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ErkenntnisEntschuldigung, es tut mir nicht leid!

Warum fühlen wir uns ins vielen eigentlich alltäglichen Situationen so schlecht, dass wir das Gefühl haben, uns rechtfertigen oder gar entschuldigen zu müssen?

von
ben

«Benny. Die Wäsche bitte nicht immer tagelang hängenlassen, ich brauche auch noch Platz. Bitte das nächste Mal daran denken!» Gestern Morgen, ich bin gerade in der Arbeit angekommen, erreicht mich diese Whatsapp-Message von meiner Mitbewohnerin Anna. Gemeint ist damit die Wäsche, die ich zum Trocknen auf den Wäscheständer gehängt habe. Dieser steht aus Platzgründen im gemeinsamen Wohnzimmer.

Von «tagelang» kann allerdings nicht die Rede sein, denn ich habe erst am Abend davor gewaschen, mein Zeug hing also gerade mal eine Nacht. Obwohl die Nachricht jetzt nicht sonderlich kollegial und meiner Meinung nach auch etwas übertrieben war, ist sie dennoch keine allesvernichtende Hasstirade, die mein gesamtes Schaffen und Lebenswerk in Schutt und Asche zu legen droht.

Entschuldigungen um des lieben Friedens willen

Trotzdem überkommt mich nach dem Lesen der Nachricht kurz das Gefühl, auf voller Ebene versagt, das ganze Zusammenleben nachhaltig gestört und unsere freundschaftliche Beziehung in akute Gefahr gebracht zu haben. Völlig hysterisch mache ich mich daran, eine ziemlich pathetische, ellenlange Entschuldigungsnachricht zu tippen, um mich für mein egoistisches und verantwortungsloses Verhalten zu rechtfertigen. Und das nur um des lieben Friedens willen, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst bin.

Kurz bevor ich auf «Senden» drücke, halte ich inne. Es ist, als würde eine unsichtbare Macht mit strenger Stimme sagen wollen: «Stopp! Wofür rechtfertigst du dich? Du hast einfach deine Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Jetzt reiss dich aber mal zusammen!»

Also lösche ich kurzerhand den rühr- und mühseligen Roman und tippe einfach ein simples «Hängt seit gestern Abend, trocknet noch.» Um weniger bitchy zu wirken, hänge ich noch ein blödes Torten-Emoji an. Und ich fühle mich überraschend gut. Kein Grund, durchzudrehen und in hoffnungslose Panik auszubrechen. Ich habe niemandem Leben unnötig erschwert, es ist alles in Ordnung.

Wichtig sind Selbstreflexion und Tiefe

Die ganze Situation bringt mich zum Überlegen – gibt es so etwas wie offizielle Grundregeln, die besagen, wann und in welcher Form aufrichtige Entschuldigungen angebracht, schlechtes Gewissen und Rechtfertigungen angemessen sind?

Wie schlecht muss ich mich fühlen, wenn ich eine Verabredung absage, weil ich nicht motiviert genug bin, das Haus zu verlassen? Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich eine Freundschaft beende, weil ich ganz einfach und ohne besonderen Grund keine Lust mehr habe, mit einer bestimmten Person abzuhängen? Und: Sagt man «Sorry», wenn man im Beisein anderer niesen oder gähnen muss?

«Entschuldigen braucht Eigenreflexion, Empathie und Selbstwahrnehmung. Also ob man zu dem stehen kann, was man gemacht hat», meint Miriam Levy, Fachpsychologin aus Zürich, die sich unter anderem auf Identitätsfragen und Themen wie Selbstzweifel, Schuld und Scham spezialisiert hat. «Einfach keine Lust auf etwas oder jemanden zu haben, ist sehr oberflächlich und distanziert. Es fehlt an Tiefe.»