Aktualisiert 30.01.2013 09:36

ARD-Moderator

Er ärgert sich schwarz über «Neger»-Debatte

Die Ankündigung zweier Verlage, in Kinderbüchern Wörter wie «Neger» zu tilgen, hat in Deutschland eine Rassismus-Diskussion entfacht. Ein ARD-Moderator hat sich daran bereits die Finger verbrannt.

von
phi

«Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit», hat Astrid Lindgren in dem Buch «Das entschwundene Land» über ihre Kindheit geschrieben. Dieses Gefühl wollte die schwedische Autorin in ihren Geschichten weitergeben – und dennoch beschlossen deutsche Verlage vor drei Jahren, den Inhalt von «Pippi Langstrumpf» zu zensieren. Der Grund: Der Vater des aufsässigen Mädchens wird als «Negerkönig» beschrieben, der in einem fernen Land weilt.

Weil das heute zu rassistisch sei, gilt Pippis Papa seit 2009 nur noch als «Südseekönig». Nun steht das Thema erneut auf der Tagesordnung, da Ottfried Preusslers Buch «Die kleine Hexe» neu aufgelegt werden soll, in dem das Wort «Neger» vorkommt. Und nicht nur das: «Auch die kleinen Chinesinnen und Menschenfresser, die Eskimofrauen, der Wüstenscheich und der Hottentottenhäuptling stammten nicht aus der Schaubude. Es war Fastnacht im Dorf», heisst es im Buch.

Ende Dezember schaltete sich Deutschlands Familienministerin Kristina Schröder in die Diskussion ein. Die ehrgeizige CDU-Politikerin müsse beim Vorlesen von Kinderbüchern für ihre Tochter «synchron übersetzen, um mein Kind davor zu bewahren, solche Ausdrücke zu übernehmen. Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten», sagte sie der «Zeit». Die Märchen der Gebrüder Grimm finde sie «oft sexistisch. Da gibt es selten eine positive Frauenfigur.»

Je gebildeter, desto kritischer gegenüber Zensur

Seither wägt das deutsche Feuilleton das Für und Wider der moralischen Zensur ab. Glaubt man einer repräsentativen Umfrage der «Bild am Sonntag», wollen 50 Prozent der Befragten die altmodischen Worte nicht mehr lesen, während 48 Prozent damit kein Problem haben. In Ostdeutschland sind nur 37 Prozent der Frauen und 46 Prozent der Männer für eine Überarbeitung. Und: Je höher die Bildung der Befragten, desto eher sprachen sie sich gegen Zensur aus.

Die Verlage argumentieren einerseits, dass Kinder Begriffe wie «Schuhe wichsen» gar nicht mehr verstünden und die Bücher deshalb umgeschrieben werden müssten. Andererseits haben sich auch Leser wie Mekonnen Mesghena beschwert. Der frühere Flüchtling aus Eritrea hatte seiner Tochter aus der «Kleinen Hexe» vorgelesen und sich anschliessend an die Herausgeber gewandt.

Der Vater schildert sein Erlebnis in der «Zeit» so: «Ich geriet ins Stocken. Das hat sie gemerkt und gefragt: Was ist los? Ich habe gesagt: Das wimmelt nur so von rassistischen Ausdrücken. Für sie ist das kein Fremdwort. Sie weiss, dass ich mit dem Kindergarten gesprochen habe, damit das Wort Neger dort nicht mehr verwendet wird. Ich habe sofort an den Verlag geschrieben, dass ich die Ausdrücke rassistisch finde.»

Durch «Neger» zum Rassisten?

Verfechter der Original-Texte halten dagegen, dass ein Begriff wie «Neger» oder «Roma» aus dem Nachwuchs keinen Nazi macht. Mit Blick auf Mekonnen Mesghena schreibt die «Zeit»: «Er setzt eine Art Unschuld des Kindes voraus, die sich dadurch bewahren lasse, dass man es vor schädlichen Vokabeln schütze. Er übersieht den simplen Sachverhalt, dass keine Erziehungsidee jemals direkt zum Ziel gelangt ist.» Sprich: Es bedarf vieler Faktoren, um eine Charakter(fehl)bildung zu erklären.

Zuletzt hat Denis Scheck sich zu der Diskussion geäussert – und einen handfesten Skandal fabriziert. Eigentlich ist der Moderator des ARD-Buchmagazins «Druckfrisch» bisher vor allem als kultivierter Feingeist in Erscheinung getreten, doch ein Beitrag in der letzten Sendung bringt viele Zuschauer auf die Palme. Er malte sich darin das Gesicht schwarz an, wie es früher in Theaterstücken üblich war, in denen Schwarze als tumbe Deppen dargestellt wurden.

Kunst vs. Politische Korrektheit

Denis Scheck sagte in der ARD zwar: «Wer heute in Deutschland von Negern spricht, ist ein Holzkopf.» Doch dass Verlage historische Romane verändern, sei «ein feiger, vorauseilender Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit». Hätte er sich für sein Argument nicht wie ein «halbherzig verkleideter Karnevalsprinz» (Süddeutsche Zeitung) verkleidet, hätte er wohl mehr Gehör gefunden.

Das Vokabular von gestern hat auch in der Schweiz schon für Ärger gesorgt: Zuletzt hat die Innerschweizer Traditionsfirma Hochstrasser «Negerli»-Kaffe aus seinem Sortiment verbannt und das Produkt umgetauft. Im April 2011 sorgte die Entscheidung der Zürcher Staatsanwaltschaft für Aufsehen, die befand, dass das Wort «Neger» nicht gegen die Rassismus-Strafnorm verstosse.

Denis Scheck in der ARD. Video: YouTube/ARD)

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