Lucas Fischer ist nach Epilepsie, Coming-out  und Depressionen stolz auf sich
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Lucas Fischer  «Epilepsie, Coming-out und Depression – heute bin ich stolz auf mich»

Der Ex-Kunstturner verpasste aufgrund seiner Krankheit haarscharf die Olympischen Spiele. Nach jahrelangem Kampf ist der Sänger endlich im Reinen mit sich.

von
Lara Hofer
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Ist stolz auf sich: Musiker Lucas Fischer (31). 

Ist stolz auf sich: Musiker Lucas Fischer (31). 

Heiko Roith
Der Aargauer arbeitet derzeit an seinem ersten Album, welches im Sommer erscheinen soll. «Es geht um Liebe, Herzschmerz und meine Vergangenheit», so der 31-Jährige. 

Der Aargauer arbeitet derzeit an seinem ersten Album, welches im Sommer erscheinen soll. «Es geht um Liebe, Herzschmerz und meine Vergangenheit», so der 31-Jährige. 

Heiko Roith
Der Sänger ist ein ehemaliger Schweizer Kunstturner. Er wurde 2013 Vize-Europameister am Barren. 

Der Sänger ist ein ehemaliger Schweizer Kunstturner. Er wurde 2013 Vize-Europameister am Barren. 

Instagram/lucasfischer_official

Darum gehts

Den Traum vom Olympia-Gold musste der Kunstturner aufgrund seiner Epilepsie aufgeben. Die Krankheit führte ihn im Gegenzug auf die grosse Showbühne: 2017 stand Lucas Fischer im Finale von «Das Supertalent». Seither konnte er sich als Musiker einen Namen machen – was er nun mit seiner neuen Single «Stolz auf mich» zelebriert.

«Es war ein langer Weg, bis ich mir selbst sagen konnte, dass ich stolz auf mich bin», sagt der Aargauer gegenüber 20 Minuten. So sei er karrieretechnisch immer sehr perfektionistisch und streng mit sich selbst gewesen. «Ich komme aus einer Turnerfamilie und kenne, seit ich klein bin, keinen anderen Weg als den des Profi-Kunstturnens», blickt Lucas zurück. Er habe täglich hart trainiert, bis er es an die Spitze geschafft hat – sein volles Potenzial konnte er jedoch nie ganz ausschöpfen.

Epilepsie, Depression, Essstörung

«Meine steinige Karriere als Kunstturner war durchzogen von Verletzungen. Ich hatte fünf Fussoperationen und zwei Knieoperationen», erzählt Lucas. Hinzu würden die seelischen Narben kommen: «Die Verletzungen haben mich psychisch belastet – und später natürlich auch meine Epilepsie, die mich ewig prägen wird», so Lucas. 

Zu dieser Zeit sei er von Angst geplagt gewesen. «Ich hatte Versagensängste und fürchtete mich davor, andere Leute zu enttäuschen – besonders an den Sportwettkämpfen», sagt der 31-Jährige. Weiter fügt er an: «Als dann die Epilepsie kam, hatte ich anfangs ständig Angst vor einem neuen Anfall.» Die Folge: Der Ex-Kunstturner hatte nach seiner Sport-Karriere mit Depressionen und Essstörungen zu kämpfen.

«Nach dem Turnen fehlten mir die Perspektiven. Ich kannte nie etwas anderes und sah kein Licht mehr am Horizont. Ich fühlte mich, als hätte ich zum ersten Mal so richtig versagt und aufgegeben», gesteht der 31-Jährige. Die Dunkelheit und Selbstzweifel hätten überragt – von Selbstliebe war keine Spur mehr. «Der Weg aus dieser Krise war ein langer.»

«Die Leute haben mich belächelt»

Heute ist der Musiker stolzer denn je auf die Entscheidung, seine sportlichen Ziele begraben und stattdessen einen neuen Weg einzuschlagen zu haben. «Ich bin im Reinen mit mir. Ich bereue nichts und bin stolz auf mich», so Lucas. Dank seiner Krankheit habe er schliesslich seine Leidenschaft für die Musik entdeckt. «Ohne Epilepsie wäre ich nie Musiker geworden.»

In den letzten fünf Jahren releaste der Sänger laufend neue Songs. Derzeit arbeite er gar an seinem ersten Album, welches im Sommer erscheinen soll. Ein wichtiger Schritt für ihn: «Die Leute haben mich lange belächelt und als Musiker nicht ernst genommen. Sie dachten, weil es mit dem Sport nicht geklappt hat, singe ich jetzt. Doch mittlerweile weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.» 

«Homosexualität war ein Tabu-Thema»

Inmitten seiner Musikkarriere outete sich Lucas 2018 als homosexuell. «Ich habe diese Seite von mir erst sehr spät entdeckt. Zuvor war ich mein ganzes Leben lang mit Frauen zusammen und hatte auch mehrere Freundinnen», erzählt Lucas. Zu seiner Zeit als Sportler habe er noch nichts von seiner Liebe zu Männern gemerkt. «Vielleicht habe ich es damals verdrängt, weil es ein Tabu war, solche Gedanken zu haben.»

Nach einem Kuss mit einem Mann wurde seine Welt allerdings auf den Kopf gestellt. «Ich brauchte ein ganzes Jahr, um herauszufinden, was ich will. Als ich mir endlich sicher war, dass ich auf Männer stehe, war das eine grosse Erleichterung», sagt der Sänger. Heute sei er stolz auf sein Coming-out. Wie es um seinen Beziehungsstatus steht, behält Lucas lieber für sich. Abschliessend sagt er: «Ich finde es wichtig, dass jede und jeder den Menschen lieben darf, den sie oder er möchte – egal, ob Sportler, Musiker oder Künstler.» 

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