, nicht überraschend.

Markus Kaim: Nein. Das zeichnet sich spätestens seit 2014 ab. Das Verhältnis zu Russland hat sich von einer strategischen Partnerschaft zur Feindschaft geändert. Damit einher ging auch ein Bedeutungswandel der Nato: Nach 20 Jahren Auslandseinsätzen kehrt sie jetzt zurück zu einer Bündnisverteidigung.

Hat es dennoch Auswirkungen auf den Krieg?

Kaim: Diese Haltung der Nato stellt keine neue Eskalationsstufe dar. Die Nato darf sich nicht von dem Propaganda-Geschrei aus Russland ablenken lassen. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine kann es keine zwei Meinungen mehr geben: Russland ist eine imperiale Macht. Russland stösst seit Monaten atomare Drohungen aus und stellt teilweise die Unabhängigkeit und Souveränität von Nato-Mitgliedern infrage. Wie sonst soll die Nato darauf reagieren?

Goetschel: Als erstes muss man festhalten: Die Nato ist weder direkt noch indirekt im Krieg mit Russland. Die Haltung des Westens bestärkt aber wahrscheinlich das Engagement westlicher Länder, der Ukraine Waffen zu liefern. Die Abkehr des Westens von Russland ist zum jetzigen Zeitpunkt aber ein Schuss, der ins Leere trifft. Vor dem 24. Februar hätte es aber Putin angestachelt, in der Ukraine anzugreifen.

Müssten nicht vom Westen Deeskalation gesucht oder Zugeständnisse gemacht werden?

Kaim: Dieser Meinung bin ich dezidiert nicht. Wenn Russland den Krieg hätte beenden oder reduzieren wollen, hätte es dazu schon lange die Möglichkeit gehabt. Es geht hier nicht darum, was die Nato macht. Wenn wir uns fragen, wie Russland dazu gebracht werden kann, einzulenken, gibt es nur ein notwendiges Signal: Geschlossenheit und Entschlossenheit. Wer dies als Eskalation wertet, hat meiner Meinung nach etwas nicht verstanden.

Wie wird Russland nun reagieren?

Goetschel: In erster Linie wird sich Russland bestätigt fühlen in der Annahme, dass der Westen als Feind zu werten ist. Es passt den Russen ins Narrativ. Grundsätzlich ist es aber so, dass es keine grossen Auswirkungen auf den Krieg haben wird.

Erhöht dies nun die Wahrscheinlichkeit eines Atomschlags?

Goetschel: Ich gehe nicht davon aus, dass es zu einem militärischen Austausch zwischen dem Osten und dem Westen kommen wird. Ich erachte es demnach nach wie vor als unwahrscheinlich, dass zu Nuklearwaffen gegriffen wird.

Kaim: Russlands Atomwaffen-Drohung ist meiner Meinung nach rein politischer Natur. Die militärische Führung Russlands hat kein Interesse daran, eine nukleare Eskalation zu riskieren. Ich sehe deshalb keine wirkliche Bereitschaft zu einem Atomwaffeneinsatz.

Ist das ein guter Entscheid der Nato? Braucht es jetzt eine Appeasement-Politik, um einen Weltkrieg zu verhindern?

Goetschel: Ich denke, es ist nicht unbedingt eine sinnvolle Haltung. Denn am Kriegsverlauf wird es nicht viel ändern, aber es erschwert es, Brücken zwischen Beteiligten zu bauen. Russland wird sich aber nicht aus der Ukraine zurückdrängen lassen, ausser die Nato greift ein. Dies ist aber im Moment nicht denkbar. Die Nato stärkt also die Spannung, erschwert es aber, eine Lösung zu finden.

Wie soll die Schweiz nun reagieren? Muss die Schweiz die neutrale Stellung wahren und wie neutral soll oder kann die Schweiz sein?

Goetschel: Die Schweiz ist neutral und bleibt neutral. Sie ist nicht Teil der Nato und ist somit davon nicht betroffen. Ich denke, der Entscheid zeigt, wie wichtig es ist, nicht Mitglied der Nato zu sein. Es erhöht den Wert dieser Nicht-Mitgliedsländer, in diesem Konflikt eben doch Brücken zu bauen. 

Hast du Angst vor einem dritten Weltkrieg?

Bleibe über Politikthemen informiert

Interessierst du dich auch über Bundesratswahlen und Abstimmungen hinaus für das Politgeschehen im Land? Liest du gerne spannende Interviews, Analysen, aber auch Lustiges zu aktuellen Themen? Abonniere hier den Politik-Push (funktioniert nur in der App)!

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann aufs «Einstellungen»-Zahnrad und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Politik» an – schon läufts.

Deine Meinung

201 Kommentare