Aktualisiert 23.09.2019 13:31

«Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner»Entwicklungshilfe-Satire provoziert Shitstorm

In Basel wird gegen ein satirisches Theaterstück mobilisiert, das diese Woche aufgeführt werden soll. Der Regisseur wehrt sich gegen den Rassismus-Vorwurf.

von
lha
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Um die Theatersatire «Benefiz – jeder rettet einen Afrikaner» ist in Basel eine Kontroverse entbrannt.

Um die Theatersatire «Benefiz – jeder rettet einen Afrikaner» ist in Basel eine Kontroverse entbrannt.

Screesnhot Youtube/Kosmos Theater Wien
Stein des Anstosses war nebst dem Titel des Stücks auch die grafische Gestaltung des Flyers. Dieser wurde inzwischen überarbeitet.

Stein des Anstosses war nebst dem Titel des Stücks auch die grafische Gestaltung des Flyers. Dieser wurde inzwischen überarbeitet.

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Neu wird das Stück neutral beworben. Die Kritiker liessen sich damit aber nicht besänftigen.

Neu wird das Stück neutral beworben. Die Kritiker liessen sich damit aber nicht besänftigen.

Facebok

Mit einem Shitstorm hätte Regisseur Dirk Schulz wirklich nicht gerechnet. Die Theatersatire «Benefiz – jeder rettet einen Afrikaner» der deutschen Autorin Ingrid Lausund wird seit 2011 regelmässig im deutschsprachigen Raum aufgeführt und erntete bislang stets gute Kritik. Das Stück ist eine Satire über das Helfersyndrom und Vorurteile. Am Donnerstag soll Premiere sein in der Klara, einem Kleinbasler Gastro- und Eventlokal.

Auf Facebook ist auf der Eventseite der Veranstaltung eine heftige Kontroverse über das Stück entbrannt. «Was soll diese rassistische Kackscheisse?», kommentierte ein User. «Titel und Beschreibung zum Stück sind superrassistisch und gehen so einfach nicht», schreibt eine andere. Das Stück lese sich wie ein schlechtes Relikt aus dem letzten Jahrundert. Andere fordern, das Stück gar nicht erst aufzuführen, greifen den Regisseur an oder rufen gar zum Boykott der Klara auf.

Kritiker wurden gezielt mobilisiert

Der Shitstorm wurde orchestriert. Auf Social Media wurde in mitgliederstarken Netzwerken dazu aufgerufen, kritische Posts zu schreiben. «Es sind bereits einige schwarze Menschen dabei, sich zu mobilisieren. Jetzt bräuchte es weisse Menschen, die sich solidarisieren. [...] Schreibt Posts, kommentiert die Veranstaltung, meldet sie», heisst es in einem Aufruf, der auf Whatsapp an über Tausend Empfänger verbreitet wurde.

Das Stück thematisiert Klischees über den Kontinent anhand einer Wohltätigkeitsveranstaltung für eine Schule in Guinea-Bissau, die fünf Europäer proben. Es geht um eine Auseinandersetzung mit bewussten und unbewussten Vorurteilen, mit denen viele Europäer aufwachsen. Im Zentrum steht die Entlarvung von Klischees über den afrikanischen Kontinent und der Eitelkeit, die mit so genannter Wohltätigkeit verbunden ist, heisst es im Beschrieb.

Seit 2009 noch kein Rassismus-Vorwurf

Die Satire wurde seit 2009 vielfach im deutschsprachigen Raum aufgeführt. So auch am Kellertheater Winterthur. «Das Stück wurde bei uns auch diskutiert, aber insgesamt sehr positiv aufgenommen. Dagegen mobilisiert hat nun wirklich niemand, warum auch?», schreibt Theaterleiter Udo van Ooyen auf Anfrage.

Auch dem Suhrkamp Verlag, der das Stück verlegt, war bislang nichts von Rassismus-Vorwürfen bekannt. Die Autorin Ingrid Lausund, die auch Drehbücher fürs Fernsehen schreibt wurde bereits zweimal mit dem Grimme Preis und dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis ausgezeichnet.

Regisseur möchte differenzierte Diskussion

Der Regisseur hat auf die Kritik reagiert, in einem ersten Schritt den Flyer grafisch überarbeitet und am vergangenen Freitagabend zu einer Diskussion in der Klara geladen. Mit mässigem Erfolg. «Eine Diskussion über den Inhalt des Stücks fand dabei nicht statt. Vielmehr wurden die in das Projekt Involvierten aufgefordert, sich dringend auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Rassismus einzulassen», schrieb Schulz tags darauf in einem ausführlichen Post auf Facebook.

Nach wie vor ist unklar, ob das Stück in Basel zur Aufführung kommt. Dies werde nun bis am Dienstag entschieden, sagt Schulz auf Anfrage. Er werde das mit der Klara und seinen Schauspielern weiter diskutieren. Nach wie vor sei er aber an einer inhaltlichen Debatte über das Stück interessiert. «Es hat sich alles am Titel und am Flyer entzündet», bedauert Schulz. Eine inhaltlich differenzierte Diskussion sei aber berechtigt und solle auch stattfinden.

Autorin «aus allen Wolken gefallen»

Die Autorin des Stücks ist über die Vorgänge in Basel schockiert, wie über ihren Verlag zu erfahren war. «Sie ist aus allen Wolken gefallen», so Verlegerin Christiane Schneider auf Anfrage. In den zehn Jahren, in denen das Stück, das zurzeit auch am Schauspielhaus Hamburg inszeniert wird, schon aufgeführt wird, sei noch nie etwas derartiges vorgekommen.

Dass der Titel des Stücks Irritation auslösen könne, verstehe sie. «Wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter», betont sie. Aber, fügt Schneider an, «man muss das Stück auch lesen oder ansehen».

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