Aktualisiert 30.06.2009 14:19

Inferno in der Toskana«Er brannte wie eine Fackel»

15 Tote, dutzende Schwerverletzte und zahlreiche Vermisste: Die toskanische Kleinstadt Viareggio gleicht nach der Explosion eines mit Flüssiggas gefüllten Güterwaggons einem Kriegsschauplatz. Augenzeugen erzählen Schreckliches. Und die Gefahr ist längst nicht gebannt.

Infernales Drama in der Toskana: Kurz vor Mitternacht entgleiste in der Nähe des Bahnhofs von der Kleinstadt Viareggio ein Güterzug. Der mit Flüssiggas beladene Zug fing Feuer und explodierte. Die Wucht der Explosion liess mehrere Häuser in der Umgebung einstürzen und setzte andere in Brand, wie die Polizei mitteilte. Ein riesiges Gebiet stand in Flammen, wie Augenzeugen berichteten.

«Wir haben gesehen, wie ein Feuerball in den Himmel aufstieg», sagte der Augenzeuge Gianfranco Bini, der in der Nähe wohnt. «Wir haben drei Mal ein lautes Donnern gehört, wie Bomben. Es sah aus, als ob ein Krieg ausgebrochen sei.» Andere Augenzeugen berichteten von einer Druckwelle. «Es war wie ein Erdbeben», so ein Mann gegenüber der «Repubblica».

«Er brannte wie eine Fackel»

«Ich habe Menschen gesehen, die mit ihren blossen Händen in den Trümmerhaufen gruben und sich dabei verbrannten», erzählt ein Augenzeuge dem «Corriere della Sera». Und trotzdem, erklärt ein seinem Schicksal ergebener Feuerwehrmann, «müsse man Gott danken», dass der Unfall nicht am Nachmittag passiert sei, denn «dann wäre es eine ungeheure Katastrophe gewesen».

Ein anderer Augenzeuge berichtet, wie er nach den drei Explosionen auf die Strasse rannte. In seiner Wohnung habe er zuerst, instinktiv, das Fenster öffnen wollen. Seine Frau habe ihn «zum Glück davon abgehalten». Auf der Strasse traf er auf seinen Kollegen Dante: «Komm, Dante, wir sind hier in der Hölle. Es gibt ein Haufen Menschen, denen wir helfen müssen.»

Vor ihnen lagen die Leiche einer jungen Frau und weiter vorne die eines Jugendlichen neben seinem Motorrad – beide komplett verkohlt. «Ich habe ihn noch vorbeifahren sehen», erzählt der Augenzeuge weiter. «Das Feuer hat ihn verschluckt. Plötzlich fiel er zu Boden, er brannte wie eine Fackel.»

Kinder unter den Opfern

Unter den Opfern sind auch zwei Kinder. Ein Nachbar habe miterleben müssen, wie ein kleiner Junge in einem Auto verbrannte. Die Mutter hatte ihn aus der Wohnung in Sicherheit bringen wollen und ihn in ihrem Auto eingeschlossen. Danach habe sie ihre anderen Kindern holen wollen. Kurz nachdem sie gegangen war, «wickelte eine Rauch- und Feuerwolke das Auto ein», erzählt der Mann. «Ich habe noch gesehen, wie sich der Bub das Gesicht zudeckte, das arme Kind».

Opferzahl «nur provisorisch», weitere Tote befürchtet

Im Umkreis von 300 Metern gleicht der Bahnhof einem Katastrophengebiet: Brennende Autos, eingestürzte Häuser, Rauchschwaden. Einige der 14 Wagen des Güterzuges rammten einige Häuser in der Nähe. Ein weites Gebiet stand in Flammen. Die bisherige Bilanz ist schrecklich: 13 Tote sind bisher bestätigt worden, Medien berichten von zwei weiteren Opfern. Zudem soll es weit über 50 Verletzte geben, 16 sollen in Lebensgefahr schweben, wie spiegelonline berichtet. Noch ist die Zahl der Opfer nur «provisorisch», wie die Behörden mitteilten. Das ganze Ausmass der Katastrophe sei noch nicht bekannt. Rund eintausend Menschen wurden evakuiert und aus der Gefahrenzone gebracht. Der Zivilschutzbeauftragte Guido Berolaso traf bereits in Viareggio ein, um sich ein Bild der Verwüstung zu machen.

$$VIDEO$$(Quelle: APTN Video)

Weitere Gaswaggons drohen zu explodieren

Der Brand ist inzwischen eingedämmt, wie Feuerwehrchef Antonio Gambardella sagte. Die Löscharbeiten seien aber aufgrund der hohen Temperaturen äusserst schwierig. Zudem bestehe die Gefahr, dass weitere Kesselwagen explodierten. Die Bergungskräfte versuchten die verbliebenen Waggons auszupumpen. Derweil suchten Feuerwehrleute weiter nach Opfern in den Trümmern der Häuser, so Gambardella. Rund 300 Feuerwehrleute stehen im Einsatz.

50 Verletzte mindestens, 3 Kinder lebend befreit

Videos auf YouTube zeigten meterhohe Flammen, die in den Himmel schiessen. Es sind Sirenen und Explosionen zu hören. Der Präfekt von Lucca, Carmelo Aronica, sagte im Fernsehsender RAI, insgesamt seien bei dem Unglück mindestens 50 Personen verletzt worden. 35 hätten schwere Verbrennungen erlitten. Wie die Nachrichtenagentur ANSA berichtete, wurden am Dienstagmorgen drei Kinder lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses geborgen.

Laut ersten Erkenntnissen der Polizei kam der aus 14 Waggons bestehende Güterzug aus La Spezia und war auf dem Weg nach Pisa. Materialermüdung am Fahrgestell eines Flüssiggas-Waggons gilt als eine mögliche Unfallursache. Einen Zusammenstoss zweier Züge, wie zunächst für möglich gehalten, habe es nicht gegeben, teilte die italienische Staatsbahn mit.

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(Diese und mehr Videos: YouTube.com)

(amc/kle/ap/sda)

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