27.10.2020 10:09

Corona-AusbrücheEpidemiologin fordert Maskenpflicht auch für Primarschüler

An Schulen häufen sich die Corona-Fälle, Lehrer sind krank oder in Quarantäne. Eine Epidemiologin sagt, das Risiko in der Schule werde unterschätzt. Auch in der Primarschule brauche es strikte Schutzmassnahmen.

von
Leo Hurni
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Distanz und Masken: Ab welchem Alter macht das Sinn? Das ist unter Epidemiologen umstritten.

Distanz und Masken: Ab welchem Alter macht das Sinn? Das ist unter Epidemiologen umstritten.

Viele Eltern zeigen sich besorgt über die Hygienebestimmungen in den Schulen.

Viele Eltern zeigen sich besorgt über die Hygienebestimmungen in den Schulen.

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Deshalb fordern sie härtere Corona-Massnahmen.

Deshalb fordern sie härtere Corona-Massnahmen.

imago images/Pixsell

Darum gehts

  • Besorgte Eltern fordern bessere Schutzkonzepte von den Primarschulen.

  • Eine Epidemiologin sagt, man müsse auch Kinder vermehrt testen. Ihre Rolle bei der Übertragung des Virus werde unterschätzt.

  • Das Bundesamt für Gesundheit verweist auf die Kompetenzen der einzelnen Kantone.

«Mittlerweile tragen mindestens zehn Kinder in der Klasse meines Sohnes (9) Masken und müssen sie fürs Singen ablegen. Hä?», schrieb Mutter Michelle Kübler auf Twitter. Sie stört sich am «unvernünftigen» Schutzkonzept der Primarschule ihres Sohnes. Vom Kanton fordert sie mehr Eigeninitiative. «Mir würde fürs Erste reichen, wenn die Kantone eine Maskenempfehlung für die Primarschule aussprechen würden. Das ist aber bisher nicht passiert.»

«Da mein Mann und ich beide Risikopatienten sind, mache ich mir schon Sorgen über unsere Gesundheit», sagt die Baselbieterin zu 20 Minuten. «Ich habe unserem Sohn jetzt eine Schutzmaske in die Schule mitgegeben, die er freiwillig anziehen kann.» Das würden einige Eltern so machen. Ein gutes Schutzkonzept sei aber Sache der Schule. Sie müsse sich fragen, ob sie es noch verantworten könne, ihren Sohn in die Schule zu schicken.

Besorgt ist auch die Mutter Emilia Giammaria, die selbst Lehrerin ist. Sie sammelt auf einer Google-Karte alle Corona-Ausbrüche an Schulen, die ihr aus den Medien bekannt werden. Ihr Ziel: aufrütteln. Denn viele unterschätzten die Pandemie. «Ich denke, es hilft, wenn man nicht immer nur Zahlen, sondern auch mal eine Karte sieht. Die Situation ist jetzt sehr ernst.»

Maskenpflicht für alle Schüler gefordert

Epidemiologie-Professorin Olivia Keiser von der Uni Genf versteht die Sorgen der Eltern. Die Rolle der Kinder sei lange unterschätzt worden. «Kinder spielten eine wichtige Rolle in der Verbreitung des Virus. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Kinder auch ein Grund für den grossen Fallanstieg in den letzten Wochen wären.» Selbst wenn man von einem reduzierten Ansteckungsrisiko unter Kindern ausgehe, sei die Gefahr nun gross ist bei den jetzigen enormen Fallzahlen. Sie verweist auf eine neue Studie der Universität Edinburgh, laut derer Schulschliessungen die Ausbreitung der Epidemie bremsen. Das möchte Keiser jedoch wenn möglich vermeiden.

Um die steigenden Fallzahlen in den Griff zu kriegen, komme man jedoch um weitere Massnahmen wie eine durchgehende Maskenpflicht für alle Schüler nicht herum. «Das dient dem Schutz der Kinder, aber auch der Lehrpersonen und Eltern, die grösseren Gefahren ausgesetzt sind, weil es keine Maskenpflicht gibt.» Zudem müsse man die Kinder vermehrt testen. Handlungsbedarf sieht Keiser jetzt vor allem bei den Kantonen und dem Bund. «Der Unterschied zwischen den Massnahmen der einzelnen Schulen ist immer noch viel zu gross.»

BAG: «Übertragung stark altersabhängig»

Bei der Schule des Buben im Kanton Baselland sagt der Schulleiter: «Wir halten uns an die Vorgaben des Kantons.» Natürlich könne die Schule die bestehenden Schutzkonzepte noch verstärken, doch man versuche, einheitlich und mit dem Amt für Volksschulen zu handeln. Angesprochen auf die Situation im Musikunterricht, heisst es, der aktuelle Umgang mit dem Musikunterricht werde zurzeit in der Schulleitung besprochen. Der Schule bereite aber vor allem auch die Gesundheit der Lehrer Sorgen. «Viele unserer Lehrpersonen fallen aus. Es gibt zurzeit nicht mehr viele Aushilfen auf dem Markt, was früher oder später zu einem echten Problem für die Schule werden kann.»

Laut Yann Hulmann, Sprecher des Bundesamts für Gesundheit (BAG), liegt die Verantwortung für Massnahmen in der Schule bei den Kantonen. Das BAG stehe in regelmässigem Kontakt mit kantonalen Ärzten und Kinderärzten und evaluiere regelmässig Empfehlungen, um sie gegebenenfalls anzupassen. Die Rolle der Kinder als Verbreiter des Coronavirus sei vom BAG nicht unterschätzt worden: «Das Krankheitsrisiko und die Übertragung des Coronavirus bleiben nach den verfügbaren Daten stark altersabhängig. Dieses ist niedrig bei Kinder unter 12 Jahren.» Deshalb schaue man jetzt vor allem, dass die obligatorischen Schulen offen blieben.

Schulschliessung in anderen Ländern

In Israel zeigte sich vor einigen Wochen, dass eine zweite Schulschliessung durchaus möglich ist: Aufgrund der grossen Fallzahl wurde ein zweiter Lockdown beschlossen. Schulen und Kitas wurden geschlossen, denn sie galten als Ausgangspunkt der zweiten Welle. Nachdem Kindergärten seit letzter Woche wieder öffnen dürfen, wird in Israel jetzt beraten, wie und mit welcher Geschwindigkeit die Schulen wieder geöffnet werden sollen.

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